Reichsprogromnacht

Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte leitet Pionierprojekt

Die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte leistet bundesweit Pionierarbeit in der Forschung zur Reichsprogromnacht. Die kompletten Ergebnisse sollen im November vorgestellt werden.

Foto: Sergej Lepke

Die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte leistet bundesweit Pionierarbeit in der Forschung zur Reichsprogromnacht. Die kompletten Ergebnisse sollen im November vorgestellt werden. Foto: Sergej Lepke

Düsseldorf.   Wieviele Juden fielen dem Novemberpogrom von 1938 wirklich zum Opfer? Die Mahn- und Gedenkstätte lässt derzeit 400 NRW-Archive durchforsten.

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91 – so viele ermordete Juden soll es bundesweit während der Reichsprogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 gegeben haben. „Eine Zahl, die sich leider immer noch hartnäckig hält, obwohl sie nicht richtig ist“, sagt Bastian Fleermann, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. „Fragt man Historiker nach der wirklichen Zahl der Toten, hört man nur den Satz, dass man das nicht genau weiß“, so Fleermann. Die Düsseldorfer Mahn- und Gedenkstätte hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, die Zahl der Toten akribisch zu ermitteln – zwar nicht bundesweit, aber dafür in ganz NRW. Nun wurden die Halbzeit-Ergebnisse des landesweiten Forschungsprojekts vorgestellt.

Forschungsprojekt ist bundesweit einzigartig

„Dieses Forschungsprojekt der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorfs ist einzigartig“, sagt Maria Springenberg-Eich, Leiter der Landeszentrale für politische Bildung in NRW, die das Projekt unterstützt. 400 Archive und 30 Gedenkstätten sowie Experten wurden von der Düsseldorfer Einrichtung im Februar landesweit angeschrieben – mit der Bitte, Dokumente über die Progromnacht zu sichten und die Ergebnisse zu senden. „Bislang hat sich bedauerlicherweise erst die Hälfte der Archive zurückgemeldet“, sagt Immo Schatzschneider, Mitarbeiter der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf. Die Ergebnisse der Archive bringt eine neue Zahl der Opfer ans Licht: 93 Tote wurden gemeldet.

Zahl der Toten ist bereits auf 120 gestiegen

Doch geht man bei der Düsseldorfer Einrichtung noch weiter: Projektmitarbeiter Gerd Genger wertete Literatur und Internetquellen akribisch aus, so dass derzeit feststeht: „Die Zahl der Toten in NRW ist bereits auf 120 gestiegen“, so Genger. Und das obwohl erst die Hälfte der Antworten von den Archiven ausgewertet wurden. Die Arbeit ist auch deswegen so umfassend, weil sie nicht nur die direkten Ermordnungen in der Progromnacht berücksichtigt, sondern auch „die Zahl der Toten, die an den Verletzungen erst Wochen danach erlegen sind, oder sich aus Verzweiflung das Leben genommen haben“, so Gedenkstättenleiter Fleermann.

In Düsseldorf hat man etwa den Fall des Restaurantbesitzers Paul Marcus, der in der Progromnacht ermordet wurde. Mehr durch Zufall erfuhr man, wie etwa der Düsseldorfer Arzt Alfred Joseph ermordet wurde. Joseph hatte seine Praxis und Wohnung am Rather Bruch, dort wurde er von Nazis aufgesucht und angegeriffen. Die genaueren Umstände waren unklar. „Wir erhielten dann vor etwa vier Wochen eine Mail aus den USA, vom Sohn des Ermordeten. Er berichtete uns, sein Vater sei durch einen Kopfschuss damals hingerichtet worden“, so Fleermann.

Progromnacht jährt sich zum 80. Mal im November

Jeder Tote, der im Rahmen der Progrome starb, soll am Ende einen Namen erhalten, „so dass den Menschen wenigstens in der Erinnerung Gerechtigkeit geschieht“, sagt Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf. Im Herbst 2018, wenn sich die Novemberprogrome zum 80. Mal jähren, sollen die kompletten Ergebnisse des Forschungsprojekts vorgestellt werden. Szentei-Heise stellte klar: „Es ist traurig, dass sich nur die Hälfte der angeschrieben Archive gemeldet hat“. Mit einem Brief wolle man die Einrichtungen nochmals auffordern, heißt es bei der Mahn- und Gedenkstätte.

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