Antiquitäten

Düsseldorfer Hinterhof-Laden liefert Deko für Filme

Inmitten seiner Lieben: Markus Wildhagen (mit demblauen Jackett) lädt zu einer Zeitreise. Foto: Jakob Studnar

Inmitten seiner Lieben: Markus Wildhagen (mit demblauen Jackett) lädt zu einer Zeitreise. Foto: Jakob Studnar

Düsseldorf.   Ein Laden wie aus einer Fantasiewelt liefert die Deko für Filme – oder für ein anderes Leben. Es ist ein begehbares Wunderland, durchströmt vom goldenen Schein betagter Lampen. Und hinter allem steckt der passionierte Sammler Markus Wildhagen. Beim ihm werden nicht nur Filmemacher fündig.

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Und der Wandel ist doch aufzuhalten. Hat sich zurückgezogen, für eine Pause nur, eine Auszeit in einem Düsseldorfer Hinterhof. Hier ist die Zeit stehen geblieben, die 20er-Jahre, die 50er, die 70er, jede Epoche zu ihrer Zeit, und sie steht in Gestalt von Möbeln, Schmuck und Geschirr, mit der Anmut von Vasen, Skulpturen und Gartengestühl. Aber Markus Wildhagen nennt diesen, seinen Markt der Antiquitäten, des Außergewöhnlichen, Absurden auch dann doch genau so: „Wandel“.

Die Moden mögen vergangen, die sie belebten, verstorben sein – dieser Laden lebt. Weil er kein Museum ist, keine Möbelausstellung, sondern eine Sammlung höchst lebendiger Unikate. In so einem Sessel saß doch der Opa! Die Plätzchenschale, sieht sie nicht aus wie die von Oma?

Und, etwas schmerzlich, jenes orangeleuchtende Plastikding, das hatte ich auch mal. Ja, läuft denn die eigene Kindheit jetzt schon unter „antik“? Nennen wir es also lieber „besonders“. Nostalgie, Nostalgie! ein Jahrmarkt der Unikate.

Es ist eine Zeitreise durch 100 Jahre auf 1300 Quadratmetern, und man braucht nicht einmal eine Maschine dafür. Die rasante Fahrt passiert im Kopf, die Gedanken brausen, ach was, sie tanzen, hatte die Tante nicht früher auch. . . Man kann sich verirren in der eigenen Vergangenheit, und wer hier etwas mitnimmt, kauft damit zugleich ein Stück Kindheit zurück. „Viele Leute sind ergriffen, sie finden so vieles von früher wieder“, sagt Markus Wildhagen, nach bald 20 Jahren im Geschäft staunt er noch immer, wie sie sich öffnen. Er stellt die Requisite, eine Geschichte dazu bringt jeder Kunde selbst mit, und jeder eine andere.

Aber so hat Wildhagen es gelernt. Einen Großvater hatte er, der war Architekt und ein kluger Mann. Er brachte dem Jungen den Wert der Dinge bei und dass es sich lohne, sie zu erhalten. „Man kann nur wissen, wo man hin will“, sagte er, „wenn man weiß, wo man herkommt.“ So muss es geschehen sein, dass schon der kleine Markus begann, Gutes von gestern zu sammeln. Brillen erst, später andere Utensilien, „die die Welt nicht braucht“, aber schön sind sie doch. Toll, wenn da einer zu ihm sagt: „Wow, was hast du denn da?“ Früher, zu Jugendzeiten, haben sie das nämlich nicht gesagt. Uncool fanden sie da „den Markus mit seinen alten Sachen“. Die Schulfreunde hielten ihre Plattensammlung für interessanter. Wobei der Unterschied nur ist: „Ich habe meine alten Platten noch.“

Im goldenen Licht betagter Lampen

Es muss diese Liebe sein zu den Dingen, gepaart mit dem Wissen des gelernten Raumausstatters, die „Wandel“ zu einem besonderen Erlebnis machen, das die Bezeichnung „Trödelladen“ verbietet. Irgendwie leuchten die alten Hallen golden im Schein betagter Lampen, es riecht nach dem Leder weit gereister Koffer und dem viel besessener englischer Sessel. Unwillkürlich sucht man im feinen Porzellan ein Täfelchen After Eight. Wildhagen sortiert alles nach Epochen, nach Stilen, nach Themen. Das dunkelgrüne 40er-Jahre-Büro lebt in Nachbarschaft einer nachgebauten Berghütte samt ausgestopfter örtlicher Tierwelt; vor alt gewordenen Kinosesseln singt ein jung gebliebener Elvis seine Lieder in Endlosschleife.

Piloten-Schleudersitz, kanadisches Kanu, amerikanische Parkuhr? Boxhandschuhe, Aktenschränke, Diktaphone, Teekisten? Strandstühle, Plastikkakteen, Discokugeln, Keksdosen? Markus Wildhagen hat alles, und falls nicht, „weiß ich, wo man es kriegt“. Nicht nur gucken, bitte anfassen, und, nein, kaufen muss keiner. Etwa zur Hälfte nämlich verleiht der 45-Jährige sein Panoptikum altgedienter Originale: für Fotoshootings, Schaufenster-Dekorationen, vor allem für Filme. An seinem eigenen Schreibtisch saß schon Dennis Hopper, seine antike Apotheke schmückte „Das Parfüm“, seine Koffer standen auf den Flughäfen von „Hotel Lux“, „Marlene“ oder im „Adlon“. Das „Wunder von Bern“ bediente sich in Düsseldorf, „Der Untergang“ auch und demnächst wird man Schillers „Räuber“ in Wildhagens Art Deco sehen, einer besonderen Liebe des Chefs.

Was ist das: wirklich alt?

Für das normale Leben abseits der Leinwand leihen die Menschen sich die Deko für ihre 70er-Jahre-Party oder Möbel für eine Messelounge. Oder ein Sammelsurium alter Gläser, soeben unterwegs zu einer Hochzeit in Berlin. Wildhagen mag es, wenn die Leute Sinn haben für das Gute der alten Zeit. „Heute weiß man oft gar nicht mehr, was das ist: wirklich alt. Viele Leute wollen das auch gar nicht mehr wissen.“ Alt aussehen sollen die Dinge, das gilt als schick. „Wie es verarbeitet ist, interessiert keinen mehr.“ Für den Familienvater, dessen kleiner Sohn begeistert sein Blechspielzeug hütet, ist das der „Ikea-Gedanke“: kaufen, nutzen, wegwerfen. Wobei, nichts gegen Ikea, er hat ja selbst Schwedisches daheim – aber mit Antikem kombiniert.

Niemand muss ja wohnen, wie es bei „Wandel“ aussieht. Zu viel wäre Museum. Aber ein Einzelstück, auffallend arrangiert, so wird es zum Objekt: „Es ist wichtig, Dinge zu haben, die nicht jeder hat“, findet Wildhagen. Der Mann, der gern Schal trägt im offenen Hemdkragen, hält die Menschen heute für zu weichgespült, „keiner traut sich mehr was“. Keiner wage mehr, „sich selbst zu leben“, etwas Spannendes zu schaffen in seiner Wohn-Welt. Einrichtung, man kann das heraushören, hat manchmal mit Mut zu tun.

Natürlich auch mit Mode, selbst bei Dingen, die früher mal modern waren. „Barockschränke sind out“, ihre Preise im Keller. Anderes wird derzeit wieder mal poppig angemalt oder weiß gestrichen, und „in zehn, 15 Jahren beizen sie es wieder ab“. Gerade ist eben Schäbig schick (man nennt das heute „Vintage“), aber das Edle kommt wieder, ganz bestimmt. Auch das ist „Wandel“. Deshalb lässt dessen Team den Kunden entscheiden, wie er ein Teil restauriert haben will. Streichen, beziehen, einfach lassen, wie hinterlassen?

Die Welt weiß inzwischen, was sie wert ist

Apropos, die Zeiten, da man die guten Stücke bei Haushaltsauflösungen fand, in Erbmassen und auf Flohmärkten, sind lange vorbei. „Die Schatzsuche“, sagt Wildhagen, „ist schwieriger geworden“, die ganze Welt weiß inzwischen, was sie wert ist. Auch wenn sie sich manchmal verschätzt, wie gewisse Menschen, die ein altes Sofa in den Stadtteil Unterbilk schleppen und dann hören müssen, dass ihr „Original“ nicht originell genug ist. Schlauere schauen vorher im Internet. Wogegen Wildhagen übrigens nichts hat, er zeigt seine besten Stücke ja selbst im Netz. Wobei er sein Wissen aus Büchern hat: „Ich bin noch in die Bücherei gegangen und habe Bücher ausgeliehen.“

Vielleicht sind Markus Wildhagen und sein Laden auf ihre Art altmodisch, im positiven Sinne. Aber warum soll man nicht einmal die Zeit anhalten und abtauchen in der Vergangenheit, in der Telefone noch Wählscheiben hatten, Hotelzimmer Schlüssel und Mutter eine Bohnermaschine. Sich einen Weg bahnen durch die vollgestopfte Vergangenheit, in einen Bauhaus-Stuhl fallen – und sich mitreißen lassen von der Reizüberflutung im „Wandel“.

(Wobei man sagen muss: Leihweise sind hier gerade zwölf Lkw-Ladungen raus.)

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