Interview Bert Römgens

„Düsseldorf setzt starke Akzente gegen Antisemitismus“

17.10.2019 / Montagsinterview Bernd Römgens, Leiter Jüdisches Altenheim Nelly-Sachs-Haus ____________________________________ Copyright und FOTO: HANS-JÜRGEN BAUER Veröffentlichung ist honorarpflichtig + 7% MwSt Tel.: +49(0)177 / 7292368 / info@hansjuergenbauer.de/ www.hansjuergenbauer.de

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Foto: Hans-Juergen Bauer (hjba)

Bernd Römgens leitet das jüdische Altenheim Nelly-Sachs-Haus in Düsseldorf. Er lobt die Stadt, warnt aber vor gefährlichen Tendenzen in Dortmund.

Herr Römgens, wenn ein junger Jude, der zum ersten Mal nach Düsseldorf kommt, Sie freundschaftlich fragt, ob er hier mit Kippa in die Stadt gehen soll, was antworten Sie ihm?

Römgens: Ich würde ihm wohl sagen: Ja, aber ziehe bitte ein Basecap drüber.

Man merkt, dass Ihnen diese Antwort weh tut.

Ja. Denn eigentlich widerspricht sie meinem Credo, dass wir trotz aller Anfeindungen offensiv ein sichtbares und selbstbewusstes Judentum leben sollten. Aber bei einer persönlichen Ansprache würde ich am Ende auch eine ehrliche Antwort geben wollen.

Zu Ihren Bewohnern gehören Menschen, die als Kinder vor 1938 Deutschland verlassen haben, auch eine Überlebende des Konzentrationslagers Theresienstadt verbringt bei Ihnen den Lebensabend. Wie gehen diese Menschen damit um, dass vor wenigen Tagen Juden in einer Synagoge in Deutschland beinahe von einem rechtsextremen Täter ermordet worden wären?

Sie sind in einer Weise betroffen, die man mit Worten kaum erklären kann. Die Tatsache, dass Juden in Deutschland nach dem Willen des Täters sterben sollten, weil sie Juden sind, macht ihnen Angst und rührt zudem an die Grundfesten von Nachkriegsdeutschland. Denn es stellt den Konsens des „Nie wieder“ in Frage.

Gibt es Gedanken, Deutschland zu verlassen?

Dafür sind unsere Bewohner dann doch zu alt. Hinzu kommt, dass in vielen Fällen Kinder und Enkel hier leben. Aber es gibt schon einige Bewohner aus den ehemaligen GUS-Staaten, die sich fragen, ob die Entscheidung vor fast 30 Jahren nach Deutschland zu kommen, wirklich richtig war. Vor kurzem war ich bei Freunden in meinem Alter zu Gast. Die Frau stammt aus Israel, hatte sich – motiviert durch den damaligen liberalen Zeitgeist – entschieden, hier mit ihrer Familie eine Zukunft aufzubauen. Inzwischen fragt sie sich, ob das nicht doch ein Fehler war.

Es gab unmittelbar nach der Tat viel Solidarität, auch hier vor der Düsseldorfer Synagoge. Reicht Ihnen das?

Zunächst einmal: Das raue Klima und der erstarkte Antisemitismus haben weit vor Halle begonnen. Und deshalb kann ich sagen: Die Düsseldorfer Stadtgesellschaft setzt sehr starke Akzente gegen jede Form von Antisemitismus. Passiert etwas, dann schließen sich sehr rasch die Reihen. Und das Signal in Richtung von Antisemiten und Rechtsextremen ist eindeutig. Die rheinischen Metropolen profitieren da offensichtlich von ihrer besonderen Tradition der Toleranz. Hinzu kommt, dass die rechte Szene in Düsseldorf und Köln nicht sehr präsent ist. Aber ich würde den Blick gerne weiten.

Wohin?

Keine 80 Kilometer von hier gibt es in Dortmund einen wöchentlich aufmarschierenden rechten Sumpf. Da gehen Rechtsextreme durch die Quartiere und sorgen für ein seltsam defensives, Angst besetztes Klima. Ähnliches gibt es an zahlreichen Orten der Republik. Nehme ich die unfassbare Hetze im Netz noch hinzu, dann frage ich mich, warum der Aufschrei von Bürgern und Zivilgesellschaft nicht doch lauter und größer ausfällt.

Was heißt das konkret?

Mich macht halt nachdenklich, wenn die Menschen sich mehr über die SUVs in Innenstädten aufregen als über den Rassismus und Antisemitismus, den wir heute allerorten erleben. Und dass sich Zehntausende für den Hambacher Forst oder für „Fridays for Future“ mobilisieren lassen, aber nicht für eine Demo gegen Antisemitismus. Natürlich sind das wichtige und richtige Engagements, die ich in keiner Weise kritisiere. Aber ich würde mir wünschen, dass sich ähnlich viele Menschen dagegen wehren, dass Juden sich nicht mehr willkommen oder sicher in diesem Land fühlen. Es geht doch am Ende um die Demokratie als solche und um ihre Werte. Und wer auf Facebook seine Solidarität mit einem umkränzten „Nie wieder“ dokumentiert, sollte überlegen, wie man die Forderung mit Leben füllt.

Und wie ginge das?

Einmischen, aufstehen und sprechen satt zu schweigen. Redet ein Kollege oder ein Nachbar oder ein Mitglied aus dem eigenen Verein schlecht über Juden oder andere Minderheiten, wird er gar beleidigend, muss er eine sofortige negative Reaktion spüren. Der Intolerante muss spüren, das er selbst der Außenseiter ist.

Haben Sie eine Erklärung dafür, warum seit Jahrhunderten Juden immer wieder verfolgt und diskriminiert werden.

Nein.

Warum ist der Antisemitismus seit einigen Jahren wieder erstarkt?

Weil Politiker Ressentiments nutzen, um Wähler für sich zu mobilisieren, sich dabei bewusst des Nazi-Wortschatzes bedienen, nur um gleich danach wieder zurückzurudern. Diese ziemlich perfide Art der Kommunikation funktioniert gut – auch dank der sozialen Medien und einer ungeheuren Verrohung der Sprache, die letztlich zu einer Verrohung der Sitten führt.

Mit Politiker meinen Sie die AfD.

Ich möchte differenzieren. Nicht jeder, der dieses Parteibuch hat und nicht jeder, der diese Partei wählt, ist per se ein Extremist oder Antisemit. Aber Tatsache ist, dass diese Partei einen „Flügel“ hat, der durch und durch völkisch, nationalistisch, rassistisch und antisemitisch denkt und spricht. Wer wissen will, was ich meine, sollte ein Kyffhäuser-Treffen besuchen. Und Tatsache ist auch, dass diese Partei es vermeidet, sich von diesen Strömungen und ihren Vorreitern wie Björn Höcke oder Andreas Kalbitz zu distanzieren, geschweige denn sie auszuschließen. Lesen Sie, was nach Halle alles gepostet wurde. Da schreibt ein Landtagsabgeordneter der AfD: „Was ist schlimmer, eine beschädigte Synagogentür oder zwei getötete Deutsche?“ Und viele Menschen liken solche Posts oder schmücken sie in menschenverachtender Weise aus.

Erreichen denn diese Vorgänge ihre Bewohner im Nelly-Sachs-Haus?

Aber Ja. Der „Flügel“ und ein Kyffhäuser-Treffen werden dann eher in Einzelgesprächen reflektiert. Aber Höckes Satz vom „Mahnmal der Schande“ war dann schon ein Thema, über das im großen Kreis gesprochen wurde.

Bleibt am Ende nur Resignation?

Nein. Die Zeichen, die wir aus der Düsseldorfer Stadtgesellschaft erhalten, sind ermutigend und nachhaltig. Genauso wie die Kooperation mit den Schulen, was wichtig ist, weil man genau hier ansetzen muss, um Antisemitismus gar nicht erst entstehen zu lassen. Und im Fachseminar für Altenpflege findet im Rahmen der interkulturellen Pflege regelmäßig ein Projekttag bei uns statt. Hier finden dann muslimische und jüdische Auszubildende eine gute Ebene miteinander. Solche positiven Signale ermöglichen es uns, in einer unduldsamer gewordenen Gesellschaft einen Alltag mit schönen jüdischen Traditionen und ganz viel Lebensfreude zu gestalten. Das kann und wird uns keiner nehmen.

Jörg Janßen führte das Gespräch

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