Kultur

Wohnungsbau verdrängt Kulturorte in Düsseldorf

2020 soll Schluss sein mit der „Brause“, einem Szenetreff für Kunst- und Kulturbegeisterte in einer ehemaligen Tankstelle an der Bilker Allee.

Foto: Uwe Schaffmeister

2020 soll Schluss sein mit der „Brause“, einem Szenetreff für Kunst- und Kulturbegeisterte in einer ehemaligen Tankstelle an der Bilker Allee. Foto: Uwe Schaffmeister

Düsseldorf.   Immer wieder fallen kleine Kulturtempel dem Wohnungsbau zum Opfer. Daher fordern einige Düsseldorfer nun, die Kultur besser zu integrieren.

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Es sind oft die kleinen Räume mit ganz viel Charme, die Kunst und Kulturbegeisterte locken und zu Szenetreffs avancieren. Doch mit der zunehmenden Gentrifizierung werden „die Kleinen“ verdrängt. Jüngstes Beispiel ist die „Brause“, beherbergt in einer ehemaligen Tankstelle an der Bilker Allee. Seit 17 Jahren ist sie ein beliebter Treffpunkt für die Szene. Doch 2020 soll der Mietvertrag auslaufen, dann soll Schluss sein. Kein Einzelfall: Unlängst hatte es etwa den Güterbahnhof Derendorf getroffen, einst Ort für Trödler und Musikliebhaber. Nun wird dort im Mai ein Hotel eröffnen.

Boui Boui Bilk steht kurz vor dem Absprung

Noch bis voraussichtlich Ende des Jahres können Düsseldorfer das Boui Boui Bilk besuchen. Vielleicht gibt es noch einen kleinen Aufschub, das hänge vom Eigentümer ab, sagt Florian Liss, Erfinder des Boui Boui Bilk. Bis jetzt gebe es keinen Auszugstermin für die Veranstaltungshalle. 78 Wohnungen sind an ihrer Stelle geplant. Anfangs nur für ein halbes Jahr geplant, gibt es das Boui Boui nun seit mehr als fünf Jahren. Daher kann Liss auch nicht sagen, er sei traurig. „Das ist ein Prozess der schon lange geht, ein normaler Vorgang im Rahmen der Gentrifizierung.“

Die 0049 Events GmbH, die das Boui Boui Bilk betreibt, ist derweil – bei laufendem Betrieb – mit einer neuen Location beschäftigt, die sie von der Wirtschaftsförderung Düsseldorf zur Zwischennutzung vermittelt bekommen hat. Es ist die Kassenhalle der Alten Kämmerei.

Düsseldorfer fordern Integration des Kulturraums

So gut wie Schluss ist Ende April für das „PostPost“ im alten Postgebäude an der Erkrather Straße hinter dem Hauptbahnhof. Dort wird das Großprojekt „Grand Central“ mit vielen Wohnungen entstehen. Für „PostPost“-Initiator Philipp Maiburg ist die Ausgangslage hingegen auch eine andere. „Wir sind kein Verein, wie es etwa bei der Brause der Fall ist. Wir haben lediglich eine große brachliegende Fläche bespielt“, so Maiburg. Dabei sei von Anfang an klar gewesen, dass es sich nur um eine temporäre Lösung handelt. Dennoch weiß Maiburg auch, dass es nicht die Probleme der kleinen Vereine löst, die konstant über einen längeren Zeitraum Räume bespielen wollen. „Da würde ich mir ähnlich wie beim Wohnungsbau wünschen, dass es Anforderungen gibt, den Kulturraum zu integrieren, gerade was zentrale Orte angeht“, meint Maiburg.

Ähnlich sieht das Jörg-Thomas Alvermann, Vorsitzender der Kunstkommission. „Natürlich wäre es schön, wenn die Stadt den Investor dazu verpflichten könnte, in einem riesigen Gebäudekomplex auch einen Platz für die Szene zur Verfügung zu stellen.“ Das habe dann vielleicht nicht immer den Charme des alten Ortes, aber die Chance „die Infrastruktur zu erhalten“.

Stadt will beim Umzug beratend zur Seite stehen

Das Kultursterben der Kleinen sorgt auch bei den Düsseldorfer Grünen für Unmut, die den Verlust als „herben Schlag“ werten. Gerade aber auch fehlende Räumlichkeiten und hohe Mietpreise würden zu einer Verdrängung von kulturellen Initiativen führen, konstatiert Clara Gerlach, Grünen-Ratsfrau und kulturpolitische Sprecherin. Möglichkeiten für geeignete Räumlichkeiten in der Innenstadt sehen die Grünen etwa an der Jahnstraße. Das Forum Freies Theaters (FFT) wird nach der Fertigstellung in das neue Kulturzentrum KAP 1 umziehen. Die Räume an der Jahnstraße wurden und werden jedoch der Stadt für eine kulturelle Nutzung bis 2078 kostenfrei zur Verfügung gestellt. Eine Aufgabe dieses Nutzungsvertrages wäre aus Sicht der Grünen ein fataler Fehler.

Mit dem Kompetenzzentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft (KomKuk) hat die Ampel-Kooperation bereits einen Ansprechpartner für Zwischenlösungen geschaffen, dies allein wird aber nicht reichen, um kulturelle Initiativen dauerhaft in der City zu halten, so Gerlach.

Das KomKuK und das Kulturdezernat sehen das anders. Bei der „Brause“ und beim „Boui Boui Bilk“ sterbe die Kultur nicht, sondern es werden „zwei der von kulturellen Akteuren genutzte Immobilien nicht länger zur Verfügung stehen“, heißt es auf Anfrage. Beide können ihr „kulturelles Engagement an anderer Stelle fortzusetzen.“ Im Fall der Brause sei es mit einem Zeitfenster von über zwei Jahren bis zur Schließung sehr realistisch, einen geeigneten Nachfolgeort zu finden. Die Stadt stehe bei der Suche gerne beratend zur Verfügung.

>>>> „Wichtiger Nährboden“ – ein Kommentar von Stephan Wappner

Düsseldorf sollte sich nicht nur um seine (zweifellos wichtige) Hochkultur kümmern, sondern auch um die Freie Szene, wenn man sie denn so nennen möchte. Der Kulturbegriff hatte schon immer auch mit Protest zu tun, Kultur wird in der Regel von unten nach oben erschaffen. Wenn die Stadt die Freie Szene also aus ihren „Höhlen“ verdrängt, dann zertrampelt sie für die Stadtgesellschaft wichtigen Nährboden – ganz unabhängig davon, ob es Sinn macht, an der einen oder anderen Stelle mehr oder weniger teure Wohnungen zu bauen.

Kultur von oben aufzuerlegen, geht selten gut. Eines von vielen Beispielen: Der Probebunker am Gatherweg. Der wurde vor fünf Jahren von einem Investor teuer umgebaut und von der Stadt teuer an Musiker verpachtet. Folge: Obwohl viele Düsseldorfer Bands händeringend nach Proberäumen in der Stadt suchen, stehen einige am Gatherweg leer.

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