Düsseldorfer Geheimnisse:

Das Wartezimmer für den Vampir in Düsseldorf

Hanno Parmentier kennt sich hervorragend mit Leben und Tod des Serienmörders Peter Kürten aus. Mit beidem hat das Fenster vor ihm zu tun. F

Hanno Parmentier kennt sich hervorragend mit Leben und Tod des Serienmörders Peter Kürten aus. Mit beidem hat das Fenster vor ihm zu tun. F

Foto: Heike Thissen

Düsseldorf.  Noch immer stehen Teile des Gebäudes, in dem 1931 der Prozess gegen Serien-Mörder Peter Kürten stattfand. Ein Fenster hat eine besondere Bedeutung

Wer ohne Hanno Parmentier vor dem Gebäude an der Johannstraße 39 in Derendorf steht und sich den historischen Backsteinbau ansieht, der bleibt vollkommen unberührt. Doch wer mit dem Historiker und Journalisten vor Ort ist, dem stellen sich die Nackenhaare auf angesichts der Geschichte,die er anhand eines Fensters im Erdgeschoss erzählt. Es geht um eine der grausamsten Mordserien des 20. Jahrhunderts, eine Stadt in Angst und Schrecken und einen Täter, der als „Vampir von Düsseldorf“ in die Geschichte einging.

Der Serien-Mörder saß in den Prozesspausen hinter dem Fenster

„Ursprünglich war der Bau aus Backsteinen, der heute mit einem modernen Gebäude kombiniert ist, die Exerzierhalle der niederrheinischen Füsiliere. Später diente er dann als Turnhalle der Düsseldorfer Schutzpolizei. Und 1931 fand hier über mehrere Wochen der Prozess gegen den Serienmörder Peter Kürten statt“, beginnt Hanno Parmentier zu erzählen. Und dieser Mann, der wegen neunfachen Mordes und diverser anderer Delikte zum Tode verurteilt wurde, saß in den Prozesspausen hinter dem Fenster und wartete darauf, dass seine Verhandlung weiterging. „Das Bemerkenswerte ist, dass ein Großteil des Gebäudes später abgerissen und durcheinen Neubau ersetzt wurde. Aber ausgerechnet dieses kleine Stück des Kopfbaus mit dem Zimmerchen, in dem Kürten saß, ist erhalten geblieben“, erklärt der Heimatforscher. Er hat sich so intensiv mit Kürten (1863-1931), dessen Leben und Morden beschäftigt, dass er mittlerweile als Experte für ihn gilt.

Peter Kürten und seine Lust am Töten

„Seine Lust am Töten entdeckte Kürten schon als Kind“, geht Hanno Parmentier in der Lebensgeschichte des Mörders zurück. Als dieser fünf Jahre alt war, half er einem Hundefänger beim Ertränken von zwei Welpen – und war fasziniert. Zwar gab er danach an, bereits vier Jahre später für den Tod von Kindern und Jugendlichen am Mülheimer Rheinufer bei Köln verantwortlich gewesen zu sein. Bewiesen ist das allerdings nicht. Er war 30, als er der schlafenden Christine Klein, neun Jahre alt, bei einem Einbruch die Kehle durchschnitt. In den folgenden Jahren misshandelte, vergewaltigte und verletzte er vor allem junge Frauen, kam aber mit vergleichsweise kurzen Haftstrafen davon –wenn er denn überhaupt angezeigt wurde.

Die Behörden tappten lange im Dunkeln

Auch, wenn Kürten der Polizei bekannt war, tappten die Behörden bei seiner Mordserie monatelang im Dunkeln, was Düsseldorf, Deutschland und die Welt in den Jahren 1929 und 1930 in Atem hielt. „Allein zwischen Februar und November 1929 beging er acht Morde und bis zu seiner Verhaftung 1930 mehr als 20 Überfälle, die oft auch mit Mordversuchen einhergingen“, fasst der Historiker zusammen. Die Opfer waren vor allem Mädchen und Frauen, die er mit einer sogenannten Kaiserschere, auf der Wilhelm II. mit seiner Gattin abgebildet ist, mit einem Dolch oder Hammer zum Teil bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. „Beim Betrachten der Fotos mit den von Kürtens Hammerschlägen zertrümmerten Schädeln oder den von Scherenhieben zerfetzten Kinderkörpern musste ich zum Atemholen innehalten“,beschreibt Parmentier. Dass Kürten mehrmals das Blut seiner Opfertrank oder es zumindest versuchte, brachte ihm den Beinamen „Vampir von Düsseldorf “ ein.

Die achtjährige Rosa Ohlinger, der 54-jährige Rudolf Scheer, die 20-jährige Maria Hahn, die sechsjährige Gertrud Hamacher, die 14-jährige Luise Lenzen, die 31-jährige Ida Reuter, die 22-jährige Elisabeth Dörrier und die fünfjährige Gertrud Albermann sind die Opfer, für deren Tod Peter Kürten später mit dem Leben bezahlen muss. „Neun Morde, sieben Mordversuche – das ist das, was gesichert ist. Aber wenn man Kürtens eigenen Aussagen im Gefängnis Glauben schenken darf, waren da noch einige Opfer mehr“, benennt Hanno Parmentier das schier Unfassbare.

Ein kurioser Umstand überführte den Serien-Mörder

Endgültig auf die Schliche war die Polizei dem Serienmörder schließlich durch einen kuriosen Umstand gekommen. „Nachdem Kürten in einem Wald erneut zudringlich geworden war, ließ er sein Opfer dennoch laufen. Das sollte ihm zum Verhängnis werden, denn die junge Frau schilderte den Vorfall ihrer Freundin in einem Brief. Irrtümlich wurde dieser aber einem gänzlich unbeteiligten Ehepaar zugestellt, das die Polizei informierte“, beschreibt der Historiker die glückliche Fügung des Schicksals. Die Absenderin konnte ausfindig gemacht werden, und weil sie sich daran erinnerte, wo Kürtens Wohnung lag, konnte die Verhaftung wenig später erfolgen. „Da habt ihr aber lange für gebraucht“, soll er das Klicken der Handschellen kommentiert haben. Und jetzt kommt das Fenster in der Johannstraße ins Spiel.

Zu viele Zuschauer: Der Prozessort wurde verlegt

Eigentlich sollte der Prozess vor dem Düsseldorfer Schwurgericht im März 1931 im Justizgebäude am heutigen Martin-Luther-Platz stattfinden. Aber mit mehr als 100 Pressevertretern und bis zu 180 geladenen Zeugen reichte der Platz dort nicht aus“, berichtet Hanno Parmentier, wie es mit Kürten weiterging. Außerdem waren sich die Verantwortlichen nicht sicher, ob dort Kürtens Sicherheit gewährleistet gewesen wäre. Zu groß war die Gefahr, dass die aufgebrachten Menschen mit dem verhassten Mörder kurzen Prozess machen könnten, wenn sie nur nah genug an ihn herangekommen wären – was bei einem Transport zwischen dem Gefängnis in der Ulmenstraße und dem Justizgebäude durchaus hätte der Fall sein können.

Schlussendlich fiel die Entscheidung zugunsten der Unterkunft der Düsseldorfer Schutzpolizei und damit für die ehemalige Kaserne des 39er Füsilier-Regimentes. Indem die Turnhalle vom ehemaligen Exerzierschuppen abgetrennt wurde, entstand ein Verhandlungsraum,der den Ansprüchen eines solchen Prozesses wenigstens einigermaßengerecht wurde: Er war nur rund 300 Meter Luftlinie vom Gefängnis entfernt und ließ sich vergleichsweise einfach umbauen. „Es musste ein Podium für den Richtertisch errichtet, ein spezieller Verschlag für Kürten eingebaut und die angrenzenden Räume für die Zeugen, die Presse und andere Beteiligte hergerichtetwerden. Ausgestattet wurde der Raum mit gemieteten Möbeln und Inventar der Schutzpolizei“, sagt Parmentier.

Am 4. April 1931 begann der Prozess, am 22. April endete er. Eigentlich war damit gerechnet worden, dass er sich über Monate hinziehen würde, doch mit seinem grausam detaillierten Geständnis, indem es viel um seinen starken sexuellen Trieb und eine angebliche Mitschuld seiner Opfer ging, verkürzte Kürten das Verfahren. Und immer dann, wenn im Gerichtsverfahren eine Pause eingelegt wurde, saß der Mörder im Raum hinter dem heute noch sichtbaren Fenster. „Der Prozess endete zwar mit einem neunfachen Todesurteil. Kürten spekulierte aber trotzdem darauf, dass er – wie viele andere Verurteilte vor ihm – begnadigt werden und eine lebenslange Haftstrafe würde absitzen dürfen. Doch daraus wurde nichts“, weiß der Historiker. Kürtens Gnadengesuch wurde abgelehnt – wegen der Schwere des Falls und weil seine Mordserie weltweites Aufsehen erregt hatte.

Hinrichtung mit dem Fallbeil im Klingepütz

Der Düsseldorfer Peter Kürten starb nicht in „seinem Revier“, wie er die Gegend nannte, in der er seine Morde begangen hatte, sondern im Kölner Gefängnis Klingelpütz. Am Morgen des 2. Juli 1931 wurde er mit dem Fallbeil hingerichtet.

War die Geschichte damit zu Ende? „Nein“, sagt Hanno Parmentier. „Im Anschluss wurde der Schädel Kürtens von Medizinern auf abnorme Veränderungen untersucht und seine Leiche ohne Kopf bestattet.“ Und während seine sterblichen Überreste längst den Weg alles Irdischen gegangen sind, gibt es den mumifizierten Kopf des Peter Kürten noch immer: Er gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA und ist dort als Exponat im Museum Ripley’s Believe It or Not! in der Kleinstadt Wisconsin Dells zu sehen.

So geht’s zum Fenster: Das Fenster, hinter dem Peter Kürten während der Prozesspausen saß, befindet sich im historischen Teil des Gebäudes an der Johannstraße 39. Es ist das Fenster rechts außen im Erdgeschoss auf der Gebäudeseite, die der Ulmenstraße zugewandt ist.

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