Glaube

Brauchtumsmanager: „Unerträgliche antisemitische Stimmung“

Ein Mann mit Kippa – jüngst kam es immer wieder zu Anfeindungen gegen Mitbürger jüdischen Glaubens.

Ein Mann mit Kippa – jüngst kam es immer wieder zu Anfeindungen gegen Mitbürger jüdischen Glaubens.

Foto: Paul Zinken / dpa

Düsseldorf.  Walter Schuhen, selbst römisch-katholisch, geht mit Kippa durch die Düsseldorfer Altstadt, um sich solidarisch mit dem Judentum zu zeigen.

Brauchtumsmanager Walter Schuhen möchte ein Zeichen setzen. Für eine weltoffene Stadt, in der jeder willkommen ist. Er, der römisch-katholischen Glaubens ist, trägt dazu bei Spaziergängen in der Altstadt die Kippa, die Kopfbedeckung männlicher Juden. Schuhen macht das bewusst – auch, um zu provozieren. Denn in jüngster Zeit kam es immer wieder zu Übergriffen auf Mitbürger jüdischen Glaubens.

Wie etwa im vergangenen Jahr als ein 17-Jähriger mit Kippa von Männern in der Altstadt attackiert und leicht verletzt worden war. Ein Rabbiner war Mitte des Jahres ebenfalls beleidigt und verfolgt worden. Der Antisemitismus nahm beim Anschlag in Halle, bei dem zwei Menschen getötet worden sind, eine monströse Form ein.

Der Gegenpol

Für Schuhen ist es „unerträglich, was mit den Mitbürgern jüdischen Glaubens passiert“. Die jüdische Glaubensgemeinschaft habe die Stadt „immer bereichert“, so der Brauchtumsmanager, der an den „Sohn Düsseldorfs“ Heinrich Heine erinnert, ebenso an Felix Mendelssohn Bartholdy, der ein Musikdirektor in Düsseldorf war. Dessen Denkmal wurde 1936 durch die Nazis entfernt und erst 2012 wieder in der Landeshauptstadt errichtet.

Walter Schuhen selbst möchte ein Gegenpol zur „unerträglichen antisemitischen Stimmung“ sein. Deswegen geht er auch mit Kippa in die Stadt.

Dabei ist er nicht der erste, der diese Idee hat. So seien auch mal zwei Staatssekretäre für zwei Wochen mit Kippa durch die Stadt gelaufen, weiß Michael Szentei-Heise, der Direktor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, zu berichten. Auch sie wollten „mal testen, wie das so ist“. „Wer sich einer gewissen Gefahr aussetzen will, soll es gerne mal versuchen“, so Szentei-Heise. Danach könne man sich zumindest ein bisschen in die Lage eines religiösen Judens versetzen. „Wer mit Kippa angegangen wird, macht zumindest dieselbe Erfahrung.“ Dennoch gebe es natürlich den Unterschied, dass ein religiöser Jude die Kopfbedeckung immer trägt. Manche würden diese mittlerweile aber auch verstecken, etwa unter einem Käppi, so Szentei-Heise weiter.

Menschen sind interessiert am Judentum

Walter Schuhen trägt die Kippa hingegen offen. Er habe dabei auch keine Angst, angegangen zu werden. Bisher sei das auch noch nicht passiert. Im Gegenteil: Er habe sehr viele positive Begegnungen. „Die Menschen sind interessiert, am jüdischen Leben, an der Kippa. Viele möchten auch gerne die Synagoge besuchen.“

Wenn er bei seinen Spaziergängen diese positiven Unterhaltungen führt, leitet Schuhen das gerne an die jüdische Gemeinde weiter. „Oft haben die Menschen auch Fragen über das jüdische Leben, wissen aber nicht, an wen sie die richten sollen. Da helfe ich gerne weiter und vermitteln den Kontakt.“ Auch das sei Aufgabe eines Brauchtumsmanagers.

Unterstützung beim Rosenmontagszug

Diese Aufgabe, die für Schuhen ein Ehrenamt ist, ist vielfältig. Generell macht er sich sehr für die jüdische Gemeinde stark. Mit ein Grund, warum er dort zum Brauchtumsmanager geworden ist. Seine ursprüngliche Aufgabe bei diesem Ehrenamt beschreibt er damit, dass er „dazu beitragen sollte, dass die jüdische Gemeinde mehr mit der Stadtgesellschaft vernetzt“ ist. Auch um „professionelle Unterstützung beim Karneval“ ging es da im Besonderen. „Michael Szentei-Heise kam damals auf mich zu und hat um Unterstützung beim Rosenmontagszug gebeten“, so Schuhen, der die Moderation erst auf dem Wagen der jüdischen Gemeinde, später auf dem Toleranzwagen aller Düsseldorfer Glaubensgemeinschaften beim Umzug übernommen hat.

Das sei jedoch eine Arbeit, die mit einer Sensibilität einhergeht. Gerade auch in Verbindung mit dem Karneval. Dort wollen Worte gut überlegt sein, denn dieses Brauchtum hat durchaus eine ernste Seite, wie Schuhen mit einer Anekdote erzählt. So habe, so Schuhen, schon in den 1920er Jahren das Festkomitee des Kölner Karnevals sukzessive Juden ausgeschlossen. Szentei-Heise wollte das bei einem Prinzenpaarempfang in der Jüdischen Gemeinde erzählen und habe bei Schuhen nachgefragt, ob das in Ordnung sei, weil es so ein ernstes Thema ist. „Doch im Karneval geht es eben nicht nur um Spaß und Feierei. Auch solche Töne sollen angeschlagen werden dürfen“, meint der Brauchtumsmanager.

Eben für ein besseres Verständnis und Miteinander. Dafür setzt er sich ein.

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