Düsseldorfer Geheimnisse

Wo Joseph Beuys in Düsseldorf kräftig Dampf machte

Benedikt Mauer, der Leiter des Stadtarchivs Düsseldorf, vor dem Gebäude der Kunsthalle mit dem Ofenrohr.

Benedikt Mauer, der Leiter des Stadtarchivs Düsseldorf, vor dem Gebäude der Kunsthalle mit dem Ofenrohr.

Foto: Eva-Maria Bast

Düsseldorf.  Warum aus der Fassade der Kunsthalle ein Ofenrohr herausragt, erklärt Benedikt Maurer, der Chef des Düsseldorfer Stadtarchivs.

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Das sieht aber komisch aus! Wer die Fassade der Kunsthalle aufmerksam betrachtet, kommt nicht umhin, ein kleines Stück schwarzes Rohr zu bemerken, das aus der Haus wand ragt. Ist den Düsseldorfern nichts Besseres eingefallen, als den Rauchabzug der Kunsthalle aus der Wand zu führen? Doch schnell wird klar, dass es sich nicht um einen Kaminabzug handeln kann: Das Rohrstück ist viel zu kurz und zu dünn. Stadtarchivar Benedikt Mauer weiß, dass es sich nicht um einen Schornstein handelt, sondern – bei einer Kunsthalle irgendwie logisch – um Kunst. Und zwar von Joseph Beuys (1921-1986): „1981 installierte er dieses Metallstück im Rahmen der Ausstellung Schwarz unter dem Titel Loch und vermachte es hernach der Stadt Düsseldorf “, hat Benedikt Mauer recherchiert und erläutert: „Das ist insofern besonders bemerkenswert, als er ein sehr schwieriges Verhältnis zur Kunsthalle hatte und noch im Jahr ihrer Fertigstellung den sofortigen Abriss forderte.“ Beuys habe die „minderwertige Architektur“ so gar nicht gefallen.

Bürger trauerten Vorgängerbau nach

Ganz anders als Beuys, trauerten etliche Bürger obendrein dem Vorgängerbau nach, diesem Stein gewordenen Paradebeispiel überbordender wilhelminischer Architektur mit Reliefs, Säulen, Mosaiken und Wandgemälden. Mauer weiß, dass es nicht nur die Sehnsucht nach diesem Prachtbau war, die die Düsseldorfer verärgerte. „Man hätte dieses im Krieg beschädigte Gebäude problemlos wiederaufbauen können und nutzte es auch bis zur Eröffnung der jetzigen Kunsthalle. Aber aus Sicht der Nachkriegsstädteplaner passte es eben nicht mehr ins Stadtbild und schien entbehrlich“, schildert der Stadtarchivar die Gründe für den Neubau, der am 30. April 1967 eröffnet wurde.

Da in der Kunsthalle Düsseldorf vornehmlich zeitgenössische Kunstgezeigt wird, findet Benedikt Mauer, dass die Architektur irgendwie passt. Sie komme im Stil des „béton brut“ sehr dominant und wuchtig daher. In die Umgebung fügt sie sich allerdings nicht unbedingt ein: „Einen größeren Kontrast als den zwischen diesem Musentempel und dem Gotteshaus der barocken Andreaskirche gleich gegenüber kann man sich kaumdenken.“ Und genau das habe bei zahlreichen Bürgerinnen und Bürgern zu Kritik geführt – und bei Beuys,dem die neue Kunsthalle auch nicht gefiel. „Ob er mit dem Ofenrohr zumindest ein ganz klein wenig Kunst am Bau beisteuern wollte, bleibtungeklärt“, sagt der Stadtarchivar schmunzelnd.

Nach jahrelangem Rechtsstreit endlich Einigung

Als Beuys das Ofenrohr schuf, hatte sich der Künstler nach jahrelangem Rechtsstreit gerade in einem Vergleich mit dem Land Nordrhein-Westfalen geeinigt: 1961 war er dort auf den Lehrstuhl für Monumentale Bildhauerei der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf berufenworden – und diesen Auftrag nahm er ernst. So ernst, dass er alle Menschen, die den Wunsch hatten, Kunst zu studieren, auf ihrem Wegbegleiten wollte, auch jene, die dem Numerus Clausus nicht genügten oder deren Mappen nicht gut genug waren. Er wollte nicht, dass Menschen vom Studium ausgeschlossen werden, und tat dies unumwunden kund.

Mehr noch: Der streitbare Künstler machte Nägel mit Köpfen und nahm alle von seinen Kollegen abgelehnten Bewerber in seine Klasse auf. Das Wissenschaftsministerium war damit allerdings gar nicht einverstanden und gab starken Gegenwind. Beuys trotzte. Mehrmals besetzte er mit seinen Studenten das Sekretariat der Kunstakademie Düsseldorf, bis ihn Johannes Rau (1931-2006), damals Wissenschaftsminister und später Bundespräsident, nicht nur fristlos entließ,sondern auch Polizeibeamte einsetzte, die dafür sorgen sollten, dass der unbequeme Professor auch wirklich geht.

Studenten reagierten mit Hungerstreik

Die Studenten waren ganz und gar nicht einverstanden mit der Entlassung ihres streitbaren Idols. Sie reagierten mit Hungerstreiks, einem dreitägigen Vorlesungsboykott, Unterschriftenaktionen und Transparenten, auf denen etwa stand: „1000 Raus ersetzen noch keinen Beuys“. Der Presserummel war enorm, Künstlerkollegen wie Heinrich Böll (1917-1985) oder Günther Uecker machten sich in einem Offenen Brief für Beuys‘ Wiedereinsetzung stark. Und tatsächlich, er kehrte zurück, im Oktober 1973, ein Jahr nach dem er von der Polizei aus der Kunstakademie abgeführt worden war. Bekannt wurde dieser Moment als „Heimholung des Joseph Beuys“.

Eitel Sonnenschein war damit aber noch nicht: Der Künstler klagte gegen das Land Nordrhein-Westfalen, ein jahrelanger Rechtsstreit folgte, 1980 einigte man sich in einem Vergleich, dass Beuys bis zum 65. Geburtstag sein Atelier behalten und obendrein den Professorentitel weiter führen dürfe, das Arbeitsverhältnis aber aufgelöst werde. Ein Jahr späterbrachte er das Ofenrohr an der Kunsthalle an. Wenn auch nie Rauch durch selbiges drang: Joseph Beuys machte Düsseldorf immer noch Dampf.

So geht’s zum Ofenrohr der „Düsseldorfer Geheimnisse“: Es ragt aus der Fassade der Kunsthalle heraus, besonders gut kann man es vom Kay-und-Lore-Lorentz-Platz aus erkennen.

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