Ausbeutung

Dubiose Arbeitsverträge: Obdachlose in Düsseldorf ausgenutzt

Obdachlose EU-Ausländer werden in Düsseldorf von manchen Unternehmen ausgenutzt.

Obdachlose EU-Ausländer werden in Düsseldorf von manchen Unternehmen ausgenutzt.

Düsseldorf.  Subunternehmen von Paketzustellern wie Hermes oder Reinigungsfirmen beschäftigen obdachlose EU-Ausländer in dubiosen Arbeitsverhältnissen.

Lohn: 455,00 Euro. Auszahlung: 0,00 Euro. Was klingt wie ein schlechter Witz auf der Gehaltsabrechnung ist für manche Menschen bittere Realität. Denn dubiose Reinigungsfirmen oder auch Subunternehmen, die unter anderem für Hermes Pakete ausliefern, nutzen obdachlose EU-Ausländer, die vorwiegend aus Osteuropa stammen, in Düsseldorf systematisch aus.

Aufgefallen ist diese Masche bei der Obdachlosenhilfe „fiftyfifty“. Sie ist nämlich die einzige in Düsseldorf, bei der sich auch obdachlose EU-Ausländer eine Postadresse einrichten können – vollkommen legal und in Absprache mit allen Behörden, wie Gründer und Geschäftsführer Hubert Ostendorf betont.

Postalische Erreichbarkeit wichtig

„Wir waren erstaunt, dass für osteuropäische Menschen immer wieder Gehaltsabrechnungen kamen und dem sind wir dann nachgegangen.“ Die Sozialarbeiter von „fiftyfifty“, öffnen die Briefe nicht selbst. Doch die Menschen, die die Post erhalten, suchen oft Rat und fragen nach, was in den Briefen steht, so Sozialarbeiterin Julia von Lindern.

„Eine postalische Erreichbarkeit ist in Deutschland wichtig für den Existenzaufbau“, sagt sie, schiebt jedoch entschlossen nach: „Für solche dubiosen Arbeitsabsprachen, stehen wir aber nicht zur Verfügung.“ Wie diese fragwürdigen Arbeitsverhältnisse genau aussehen, sei unterschiedlich, sagt von Lindern. Das geht auch aus zwei Dokumenten hervor, die der NRZ vorliegen.

Bis zu 150 Überstunden im Monat

In dem bereits angerissenen Fall geht der gesamte Lohn von 455 Euro für Miete und Kaution drauf. Diese – wenn man es so nennen will – Abrechnung stammt von einem Beschäftigungsverhältnis mit einer Reinigungsfirma. Geld zum Leben bleibt den Arbeitnehmern dabei nicht: „Die Subfirmen kümmern sich dann auch um die Behausungen der Menschen. Die sind oft ohne Strom und fließend Wasser“, sagt von Lindern. „Das ist Ausbeutung.“

In einem anderen Beispiel geht es um ein Beschäftigungsverhältnis mit einem Paketzusteller. Darin heißt es, dass der Arbeitnehmer zwar nach dem damals geltendem Mindestlohn von 8,84 Euro bezahlt wird, der Arbeitsvertrag aber gleichzeitig bis zu 150 Überstunden im Monat vorsieht – ohne Bezahlung.

Dubiose Arbeitsverhältnisse seit drei Jahren bekannt

„Das ist eine Art von Armut, die nicht sichtbar ist. Es geht nur um die Gewinn-Maximierung bei den Arbeitgebern“, sagt von Lindern. Und das nicht erst seit gestern: „Seit drei Jahren ist uns schon bekannt, dass es diese Geschichte gibt.“

Da sich „fiftyfifty“ aber auf die Wohnungshilfe spezialisiert hat, bleibe den Sozialarbeitern nichts anderes übrig, als die betroffenen Menschen an die richtigen Stellen zu verweisen. Eine dieser Stellen ist das Projekt „Faire Mobilität“ des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Das setzt sich dafür ein, „faire Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer aus den mittel- und osteuropäischen EU-Staaten auf dem deutschen Arbeitsmarkt durchzusetzen“.

Aufklärung über ihre Rechte

Christian Pinnes, Jurist und Berater in der einzigen NRW-Beratungsstelle des Projekts in Dortmund, sind diese Fälle bekannt: „Da wird die Notsituation der Menschen einfach ausgenutzt“, stellt er im Hinblick auf die Beschäftigungsverhältnisse fest.

Aber gerade weil sich die Menschen in so großer Not befinden, wollen nicht alle ihre Arbeitgeber verlassen. „Was sie letzten Endes machen, überlassen wir den Leuten dann selbst“, sagt Pinnes. „Wir klären sie über ihre Rechte auf und stehen den Leuten dann auf dem Weg, für den sie sich entscheiden, weiterhin beratend zur Seite.“

Hermes prüft die Vorwürfe

An einem Beschäftigungsverhältnis auf Mindestlohnbasis, in dem sich der Arbeitnehmer zu 150 unbezahlten Überstunden im Monat bereiterklärt, sei so auch erstmal nicht rechtswidrig, sagt Pinnes – moralisch fragwürdig, hingegen sehr.

Bei Hermes werden die Vorwürfe aktuell „unter Hochdruck“ geprüft und das Unternehmen stehe mit „fiftyfifty“ in Kontakt, so Sprecher Ingo Bertram. „Die Ermittlungen laufen noch. Aber wenn das so kommt, wie uns das vorgeworfen wird, dann werden Konsequenzen folgen.“ Hermes habe sich in diesem Jahr schon von zwölf Partnern getrennt, so Bertram.

>>> KOMMENTAR: Kontrolle muss her! (von Benno Seelhöfer)

Schamlose Gewinn-Maximierung auf Schultern derer, die sowieso wenig bis gar nichts haben. Ein tolles Geschäftsmodell haben sich diese mehr als dubiosen Subunternehmen in der Logistik oder in der Gebäudereinigung da ausgedacht.

Hermes arbeitet bundesweit mit 280 Subunternehmern zusammen. Wie die alle heißen und was die für krumme Dinger drehen, weiß das große Unternehmen vermutlich nicht. Dabei ist es Aufgabe der großen Player – nicht nur von Hermes – ganz genau zu wissen, mit wem man arbeitet.

Daher muss Kontrolle her. Wenn es die großen Firmen nicht tun, muss es der Staat. Gewerkschaften fordern schon lange mehr Personal beim Zoll für mehr Firmen-Kontrollen. Die müssen endlich kommen!

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