Gemeinnütziges

Düsseldorfer You-Stiftung kämpft gegen Kinder-Ausbeutung

In Bangladesch bearbeiten Kinder oft in Vollzeit Metallwaren.        

In Bangladesch bearbeiten Kinder oft in Vollzeit Metallwaren.        

Foto: OH

Düsseldorf.  In Bangladesch werden Kinder als billige Arbeitskräfte missbraucht. Die Düsseldorfer You-Stiftung hilft und will die Kinderrechte stärken.

Rund 9000 Kilometer entfernt von Düsseldorf liegt Bangladesch.

Sechsjährige müssen schweißgebadet stundenlang an Maschinen arbeiten

Doch das beklemmende Auf und Ab der Eindrücke und Gefühle in dem südasiatischen Staat sind Claudia Jerger (50) noch ganz nah: Schon Sechsjährige kauern stundenlang an Maschinen in feuchten, heißen Räumen und bearbeiten Metall. Sie atmen den Abrieb der Werkstücke ein, sind schweißgebadet.

Bittere Wirklichkeit in Bangladesch ist: Gering qualifizierte Eltern mit kleinem Einkommen sind häufig auf Vollzeit-Arbeit ihrer Kinder angewiesen, um zu überleben. „Die Kinder wirken nach dieser Arbeit völlig erschöpft, doch ich sah sie selbst in diesem Zustand noch lächeln“, erzählt Jerger, Vize-Präsidentin des Kuratoriums der Düsseldorfer „You-Stiftung – Bildung für Kinder in Not“, im Telefon-Interview.

Die Kinder sind extrem stolz

„Sie sind extrem stolz, mit ihrer eigenen Hände Arbeit ihre Familie finanziell unterstützen zu können. Und ebenso stolz wirken die Fabrikbesitzer, die die Kinder beschäftigen. Denn sie meinen, dass sie damit einer Familie beim Überleben helfen. Es ist ein Teufelskreis.“ Ihre Stimme wirkt berührt: „Das zu erleben, hat mich total erschüttert!“

Offiziell wendet sich der südasiatische Staat gegen Kinderarbeit – er hat die UN-Kinderrechtskonvention unterzeichnet und begrüßt damit – auf dem Papier – insbesondere Bildung, Ausbildung und Gesundheitsfürsorge für Minderjährige. „Doch die Regierung greift nicht hart genug durch“, betont Jergers Mutter Ute-Henriette Ohoven, die ebenfalls beim Telefonat dabei ist. Die 73-Jährige kennt das Land von früheren Besuchen; sie ist die Gründerin der You-Stiftung und setzt sich seit rund 35 Jahren weltweit für notleidende Menschen ein. Seit 1994 ist sie Sonderbotschafterin der Unesco, der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur und legt ihren Fokus mit der You-Stiftung auf die Unesco-Bildungsagenda 2030.

Bangladesch als die billige Werkbank der Welt

Bangladesch sei ein „Hexenkessel“, meint Ute-Henriette Ohoven, wo die ganze Welt preisgünstig produziere, insbesondere aufgrund der äußerst niedrigen Löhne. Für dieses Land „zählen der Umsatz und die Masse an Waren, das ist seine einzige Chance, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein“. Exportschlager sind vor allem Textilien – „Made in Bangladesh“ steht häufig auf den Waschzetteln von Kleidung, die auch in deutschen Geschäften schon für wenige Euros erhältlich sind.

Claudia Jerger war in Bangladesch, um sich ein Bild vom ordnungsgemäßen Verlauf der Stiftungsprojekte zu machen – die Initiative finanziert sich ausschließlich über Spenden und die streng projektgebundene Verwendung dieser Gelder zählt zu den wichtigsten Grundsätzen der You-Stiftung. Ein weiterer zentraler Standard: Jedes Projekt zielt auf einen messbaren Mehrwert für die Begünstigten, die Länder, die zu unterstützenden Ziele für nachhaltige Entwicklung und die Spender. „Ich habe während meiner Reise Slums mit bedrückender Armut gesehen“, so Jerger. In Slumnähe befänden sich oft kleine Fabriken, in denen sechs- bis 17-jährige Kinder arbeiteten.

„Ein grausames Spiel“

Die Ausbeutung der Kinder sei „ein grausames Spiel“, sagt Ohoven, „doch das einzige Spiel, das läuft, um nicht jeden Tag vor dem Hungertod zu stehen“. Denn eine Wellblechhütte in einem Slum, „die geschätzt eine Fläche von drei mal vier Metern hat“, koste etwa 30 Euro Miete im Monat. Die Eltern verdienten monatlich oft unter 15 Euro; ein Kind bis zu 8 Euro monatlich, wenn es täglich acht bis zehn Stunden arbeite. Außerdem muss die Familie noch Lebensmittel finanzieren.

Was ist angesichts der Kinderarbeit in Bangladesch zu tun? Claudia Jerger und Ute Ohoven sind realistisch: Eine grundlegende Änderung der Lebensverhältnisse in Bangladesch kann nur politisch geschehen. „Doch wir können für die Missstände sensibilisieren und durch 0zwei, drei Stunden Bildung der Kinder am Abend zu besseren Lebensbedingungen beitragen – eben in den Nachtschulen, die Kinder bekommen Kompetenzen vermittelt und eine langfristige Verbesserung setzt ein“ erklärt Jerger. Der Unterricht finde momentan in leerstehenden Gebäuden statt. „Dort bekommen sie auch eine warme Mahlzeit und können duschen. Hungrige Kinder sind nicht lernfähig“, betont Ute Ohoven.

Infos über ihre Rechte als Kinder

Diese Grundbedürfnisse der Kinder werden durch die Spendengelder der Stiftung finanziert. Ebenso wie geschulte Lehrkräfte, die die jungen Bangladescher im Lesen und Schreiben unterrichten und ihnen überdies Informationen über ihre Rechte als Kinder an die Hand geben. „Der Unterricht geschieht spielerisch, jedes Kind soll nur soviel lernen, wie es nach einem anstrengenden Tag in der Fabrik noch aufnehmen kann“, sagt Claudia Jerger. Diese Ausbildung brauche ihre Zeit. Und sie ist überzeugt: „Es ist der einzige Weg in eine bessere Zukunft, sonst entkommen die Kinder ihr ganzes Leben dem Kreislauf der Ausbeutung nicht.“

Mit dieser Hilfe zur Selbsthilfe verringert die You-Stiftung auch Fluchtursachen – ein Prinzip, das Stiftungsgründerin Ute-Henriette Ohoven seit Beginn ihrer ehrenamtlichen Arbeit vor mehr als 30 Jahren wichtig ist: Nur Bildung kann die Lebensperspektive der Bangladescher in ihrer Heimat verbessern, indem sie die Chance auf eine menschenwürdige Arbeit herbeiführen, ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen und einen höher bezahlten Arbeitsplatz sichert.

Höher qualifizierte Arbeit sei in Bangladesch vorhanden, so Ohoven. Und sie berichtet von Erfolgen ihrer Arbeit: „Ja, einige der früher in Fabriken tätigen Kinder studieren inzwischen an Akademien in ihrer Heimat!“ Gerade diese jungen Studierenden können auch die nächste Generation prägen: „Gebildete Menschen, die ihre Rechte kennen, lassen sich nicht ausbeuten und schicken ihre Kinder nicht ins Elend“, ist Ohoven überzeugt.

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