Mit der Zeitmaschine auf Tour

Die große 700. Geburtstagsfeier der Stadt Düsseldorf im Jahr 1988 hatte schon Monate zuvor ihre Schatten vorausgeworfen. Aber nicht nur städtische Kulturinstitute, Verwaltungsstellen und das Rathaus waren mit Blick auf das besondere Fest eingebunden und mehr oder weniger engagiert, auch verschiedene Vereine, freie Kulturschaffende und Bürger hatten sich mit dem Geburtstags-Virus angesteckt.

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Die große 700. Geburtstagsfeier der Stadt Düsseldorf im Jahr 1988 hatte schon Monate zuvor ihre Schatten vorausgeworfen. Aber nicht nur städtische Kulturinstitute, Verwaltungsstellen und das Rathaus waren mit Blick auf das besondere Fest eingebunden und mehr oder weniger engagiert, auch verschiedene Vereine, freie Kulturschaffende und Bürger hatten sich mit dem Geburtstags-Virus angesteckt.

Die Stadtrundfahrten Nachdem schon mehrere Treffen von Geschichtsinteressierten ins Land gegangen waren, startete schließlich im November 1988 die erste regelmäßige, und in diesem Falle auch große Stadtrundfahrt in Düsseldorf – in Zusammenarbeit mit der Rheinbahn und der Volkshochschule. Der Vortrag in den Räumen der VHS und die folgende vierstündige Busrundfahrt hatten die Überschrift „Leben und Arbeiten in Düsseldorf“. Etwa 120 unterschiedliche Themen boten die Stadtführer der Geschichtswerkstatt jedes Jahr nach wachsendem Zuspruch in Form von Rundgängen an. Mit zunehmenden Teilnehmerzahlen und einem aktiven Engagement bei diversen Projekten wurde es zunehmend wichtiger, einen informativen Internetauftritt zu entwickeln. Zeitweise gab es 700 Seiten auf der Website des Vereins sowie 200 Besucher pro Tag. So außergewöhnlich wie die große Bustour damals war, so besonders und erstmalig waren Touren zur Frauengeschichte oder zum Thema „Widerstand und Verfolgung 1933-1945“. Die traditionelle Kooperation mit der VHS blieb nicht die einzige. Mit Zeitungen, Buchverlagen und Autoren, mit dem Akki, dem Gewerkschaftsbund und Theatergruppen wurden weitere Aktionen und eine Mitarbeit vereinbart.

Die Apollo-Historie Für eine Revue zur Geschichte des alten Apollo-Theaters stellte die Geschichtswerkstatt 1990/91 für das Theaterensemble des Seniorentheaters (Seta) die historischen Hintergrundinformationen zusammen. Das Theaterstück „Nummern, Girls und Pfefferminz“ wurde sogar dreimal ausverkauft im Kleinen Haus des Schauspielhauses aufgeführt. Auch in den folgenden Jahren begleiteten Geschichtswerkstättler diese und andere Theatergruppen.

Der Altstadt-Herbst Als der erste „Altstadt-Herbst“ sein heute immer noch erfolgreiches Programm startete, überlegte die Geschichtswerkstatt gemeinsam mit den Veranstaltern, was sie zu dem neuartigen Projekt beitragen könnte. Das Ergebnis: Viele Jahre führten Mitglieder der Geschichtswerkstatt parallel zu den bunten Bühnenprogrammen die Besucher des Altstadt-Herbstes durch die Innenstadt. Auch bei Theaterproduktionen von Gruppen, die im Altstadt-Herbst auftraten, wurde historisch recherchiert – beispielsweise zum Thema „Massenmörder Kürten“. Da war aber der Altstadt-Herbst schon in seiner Konzeption erweitert und änderte bald auch seinen Namen in „Düsseldorf Festival“.

Die Apollo-Ausstellung 1993 konnten Thomas Bernhardt, Astrid Wolters und Angelika Küpper auch zur Geschichte des großen Apollo-Theaters an der Königsallee ein großes Projekt auf die Beine stellen. Dort wo das alte Apollo gestanden hatte – Königsallee 106 – präsentierten sie im Foyer des Bürohochhauses auf 16 Stellwänden, bis dahin unbekannte alte Fotos, Texte und Plakate in einer ersten großen Apollo-Ausstellung. Stadtarchiv und Kulturamt halfen tatkräftig mit, die Geschichten vom damals sehr beliebten Apollo ans Licht zu holen. Die Reaktionen waren gewaltig. Gekrönt wurde das Ganze einige Jahre später von dem Angebot, die leerstehenden Räume im Erdgeschoss als Ausstellungs- und Veranstaltungsraum zu nutzen. Was konnte der Geschichtswerkstatt Besseres passieren: Zum einen hatte man endlich eigene Räume mit Publikumszugang und zum anderen eine Vereinsadresse an der Königsallee, genau dort, wo sich früher die Bühne des alten Apollos befand – historisches Arbeiten an historischer Stätte. Die Feier zur 100-jährigen Apollo-Geschichte wurde 1998 auch vom neuen Apollo-Theater, das ein Jahr zuvor von Bernhard Paul gegründet worden war, unterstützt.

Die Millowitsch-Wurzeln Im Rahmen der Apollo-Recherchen machte die Geschichtswerkstatt eine Entdeckung, die nicht nur im Brauchtum einschlug wie eine Bombe: Die Historiker stießen auf die Düsseldorfer Wurzeln der kölschen Theater-Familie Millowitsch. Kaum machten die Geschichtswerkstattler bekannt, dass Millowitschs viele Jahre im Hause der heutigen Hausbrauerei „Uerige“ gewohnt hatten, spendierte die Wirtsfamilie Schnitzler eine Gedenktafel, die vom „Willi mit dä dicke Nas’“ erzählt, dem Puppenspieler vom Carlsplatz, Vater des Kölner Volksschauspielers. Dessen Sohn Peter Millowitsch konnte mit den neuen Erkenntnissen übrigens gut leben, nur Mariele – seine Schwester – war und ist bis heute noch eher unzugänglich für diese belegbaren Informationen.

Das Zeitzeugen-Café Ebenfalls aus dem Apollo-Projekt entstand das „Erzähl-Café“, in dem das Publikum sich gern von Zeitzeugen in alte Zeiten führen ließ. Informationen von Zeitzeugen waren und sind der Geschichtswerkstatt immer besonders wichtig, ebenso wie deren Fotos oder Postkarten, mit deren Hilfe Geschichte lebendig wird.

Die Bücher für Kinder Zu den erfolgreichsten Projekten der „Zeitmaschinisten“ gehören die Geschichtsbücher für Kinder. Die Idee, schon die kleinen Düsseldorfer identitätsstiftend für Stadtgeschichte zu begeistern, wurde von den Grundschulen, dem Kulturamt, einigen städtischen Kulturinstitutionen und Künstlern auf eine breite Basis gestellt. In allen Stadtbezirken entstanden „Geschichtsbücher von Kindern für Kinder“, und ein zweibändiges Druckwerk daraus dient in allen Grundschulen zum Lesen und zum Selbsterforschen. Zudem gibt die Lose-Blatt-Sammlung „Mein Düsseldorf“ – entstanden in Zusammenarbeit mit Kinderbuchautor Martin Baltscheit – dem Lehrpersonal Anregungen und Informationen für den Unterricht zur eigenen Stadt.

Die Nazi-Zeit Die ersten Bustouren zum Thema „Widerstand und Verfolgung“ hatte es bereits 1990 gegeben, später entstanden Projekte mit der Mahn- und Gedenkstätte. So wurde beispielsweise eine Übersicht der Zwangsarbeiterlager und KZ-Außenlager in Düsseldorf erstellt oder auch die Gestaltung der Dauerausstellung an der Mühlenstraße unterstützt. Das Thema „Deportation“ von Düsseldorfer Bahnhöfen wurde mit Rundgängen, Theaterszenen oder Fahrradtouren begleitet.

Die Info-Strategie Erinnert wird in den Geburtstagsgedanken zum 30. Geburtstag auch an den „Info-Pavillon“, mit dem der Verein bei Groß-Veranstaltungen, wie der Büchermeile am Rhein, die Besucher und Gäste der Stadt über Düsseldorf und seine Historie – gemeinsam mit dem Altstadt-Marketing – informierte. Daraus ist auch die Idee „Info-Scout“ entstanden, der mobil durch die Stadt läuft und besonders, was die Historie Düsseldorfs betrifft, Gästen der Stadt und auch Einheimischen Auskunft geben kann. Mehrere Mitglieder der Geschichtswerkstatt, darunter Wulf Metzmacher, Dieter Jaeger oder Thomas Bernhardt, sind in den vielen Jahren auch zu Buch-Autoren geworden. Bildbände, Spezial-Themen, Chroniken, eine Mitarbeit beim Düsseldorf-Lexikon oder Düsseldorf-Atlas und Altstadtführer sind dabei entstanden.

Die Feier Ihr langes Wirken für die Düsseldorfer Stadtgeschichte feiern Akteure, Wegbegleiter und Freunde heute mit einem kleinen Festakt im Rathaus, passender Weise in jenem Raum, in dem das große Stadtmodell aufgebaut wurde. Vorbei schauen will unter anderem Oberbürgermeister Thomas Geisel.

Der Kontakt Und heute? Die Rundgänge mit der Geschichtswerkstatt werden über die Volkshochschule, von einzelnen Stadtführern oder in Eigenregie angeboten. Der Mittwochstreff im Uerige (10 bis 12 Uhr) ist weiterhin beliebt. Hier kann man im persönlichen Gespräch die Geschichtswerkstatt kennen lernen.

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