Interview Markus Eisele

Demenzkranke werden oft nur verwahrt

Markus Eisele, Vorstandsmitglied der Düsseldorfer Graf-Recke-Stiftung, erklärt das Konzept für das neue Haus für Demenzkranke.

Markus Eisele, Vorstandsmitglied der Düsseldorfer Graf-Recke-Stiftung, erklärt das Konzept für das neue Haus für Demenzkranke.

Foto: Anne Orthen

Düsseldorf.  Die Düsseldorfer Graf-Recke Stiftung baut ein neues Haus für Menschen mit Demenz. Vorstandsmitglied Markus Eisele erläutert das Konzept dafür.

Die Düsseldorfer Graf-Recke-Stiftung baut im Dorotheenviertel Hilden ein neues Quartier für Menschen mit schwerer Demenz. Ziel ist es, deren Alltagsnormalität aufrecht zu erhalten. Markus Eisele, Theologischer Vorstand der Stiftung, erläutert das Konzept.

In Deutschland sind 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt

Was ist das Motiv, die Betreuung von Demenzkranken neu zu durchdenken und dieses Projekt auf den Weg zu bringen?

Markus Eisele: In Deutschland sind derzeit 1,7 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, die Tendenz ist steigend. Viele von ihnen müssen geschützt untergebracht werden. Für die Graf-Recke-Stiftung mit ihrer langen Vorgeschichte und Erfahrung in der Betreuung hilfsbedürftiger Menschen ist es daher naheliegend, auf diese Herausforderung zu reagieren. Und zwar mit einem völlig neuen Konzept.

Wie unterscheidet sich Ihr Konzept von denen, die wir bisher kennen?

Leider ist es häufig immer noch so, dass Menschen mit Demenz zwar betreut, aber am Ende nur verwahrt werden. Wir haben daher unsere Präsentation am 30. September im Wirtschaftsclub Düsseldorf auch mit der provokanten Frage „Alt, dement und abgeschoben?“ überschrieben. Denn genau das ist es, was wir nicht tun werden.

Und wie geht die Stiftung das stattdessen an?

Wir werden den Bewohnern, so weit es geht, ihre Alltagsnormalität erhalten.

Das klingt gut. Aber wie funktioniert das?

Im neuen Ahorn-Karree im Dorotheenviertel Hilden wird es vier Komplexe geben, in denen es insgesamt zehn Hausgemeinschaften gibt. In jeder dieser Hausgemeinschaften leben je zehn bis zwölf Personen. So eigenständig wie möglich, so betreut wie nötig.

Also im Grunde wie eine große Wohngemeinschaft?

Man kann das durchaus so sehen. Jeder hat sein eigenes Zimmer mit Bad, es gibt Gemeinschaftsräume, aber wir wollen, dass die Menschen mit Demenz so weit wie möglich so leben wie vorher auch. Allerdings durch unsere Einrichtung geschützt.

Geschützt heißt in einem verschlossenen Areal?

Wir würden das so nicht nennen. Das gesamte Gelände ist vier Hektar groß, es gibt Gärten, es gibt einen Boulevard mit Veranstaltungssaal, Café und einem Laden. Aber es gibt natürlich irgendwo eine Kontrolle, mit der wir verhindern, dass ein Bewohner mit Demenz sich ohne Aufsicht entfernt und in Gefahr gerät. Wir organisieren die Betreuung so, dass jeder Einzelne nie aus dem Blickfeld gerät.

Aber wie erreichen Sie das?

Uns ist ein Grundsatz ganz wichtig: Die Einrichtung passt sich den Menschen an, nicht umgekehrt. Wir wollen, dass die Menschen sich wie zu Hause fühlen.

Und wie ist das Personal strukturiert?

Wir haben eigens für dieses neue Modell ein neues Berufsbild geschaffen. Wir nennen die Betreuer „Präsenzkräfte“. Sie sind sowohl für die Pflege wie auch für die Hauswirtschaft und die sozialen Programme zuständig. Derzeit schulen wir die Frauen und Männer dafür.

Aber es gibt auch noch medizinische Fachkräfte?

Natürlich gilt auch im Ahorn-Karree die Fachkraftquote. Weil es halt bestimmte Dinge gibt, die nur dafür ausgebildete Mitarbeitende leisten können und dürfen.

Was ist das Besondere am Umgang der Präsenzkräfte mit den Patienten?

Vor allem ist es für uns sehr wichtig, die Menschen zu aktivieren.

Wie meinen Sie das, wie soll das ablaufen?

Jeder Mensch, auch einer, der an Demenz erkrankt ist, hat immer noch besondere Fähigkeiten. Die werden wir erkennen und fördern. Wenn jemand immer gern gekocht hat, dann kann er das in der Wohngruppe weiter machen. Hat er gern musiziert, ermöglichen wir das. Mag einer das Gärtnern, kann er das tun – wir haben Gärten dafür. Und will jemand handwerklich tätig sein, kann auch eine Werkbank angeboten werden. Wir nennen das Alltagsnormalität – und die wollen wir den Bewohnern ermöglichen.

Unter Demenz leiden am Ende vor allem auch die Angehörigen. Wie werden die berücksichtigt?

Ein ganz wichtiger Punkt. Unsere Botschaft an die Angehörigen ist: Hier hast Du die Chance, ganz schnell Hilfe zu bekommen. Wir wissen aus unserer Erfahrung, wie die Familien von Menschen mit Demenz über lange Zeit versuchen, die Betroffenen zu pflegen, zu betreuen, aber irgendwann damit schlicht überfordert sind. Da helfen wir – und vermitteln den Angehörigen das Gefühl, ihren Liebsten bestmöglich betreut zu wissen und auf keinen Fall das Gefühl haben zu müssen, ihn abgeschoben zu haben. Unser Grundsatz ist immer das christliche Menschenbild, an dem wir uns orientieren. Wir bieten außerdem auch Seminare und Gesprächsrunden für Angehörige an. Wir helfen ihnen bei dem, was wir „weiße Trauer“ nennen.

Weiße Trauer?

So nennen wir den Prozess, den Angehörige durchmachen, wenn Demenz auftritt. Es ist wie bei einem Sterbefall, ein Prozess des Abschiednehmens, nur dass es meistens sehr viel länger dauert und in Schritten passiert – weil der Mensch mit Demenz langsam aus dem Leben des Angehörigen weggeht.

Noch ein paar Zahlen – wie weit ist das Projekt, was kostet es, wie viele Menschen können dort betreut werden?

Richtfest war jetzt im September, wir hoffen, 2022 fertig zu sein. Bis dahin haben wir rund 19 Millionen Euro investiert, von denen rund drei Millionen noch nicht gedeckt sind – da hoffen wir noch auf Spenden. Am Ende können 119 Menschen im Ahorn-Karree leben.

Nach welchen Kriterien lebt wer in welcher Gruppe?

Wir haben uns darüber eine Menge Gedanken gemacht. Weil wir ja wollen, dass die Menschen sich in einem ihnen vertrauten Umfeld bewegen, haben wir vier Lebensstile definiert, wonach wir unterscheiden: bürgerlich, traditionell, gehobenes Segment und postmateriell. Im Gespräch mit den Angehörigen klären wir vorab, an was der Bewohner gewohnt war, damit er künftig in einem Umfeld lebt, das seinen bisherigen Leben entspricht.

Das heißt, die Einrichtung der jeweiligen Wohngruppen ist diesen Lebensstilen angepasst?

Genau, weil es uns ja wichtig ist, dass sich die Bewohner zu Hause fühlen – Alltagsnormalität halt.

Hans Onkelbach führte das Gespräch

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