Stadtteilserie

Armut und Gewalt - Von schweren Zeiten im St.-Anna-Kloster

Auf dieser undatierten Postkarte steht auf der Rückseite: „Kinder- und Säuglingsheim, Haushaltungs- und Säuglingspflegeschule an der Eulerstraße  

Auf dieser undatierten Postkarte steht auf der Rückseite: „Kinder- und Säuglingsheim, Haushaltungs- und Säuglingspflegeschule an der Eulerstraße  

Foto: Stadtarchiv

Pempelfort.   Bis 1972 war das heutige Kinderhilfezentrum in der Hand von Nonnen. Armut und Gewalt waren in der 122-jährigen Geschichte an der Tagesordnung.

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Im April berichtete die NRZ über die Zeit, in der an der Eulerstraße in Pempelfort noch ein Kloster war. Auch Leserin Vera Simons kennt das Gebäude noch und erzählt in dem Artikel, dass sie gerne im St. Anna Kloster, welches 1972 schloss, aufgewachsen ist.

Nicht jeder teilt ihre positive Erinnerung, in einem Internetforum heißt es über das jetzige Kinderhilfezentrum: „Als ich nachts dort hingebracht wurde, war es noch ein Kloster, wir schliefen mit circa 40 Mädchen in einem Raum, den ganzen Tag wurde gebetet, als ich dort ankam, habe ich erst mal alles vollgekotzt, war froh, als ich dort raus kam.“ Näheres wird nicht geschildert.

Misshandlungsvorwürfe

Auch in einem Forum der Zeitschrift Spiegel gibt es Misshandlungsvorwürfe. Dort heißt es unter anderem: „Boxensystem nannten diese unbarmherzigen Schwestern ihre Kinder-Käfighaltung. Im Annakloster wurden uneheliche Kinder als Bastarde bezeichnet. Gespräche und Berührungen der Kinder untereinander, aber auch spielen waren unter Strafe verboten. Eingesperrt in Käfigen oder gefesselt mussten diese Kinder aufwachsen. Diesen Kindern wurde schon im Säuglings- und Kleinkindalter vorgeworfen, dass sie schlecht sind. Ein beliebtes Bestrafungsmittel war die ungeheizte Arrestzelle.“ Auf Drängen von Nachbarn und Adoptiveltern seien die Misshandlungen ans Tageslicht gekommen, heißt es dort.

Als zum 100-jährigen Bestehen des Klosters 1950 eine Festschrift verfasst wurde, war an die Aufarbeitung solcher Fälle noch gar nicht zu denken. Die Gründung geht zurück auf Schwester Clara Fey, die aus einer Aachener Patrizierfamilie stammt und Stifterin der „Genossenschaft der Schwestern vom armen Kinde Jesus“ war. Die Gemeinschaft wurde 1844 in Aachen gegründet mit dazugehörigem Kloster. 1848 folgte die kirchliche wie die staatliche Anerkennung des Ordens. Seit 1850 ließen sie sich auch im damaligen Derendorf nieder.

Waisenkinder aus Berlin

Zu der Zeit wurde in Düsseldorf ein Waisenverein für Mädchen gegründet. Zwei Mitglieder des Vereins, Therese von Hagen und Klara von Kylmann boten Mutter Clara an, auf ihrem Gut ein Waisenhaus zu errichten. Zu der Zeit mangelte es in Düsseldorf an Kinderheimen. Oberin wurde am 29. Juli Mitbegründerin Mutter Dominika Istas.

Gleichzeitig mit dem Derendorfer Kloster übernahm die Stifterin Mutter Clara Fey auch das Knabenwaisenhaus an der Ritterstraße. Im Klostergebäude zogen 38 Mädchen ein. Am 24. Dezember konnte dann die Kirche an der Annastraße eingeweiht werden. Auch Waisen vom Militärs aus Berlin kamen nach Düsseldorf, und die Armenverwaltung vertraute den Schwestern die Kinder an. Diese waren meistens sieben oder acht Jahre alt und blieben bis sie sich „in der Welt bewähren konnten“.

Armut als „treue Begleiterin“

Die Räumlichkeiten wurden weiter ausgebaut. Mehrmals wurde das Haus von Krankheiten heimgesucht, zweimal brach zudem Feuer aus, und „die Armut blieb die treue Begleiterin“, heißt es in der Festschrift. Auch in der Schule arbeiteten die Schwestern. 1872, zu Zeiten des Kulturkampfs, mussten sie diese wieder aufgeben. Verbannte Schwestern der Gemeinschaft zogen daraufhin nach Roermond. Das Kloster wurde als öffentliches Eigentum gesehen und ebenfalls abgenommen. 13 Jahre später konnten die Schwestern zurückkehren.

1897 wurde das alte Gebäude abgerissen und ein Internat eröffnet, obwohl es am Geld mangelte: die Gebäude waren baufällig. 1900 wurde von der Nachfolgerin Mutter Edeltrud die St. Anna-Schule eröffnet. 1910 beherbergte das Kinderhaus 220 Zöglinge, die Schule 360 Schülerinnen, und ein Kinderhort gesellte sich dazu; 1917 wurde eine Säuglingspflegeschule gegründet. Aus der Festschrift lässt sich entnehmen, dass das damalige Derendorf nicht so schlimm vom Ersten Weltkrieg heimgesucht wurde wie andere Teile Deutschlands.

Gestapo war täglich im Kloster

Während der Nazizeit war die Gestapo täglich „zu Gast“ im Kloster. Zwei Priester wurden 1933 verhaftet. 1937 mussten auch die Nonnen die Schule abtreten. Die Säuglingspflegeschule wurde geschlossen, „da sie die Bestimmungen der Ausbildung der Pflegerinnen nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren konnten“. Während der Krieges wurden Schwestern aus Österreich und Luxemburg aufgenommen, ein Bunker wurde gebaut. Die Küche des Klosters wurde vom Staat genutzt, die Schwestern durften sie aber weiter mitbenutzen.

Am 7. November wurden aus Angst vor der Gestapo kirchliche Wertsachen eingemauert. Am 1. August 1942 folgte der erste große Bombenangriff auf Düsseldorf, in der Nacht vom 10. und 11. September der zweite. Ein weiterer Priester verstarb.

Einige der Nonnen zogen mit den Kindern raus aufs Land in das Kloster Ravengiersburg. Fast ein Jahr nach dem ersten großen Bombenangriff brannte die St. Anna-Anlage aus. Am 22. Oktober wurde das Grundstück von der Hitlerjugend beschlagnahmt. Die Schwestern legten Beschwerde ein, doch sie nütze nicht viel: ein weiterer Angriff der Alliierten zerstörte den Rest, die geblieben Schwestern lebten in den Kellern der Ruinen. Nach dreienhalb Jahren folgte dann die Rückkehr der anderen Nonnen samt der Kinder.

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