Spannend – es geht bergab!

„Stephan Reichardt schäumte vor Wut“ - der erste Satz des ersten Kapitels klärt scheinbar alles. 1. Das Genre: Kriminalroman. 2. Die Hauptperson: Stephan Reichardt. 3. Die Handlung: Es geht zur Sache und zwar zügig.

„Stephan Reichardt schäumte vor Wut“ - der erste Satz des ersten Kapitels klärt scheinbar alles. 1. Das Genre: Kriminalroman. 2. Die Hauptperson: Stephan Reichardt. 3. Die Handlung: Es geht zur Sache und zwar zügig.

Doch das jetzt erschienene Taschenbuch des Düsseldorfers Jo Stammer entwickelt sich diesseits jeglicher Banalität. Wer in „Die Allesfresserin“ zur nahrhaften Essenz der Geschichte gelangen möchte, muss sie häuten wie eine Zwiebel. Muss die Wirkung beißender ätherischer Öle in Kauf nehmen, sich die Augen reiben und an der wechselnden Solidarität zu den Protagnisten erfreuen.

Das zweite Buch des 59-Jährigen schickt die Lesenden auf eine Gratwanderung zwischen gerechtem Zorn und Gerechtigkeit. Der rote Faden der Story wirkt nach Klischees gestrickt. Er betrügt sie, sie ist unversöhnlich. Er hat berufliche Misserfolge, sie verharrt in ihrer Deckung. Folglich setzt ein unheilvoller Dominoeffekt ein, der das Selbstverständnis des Elternpaares sprengt. Jo Stammer beschreibt – kapitelweise wechselnd – die Gefühlslagen von Stephan Reichardt und seiner Frau Lena. Fiel es gerade noch schwer, die sehr treffend ausformulierte Sicht auf den sich selbst bemitleidenden Ehemann zu ertragen, folgt sogleich der Gedanke, dass die Gattin souveräner sein könnte. Das schenkt dem Lesenden polarisierende Empathie und somit Genuss. „Bejahe niemanden, der dich verneint“, ist das erste Kapitel überschrieben. Diese Worte stehen für die Grundaussage dieses Buchs.

Dankenswerter Weise passiert zusätzlich an unverhofften Stellen Unvorhergesehenes. Da das Buchcover den Aufdruck „Krimi“ trägt, hängt das durchaus mit Todesfällen zusammen, die sind teils tragischer Natur. Es fasziniert, welche Zwangsläufigkeit Stammer der Abwärtsspirale verleiht.

Wie definieren wir Erfolg? Welchen Stellenwert hat Geld? Hilft Gelassenheit in allen Lebenslagen? So bietet die Geschichte mehr als ein gängiger Kriminalroman zur Freizeitbewältigung an Regentagen. Inspiriert zu dem Stoff hat Jo Stammer ein Satz aus der Erzählung „Der Zauberer“ von Vladimir Nabokov: „Die grobe Sinnlichkeit ist eine Allesfresserin“. Dieser Text des kosmopolitischen Autors (1899 - 1977) kann als Vorläufer seines bekanntesten Werks „Lolita“ gesehen werden.

Jo Stammer, der seit Jahren als Pfleger in der Gerontopsychatrie arbeitet und häufig Städte wie New York, Paris, Nizza und Tanger besucht, hat offenkundig ein Faible für grellgraue Charakterstudien. Die machen sich auch im Düsseldorfer Lokalkolorit bemerkbar, mit dem er die Handlung überpuderzuckert hat. Vielleicht ist es seine Gerresheimer Kindheit, die ihn beispielsweise die Besucher des Oberkassler Café Muggel mit unterhaltsamer Distanz beschreiben lässt.

„Eigentlich lebe ich lieber zurückgezogen“, sagt Stammer, aber er habe inzwischen dazu gelernt. Wer nicht für die Schublade schreiben wolle, der brauche aus Austausch und müsse auch Lesungen machen.

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