Stadtteilserie

Golzheimer Friedhof: Statt 20.000 nur noch über 350 Gräber

Blick über die Kreuzung Emmericher Straße/Klever Straße zum Südteil des Friedhofs nach der Durchteilung 1914: Im Hintergrund links die Fischerstraße.

Blick über die Kreuzung Emmericher Straße/Klever Straße zum Südteil des Friedhofs nach der Durchteilung 1914: Im Hintergrund links die Fischerstraße.

Foto: Stadtarchiv

Düsseldorf-Pempelfort.   Heute steht der Golzheimer Friedhof unter Denkmalschutz. Begraben sind dort prominente Düsseldorfer – und auch „Wasserleichen“.

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Es sind die vielen kleinen Geschichten aus Düsseldorf, die die Mitglieder des Vereins „Der Golzheimer Friedhof soll leben“ auf ihren Rundgängen an den Gräbern den Interessierten erzählen. „Dieser Friedhof hat so viel zu bieten“, sagt Dieter Sawalies, erster Vorsitzender des Vereins. „Die ganze Prominenz des 19. Jahrhunderts hatte mit dem Friedhof zu tun“, ergänzt Schriftführerin Birgit Halcour.

Vom einfachen Mann mit Holzkreuzgrab über Geistliche bis zu reichen Düsseldorfern wie Mitgliedern der Familie Stein, Wilhelm von Schadow und Karl Immermann – nach denen bekannte Straßen benannt wurden – liegen hier viele Tote. Heine und Schumann selbst wären dort wohl beerdigt worden, hätten sie nicht ins Exil gehen müssen. „Wäre dem so gewesen, dann wäre der Friedhof heute wohl besser erhalten“, so Halcour. 1897 lagen hier knapp 20.000 Grabstellen, heute nur noch etwas über 350. Auch unter dem heutigen St. Vinzenz Krankenhaus finden sich ehemalige Gräber.

Erste Bestattung fand im Mai 1805 statt

Die erste Bestattung auf dem Golzheimer Freidhof, der zum Teil heute in Pempelfort liegt, fand im Mai 1805 statt. Geplant wurde das Areal schon zwei Jahre zuvor im Zuge der Entmachtung der Kirchen. Friedhöfe sollten von da an nicht mehr nach Konfessionen und Status errichtet werden, sondern für alle. Außerdem wurden damals viele Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführt, so zum Beispiel das Trockenlegen von ehemaligen Rheinarmen, auf denen heute Gräber stehen.

Auch zahlreiche im Rhein ertrunkene Menschen liegen auf dem Friedhof – oft anonym – begraben. Zusammen mit dem Verein „Tabu Suizid“ wurden schon Führungen über den Friedhof angeboten. Natürlich ist es heute schwer nachvollziehbar, wie es zu den „Wasserleichen“ kam, wie die Menschehn in den Rhein gelangt sind: ob durch eigene oder fremde Hand. Auch ein guter Freund Heines soll im Fluss gefunden worden sein und liegt heute in Golzheim/Pempelfort. Vereinsmitglied Inge Zacher, die in Schloss Benrath arbeitete und darüber Bücher verfasste, recherchierte eigens im Stadtarchiv zu dem Thema.

Patengrab vom „Totentanz“-Maler

Auch ein Cousin Wilhelms I liegt auf dem Golzheimer Friedhof begraben, da er in Düsseldorf vor der Revolution 1849 Regierungsaufgaben übernommen hatte. Viele Geschichten stehen in Verbindung mit dem Friedhof. „Je länger man sich damit befasst, desto interessanter wird es“, sagt Nitsch, ehemaliger Vorsitzender des Rheinischen Vereins für Denkmalpflege und heutiges Mitglied des Friedhof-Vereins. Sein Patengrab ist das des Historienmalers Alfred Rethel, der für seinen „Totentanz“ bekannt ist.

Sich einst bis an den Rhein erstreckend, gliedert sich der Friedhof heute in zwei Teile, die durch die Klever Straße durchbrochen werden. Früher stand an der Stelle das Hochkreuz, dass heute auf dem Nordfriedhof zu sehen ist. Dem Verein kam wegen der Durchbrechung die Idee der Errichtung einer Brücke über die Klever Straße. Die Linken legten den Plan des Vereins mit der Zeichnung des ehemaligen Vorsitzenden der deutschen Architektenkammer Jochen Boskamp vor Kurzem der Stadt vor. Der Antrag scheiterte aber.

Viele Bürgerinitiativen entstanden

Auch gibt es schon Kontakt zur Düsseldorfer Geschichtswerkstatt, die sich ebenfalls gerne für den Friedhof engagieren würde – da wurde der Plan mit der Brücke auch angesprochen. Im Gegensatz zur Geschichtswerkstatt, in der studierte Historiker sitzen, sind die Mitglieder des Vereins alle Hobbyhistoriker. Und wie viele Vereine haben sie das Problem der Überalterung, was aber den Vorteil mit sich bringt, dass die meisten Mitglieder als Rentner Zeit für die Aufgaben haben. 2011 schloss sich der Verein aus Vorgängergruppierungen zusammen und erhielt den heutigen Namen.

Vier Jahre zuvor entstanden Bürgerinitiativen gegen den Bau des Victoria-Gebäudes in unmittelbarer Nähe des Friedhofs. Seit dem kennen sich Sawalies, Halcour und Nitsch. Letzterer erzählt, wie auch die Künstler im Atelierhaus protestierten, da sie befürchteten, das Gebäude würde Nordlicht „schlucken“, dass gut zum Malen wäre. „Außerdem berührt es sie persönlich, da hier viele Leute der Düsseldorfer Malerschule begraben sind“, so Nitsch. Zum Bedauern der Engagierten wurde das Gebäude doch gebaut – allerdings in veränderter Form.

Großes Bürgerengagement

Auch vorher schon hätten sich viele Bürger für den Friedhof engagiert. „Die Düsseldorfer sind traditionsbewusste Leute“, sind sich Sawalies, Halcour und Nitsch einig. 1982 wurde der Golzheimer Friedhof dann unter Denkmalschutz gestellt. „Vorher wurden hier wilde Feten gefeiert“, so Halcour.

Seit 2010 können Bürger Patenschaften für einzelne Gräber übernehmen. Auch die Bäume des Friedhofs werden durch die Feinstaubbelastung in der Stadt wieder geschätzt. Nun stehen eher junge Bäume dort. Sturm Ela spaltete die letzte Pappel aus Napoleons Zeiten mit Blitzen – ganze drei Mal.

>> Info: Führung über den Golzheimer Friedhof

Der Verein „Der Golzheimer Friedhof soll leben“ bietet regelmäßig kostenlose Führungen an. Die nächste ist am morgigen Donnerstag, 10. Mai, um 16 Uhr mit Dieter Sawalies und Adolf Nitsch. Das Motto lautet: „Spuren der Revolution 1848/ 49 auf dem Golzheimer Friedhof. Anmeldung erfolgt unter info@der-golzheimer-friedhof-soll-leben.de.

Auf der gleichnamigen Website des Vereins finden sich weitere Infos und Termine. Für 30 Euro im Jahr kann eine Mitgliedschaft im Verein erworben werden.

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