Anschlag in Halle

Szentei-Heise: „Tote hätte es in Düsseldorf nicht gegeben!“

Michael Szentei-Heise ist der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Michael Szentei-Heise ist der Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde Düsseldorf.

Foto: Caroline Seidel / dpa

Düsseldorf.  Die Sicherheitsvorkehrungen an der Synagoge in Düsseldorf sind hoch. Der Verwaltungschef der Gemeinde kritisiert den fehlenden Schutz in Halle.

„Das, was in Halle passiert ist, wäre hier nicht möglich gewesen. Tote und Schwerverletzte hätte es in Düsseldorf nicht gegeben“, ist sich Michael Szentei-Heise, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde Düsseldorf, sicher.

jüdische Gemeinde in Düsseldorf ist sicher

Grund dafür sind die nordrhein-westfälischen Sicherheitsmaßnahmen, besonders auch vor der Synagoge in Düsseldorf. „Wir haben immer zwei Polizeibeamte 24 Stunden zu unserem Schutz“, erklärt Szentei-Heise. In Halle gab es dagegen keine Sicherheitsvorkehrungen. Für den Direktor der Düsseldorfer Gemeinde ist das sträflich: „Ausgerechnet dann auch noch an einen der höchsten jüdischen Feiertage keine Schutzmaßnahmen zu ergreifen, ist unverständlich. Ob es für so eine kleine Gemeinde wie Halle eine 24-Stunden-Wache geben muss, weiß ich nicht. Aber zumindest, wenn viele Mitglieder zum Gebet versammelt sind, sollte es Schutz geben.“

Der Anschlag in der größten Stadt Sachsen-Anhalts geschah ausgerechnet an Jom Kippur – das Versöhnungsfest wurde in diesem Jahr am 8. und 9. Oktober gefeiert und gilt als höchster jüdischer Feiertag. Auch in Düsseldorf versammelte sich die Gemeinde zu diesem Anlass. Der Geschäftsführer erklärt: „Als wir davon gehört haben, waren wir natürlich geschockt, aber Angst, dass jetzt als nächstes bei uns jemand durch die Türe stürmt, hatten wir keine.“

Polizei hält Sicherheitsmaßnahmen geheim

Das liege vor allen Dingen an den Sicherheitsmaßnahmen in der Landeshauptstadt. Die Polizei in Düsseldorf will sich da nicht in die Karten schauen lassen und verkündet, dass Vorkehrungen, die zwischenzeitlich öffentlich bekannt waren, nicht mehr aktuell seien – ob sie es nun tatsächlich nicht mehr sind oder doch, soll einfach nicht bekannt sein. Die Polizei sagt aber, dass es Sicherheitsmaßnahmen gibt; manche davon sind sichtbar, andere eben nicht.

Allerdings sei Antisemitismus trotzdem allgegenwärtig: „Dass die AfD der Hüter jüdischen Lebens in Deutschland ist, glaubt niemand“, sagt Szentei-Heise und erinnert an Aussagen Björn Höckes beispielsweise zum Holocaust-Mahnmal in Berlin. Die Bedrohungslage gegenüber Juden gelte für alle Gemeinden in Deutschland gleichermaßen. Antisemitismus gebe es jeden Tag.

Solidarische Bekundungen erhalten derweil die jüdische Gemeinde in Halle, als auch die in Düsseldorf. Der Vorstand der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Düsseldorf schreibt in einer Stellungnahme: „Wir sind entsetzt über diese Untaten gegen friedliche Menschen beim Gebet und willkürlich andere Menschen, die ihren Tagesgeschäften nachgingen. Wir trauern um die Getöteten und fühlen mit allen von ihnen Betroffenen, den Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Halle, den Angehörigen der Getöteten, allen jüdischen Menschen in unserem Land.“

Und weiter: „Sie verpflichten uns umso mehr, in unseren Anstrengungen für ein angstfreies und friedliches Zusammenleben nicht nachzulassen und alle jüdischen Menschen durch geschwisterliches Beistehen zu trösten und zu stärken. Rechtes antisemitisches Denken und Handeln, das immer unmenschlich war und ist, hat unzählig Andere und unser Land schon zweimal ins tiefe Unglück gestürzt. Dennoch sind immer noch und wieder Brandstifter und Brunnenvergifter, auch Täter am Werk. Wann wollen wir lernen?“

Mahnwache vor Synagoge

Und auch der Kreis Düsseldorfer Muslime verurteilt die Tat. Erst in der letzten Woche bekräftigte der Kreis zusammen mit der jüdischen Gemeinde die Arbeit gegen Antisemitismus und Muslimfeindlichkeit. Der Kreis beginnt seine solidarische Stellungnahme mit einem Zitat der Holocaust-Überlebenden Margot Friedländer: „Es gibt kein christliches, kein muslimisches und jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut! …man kann nicht alle Menschen lieben, aber man kann alle Menschen respektieren.“

Zudem schreibt der Kreis: „Mit großer Sorge betrachten wir die Entwicklung hin zu immer stumpferen Vorurteilen und hassschürender Sprache, die sich unweigerlich letztendlich in abscheuliche Terror-Gewalt und blinder Mordlust ergießt.“ Zusammen mit der Mahn- und Gedenkstätte und dem Netzwerk „Respekt und Mut“ nimmt der Kreis Düsseldorfer Muslime an einer Mahnwache vor der Synagoge um 17 Uhr teil.

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