Suizid

Zwei Menschen stürzten sich in Marienhospital aus Fenster

Songül Biyikli vor dem Marienhospital, wo ihr Vater starb.

Songül Biyikli vor dem Marienhospital, wo ihr Vater starb.

Foto: Andreas Bretz

Düsseldorf.   Auf tragische Weise beendeten zwei Krebspatienten ihr Leben. Jetzt überprüft die Klinikleitung eine bessere Sicherung der Fenster.

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Am 4. und 8. April sind zwei Männer aus Zimmern des Marienhospitals in den Tod gestürzt. In beiden Fällen handelte es sich um Krebspatienten. Sie lagen im sechsten und im vierten Stock. Die Männer nutzten den Umstand, dass die Fenster in ihren Zimmern ganz zu öffnen sind, was in vielen Krankenhäusern nicht der Fall ist. Klinikleitung und Polizei bestätigen die Fälle. „Wir sind tief betroffen“, sagt Martin Meyer, Geschäftsführer des Krankenhauses. Man werde mit dem Brandschutzbeauftragten und der Feuerwehr sprechen, ob man die Situation verbessern könne. Die Angehörigen von Hasan Malkoc üben indes Kritik. „So hätte unser Vater nicht sterben müssen“, sagt Songül Biyikli.

Für sie und ihre Geschwister ist der Schmerz unfassbar groß. Sie wussten, dass es ihrem 73-jährigen Vater schlecht ging und er wohl nicht mehr lange leben würde. „Wir fühlen uns nun aber schuldig, dass er auf diese Weise gestorben ist.“ Der Vater lebte in Heiligenhaus, in Velbert wurde bei ihm im vorigen Sommer Lungenkrebs diagnostiziert. Eine Bestrahlung fand im Dezember und Januar im Marienhospital statt, im Krankenhaus Gerresheim wurde der Vater „aufgepäppelt“, wie Songül Biyikli sagt. Dann traten weitere Tumore auf.

„Ich ertrage meine Schmerzen nicht“

Als Hasan Malkoc jetzt wieder ins Marienhospital kam, klagte er über starke Schmerzen. Und es ging ihm psychisch nicht gut. „Wir baten eine Ärztin, ihm dafür etwas zu geben“, sagt die Schwester Mehtap Malkoc. Diese habe aber gemeint, der Vater mache einen guten Eindruck. Am Vorabend seines Todes fragte der 73-Jährige seinen Sohn, der ihn besuchte: „Hast du ein Taschenmesser?“ Auf den CT-Umschlag schrieb er „Gott verzeihe, ich ertrage meine Schmerzen nicht“ und „Gott soll uns behilflich sein“.

Der Ärztliche Direktor des Verbunds Katholischer Kliniken Düsseldorf (VKKD), Theodor Königshausen, sagt, dass der Patient bereits eine Schmerztherapie erhalten habe, die die medizinisch vertretbare Grenze nach gängigen Richtlinien erreicht hatte. Noch höhere Dosierungen wären ohne die Gefahr eines Bewusstseinsverlusts oder Atemstillstands nicht möglich gewesen. Eine Suizidgefahr habe aus Sicht der Ärzte und Pflegenden nicht vorgelegen.

Als Songül Biyikli am Morgen des 4. April um kurz vor 9 Uhr in die sechste Etage des Krankenhauses kam, war die Tür des Zimmers verschlossen. Niemand sagte ihr etwas. Tatsächlich war der Vater zwischen vier und fünf Uhr aus dem Fenster gestürzt, die Kripo ermittelte im Haus und hatte dem Krankenhauspersonal untersagt, die Angehörigen zu informieren. Dies wolle man selbst tun. Als eine Ärztin schließlich doch die Tochter unterrichtete, brach diese zusammen. Die Polizei bedauert diese zusätzliche Belastung, man habe erst die Umstände des Todes von Hasan Malkoc ermitteln müssen.

„Absolute Ausnahme“

Die Kinder des Toten schalten nun einen Anwalt ein. Sie wollen wissen, ob alles mit rechten Dingen zugegangen ist. Dass die Fenster im Krankenhaus komplett zu öffnen und die Fensterbänke extrem niedrig sind (64,5 Zentimeter), halten sie für ein Unding. „Wir möchten das Schicksal, das wir haben, anderen ersparen“, sagt Songül Biyikli, „es wird uns ohnehin unser Leben lang verfolgen“. Tatsächlich beendete am 8. April im Marienhospital ein ebenfalls an Krebs erkrankter Mann sein Leben auf die gleiche Weise.

Geschäftsführer Meyer, seit acht Jahren beim VKKD, kann sich an vier Todesstürze im Marienhospital in dieser Zeit erinnern. „Dies sind absolute Ausnahmen.“ Man habe voriges Jahr 63 081 Patienten betreut, davon stationär 18 457 (davon rund 4000 Krebsfälle). Drei Psycho-Onkologen kümmerten sich um die besonders belasteten Patienten. Erkenne man eine Suizidgefahr, komme es öfter vor, dass die Fenstergriffe abmontiert würden. Reiche dies nicht, gebe es eine Verlegung auf die Intensivstation mit einer 1:1-Betreuungssituation oder sogar in eine psychiatrische Klinik. „Die Mitarbeiter sind gut geschult.“

Im Vinzenz-Krankenhaus, das ebenfalls zum VKKD gehört, hat es vor rund fünf Jahren einen ähnlichen tragischen Todesfall gegeben. Dort wurde dann investiert. Die Fenster ließen sich nunmehr nur noch auf Klapp öffnen. Um sie ganz zu öffnen, muss seitdem eine spezielle Entriegelung vorgenommen werden. Zudem wurden vor einigen Fenstern Sprungleisten angebracht. Solche oder ähnliche Maßnahmen werden nun für das Marienhospital geprüft. Bislang verhindert laut Meyer das Brandschutzkonzept wegen der Entrauchung im Brandfall andere Fenster, auch müsse man für gute Luft querlüften können.

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