Geschichtsschreiber

Reise in die Vergangenheit

Foto: sergej lepke / WAZ FotoPool

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Düsseldorf. „Unsere Generation hat solche Geschichten nicht zu erzählen”, sagt Hans-Jürgen Kuite. Was er meint sind Kriegs- und Flüchtlingsgeschichten. Seine eigenen Erlebnisse einmal aufschreiben zu lassen, könne er sich deshalb zurzeit nicht vorstellen.

Also hat er nicht erzählt, sondern geschrieben: Über das Leben von Rudolf Zecha. Die Erinnerungen des heute 82-Jährigen sind Teil des Buches „Scherbenbilder”, das im Rahmen des Projektes „Geschichtsschreiber” des Arbeiter-Samariter-Bundes von über 20 Hobby-Schreibern verfasst wurde.

Rückblick mit Sprüngen

Die Geschichte von Rudolf Zecha ist weder tagebuchartig, noch wird sie trocken protokolliert wiedergegeben: Erzähler und Autor nehmen den Leser mit auf eine Reise in die Vergangenheit. In eine schreckliche und traurige Vergangenheit. Hans-Jürgen Kuite beschreibt die Erlebnisse von Zecha so detailliert und spannend, dass man die Bilder geradezu vor dem geistigen Auge sieht.

Die Bilder sind noch sehr präsent

„Aber was im Zweiten Weltkrieg mit den Menschen geschehen ist, kann man sich dennoch nicht vorstellen”, weiß er ebenso wie alle anderen, die nicht dabei waren. Gerade deshalb beschreibt er die Erlebnisse eines Zeitzeugen aus dessen Sicht. Daten wie in herkömmlichen Geschichtsbüchern spielen hier keine Rolle, die Sache zählt.

1927 ist Rudolf Zecha im Sudetenland geboren, wurde mit 17 Jahren zur Wehrmacht einberufen. Ein erster Versuch, sich abzusetzen, endet mit einem bewaffneten Leutnant im Rücken. Dass der zweite Versuch gelingt, heißt noch lange nicht, dass er damit in Sicherheit ist. Auf den dramatischen Angriff eines Jagdbombers folgt das Verhör durch die „Amis”, wie er sie nennt.

Die Geschichte macht einen Sprung ins Jahr 1992. Dem Jahr, als der Oberbilker Zecha, gerade Rentner geworden, auf Spurensuche geht und dort landet, wo seine Geschichte begann: In Kaltenlautsch. Dem Ort wo er Jahrzehnte nicht mehr war. Er kämpft mit seinen Gefühlen, als er erzählt, wie er das Haus betrat, in dem einst seine Großeltern lebten.

Sein Großvater sei an der Aufregung gestorben, als ein Tscheche seinen Vater verprügelt hatte. Die Bilder scheinen Rudolf Zecha noch sehr präsent zu sein - er muss die Tränen unterdrücken, als er die Szene beschreibt.

Von solchen Situationen berichtet auch Hans-Jürgen Kuite, der über 20 Stunden zugehört und Zecha befragt hat. „Wenn er geweint hat, musste ich sehr feinfühlig sein, habe mich teilweise sehr zurückgenommen, aber er wollte unbedingt weitermachen.”

Nicht alles ist leicht zu verstehen

Und das hat Rudolf Zecha gerne getan. Noch nie zuvor habe er so ausführlich mit jemandem über das Vergangene gesprochen. Von dem, was daraus geworden ist, ist er begeistert. Die Lektüre bringt einen zurück auf den Boden, lässt einen daran zweifeln, ob man in der heutigen Zeit wirklich Grund zum Klagen hat.

Rudolf Zecha jedenfalls kann das nicht verstehen, schüttelt den Kopf und zitiert den Journalist Friedrich Nowottny: „Ich erlebe Alles, aber ich muss nicht Alles verstehen.”

„Scherbenbilder - Erzähltes Leben zwischen Frieden und Krieg” mit 26 Lebensgeschichten gibt es für 12,50 Euro im Buchhandel.

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