Krankenhaus

Nach Tod eines Siebenjährigen: Notfallpraxis auf Prüfstand

Die Notfallpraxis an der Florastraße ist eine eigenständige Einrichtung im Gebäude des EVK.

Foto: Andreas Bretz

Die Notfallpraxis an der Florastraße ist eine eigenständige Einrichtung im Gebäude des EVK. Foto: Andreas Bretz

Düsseldorf.   Ein siebenjähriger Junge war am Zweiten Weihnachtsfeiertag nach einer Notoperation gestorben. Zuvor soll er falsch behandelt worden sein.

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Der tragische Tod des siebenjährigen Elias Mohammad H. hat die medizinische Notfallversorgung in Düsseldorf ins Gerede gebracht. Vor allem die Notfallpraxis an der Florastraße in Bilk, die vom Verein „Notdienst Düsseldorfer Ärzte“ betrieben wird und sich im Gebäude des Evangelischen Krankenhauses (EVK) befindet, sieht sich schwerer Kritik ausgesetzt.

Der Tod des Jungen wurde bekannt, weil sich die Mutter mit einem herzergreifenden Post in den sozialen Medien an das EVK wandte. Mehrfach sei sie vor Weihnachten mit dem fiebernden Kind in der Notfallpraxis gewesen. Dort sei sie jedoch mit einer Packung Schmerzmittel nach Hause geschickt worden. Die Diagnose der Ärzte: ein Virus.

Mutter wurde mit Sohn abgewiesen

Die nächsten zwei Tage habe ihr Sohn „extrem starke Schmerzen“ gehabt, fieberte und „bekam schlecht Luft“. „Er hat weder gegessen noch getrunken. Ich habe alles versucht und ihm mit einer Spritze zu trinken gegeben“, schreibt sie auf Facebook. Wieder ging sie mit ihrem Kind zur Praxis, wieder wurde sie weggeschickt. Erst als sich der Zustand noch weiter verschlechterte wurde er im benachbarten Evangelischen Krankenhaus notoperiert und dann in die Uni-Klinik verlegt, wo Elias am Zweiten Weihnachtsfeiertag verstarb. „Er konnte vor Schmerzen nicht essen, hatte in der unteren Körperhälfte kein Gefühl mehr und überall blaue Punkte auf der Haut, die als Zeichen eines Virus abgetan wurden“, so Mohammads erwachsene Schwester. Und weiter: „Heute wissen wir: Das waren die Anzeichen einer Blutvergiftung.“

Nachspiel in der Politik

Nun wird sein Tod auch ein Nachspiel in der Politik haben. „Wir müssen uns nun zusammensetzen und über den Fall diskutieren“, sagt der Vorsitzende des Ratsausschusses Gesundheit und Soziales, Andreas-Paul Stieber (CDU). Es sei zu klären, ob es klare Anzeichen gegeben hat, was die Ursachen sind und ob es sich tatsächlich um ein ärztliches Versäumnis handelte. Grundsätzlich hält er die Notdienste für eine „tolle Lösung“. In ihr stehen Mediziner aus sieben verschiedenen Fachrichtung außerhalb der normalen Sprechzeiten zur Verfügung.

Dennoch war es bereits in der Vergangenheit immer wieder zu Beschwerden gekommen – wegen zu langer Wartezeiten. Die entstehen etwa dadurch, dass „die Notfallpraxis auch von Patienten frequentiert wird, die etwa einen Schnupfen haben, aber nicht beim Hausarzt warten wollen“, so Stieber weiter. Der CDU-Politiker mahnt nun aber auch, den Tod des Jungen „nicht als Spielball für politische Entscheidungen“ zu instrumentalisieren.

„Menschen bleiben auf der Strecke“

Die Düsseldorfer Linke Angelika Kraft-Dlangamandla appelliert, dass der Mensch „an erster Stelle“ stehen muss. Sie habe schon oft gehört, dass Patienten abgewiesen und mit Schmerzmitteln nach Hause geschickt worden seien. „Gesundheit ist zu einer Dienstleistung geworden, die bezahlt werden muss. Die Menschen bleiben dabei aber auf der Strecke“, so die Linke. Sie findet, dass sich grundsätzlich etwas im System ändern muss. „Es braucht entweder eine große, weitere Praxis oder eine andere Stelle, wo man hingehen kann.“ Sie könnte sich etwa vorstellen, dass das Gesundheitsamt selbst etwas in Angriff nimmt.

Versorgungspflicht nachkommen

Für Gesundheitsdezernent Andreas Meyer-Falcke funktioniert das Zusammenspiel zwischen ambulanter und stationärer Versorgung. Als Aufgabe der Politik sieht er etwa, den „Finger zu heben, der Versorgungspflicht nachzukommen“, so Meyer-Falcke. Es sei jedoch ein System, dass immer weiter entwickelt wird und werden muss.

Auch die Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Fall.

>> STELLUNGNAHME DES KRANKENHAUSES

Das EVK hat nach dem tragischen Tod des Jungen gestern eine Stellungnahme verfasst. Darin heißt es nach „nochmaliger Prüfung und intensiven Gesprächen mit allen Beteiligten im EVK“: „Wir bedauern sehr den Tod des Jungen und verstehen die Trauer und den Schock seiner Familie und seiner Angehörigen. Der Junge kam am Morgen des 26.12.2017 als akuter Notfall in unser Krankenhaus. Bei uns wurde er von unserem interdisziplinären Team mit allen notwendigen ärztlichen Kompetenzen entsprechend medizinisch behandelt, dann in die Uniklinik verlegt, wo er am frühen Abend verstorben ist. Informationen über eine Vorbehandlung durch die Düsseldorfer „Notfallpraxis der niedergelassen Ärzte“ (NFP), d.h. Aussagen über den Verlauf, die medizinische Diagnostik und Medikation vor der Einweisung lagen uns am 26.12.2017 nicht vor. Die NFP ist eine eigenständige Organisation, die die Praxisräume am EVK angemietet hat.

Druck in der Notfallpraxis - Ein Kommentar von Götz Middeldorf

Die Notfallpraxis ist eine hervorragende Einrichtung: Sind die Praxen der niedergelassenen Ärzte geschlossen, gibt es für Düsseldorf eine zentrale Anlaufstelle mit Ärzten verschiedener Fachrichtungen. Wie gut das ist, habe ich Freitag vor Weihnachten festgestellt: Ich brauchte abends plötzlich einen Arzt – in der Notfallpraxis wurde mir geholfen. Das galt auch für meinen Mann, der Neujahr unverhofft einen Arzt benötigte und Hilfe bekam.

Längst nicht in allen Städten gibt es ein derartig gutes Notdienst-System. Doch es gibt auch Probleme: So wird die „Notfall“-Praxis nicht nur für Patienten mit akuten Leiden aufgesucht, sondern auch von vielen, die Wochenenden und Abende nutzen zum Arztbesuch, für den sie während der Öffnungszeiten der niedergelassenen Ärzte keine Lust haben. Diese unnötigen Fälle verstopfen die Praxis, sorgen für lange Wartezeiten und setzen die diensthabenden Ärzte zusätzlich unter Druck. Doch trotz dieses Drucks muss man von Ärzten erwarten, dass sie Diagnosen richtig stellen und nicht fahrlässig Todesfälle in Kauf nehmen.

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