Stadtteil-Serie

Zuhören ist das Wichtigste für den JVA-Pfarrer aus Heerdt

Pfarrer und Gefängnis-Seelsorger Reiner Spiegel beim NRZ-Gespräch in „Küppers Bierstuben“ in Heerdt: „Heerdt ist mein altes Zuhause.“

Pfarrer und Gefängnis-Seelsorger Reiner Spiegel beim NRZ-Gespräch in „Küppers Bierstuben“ in Heerdt: „Heerdt ist mein altes Zuhause.“

Foto: Anne Grotjohann

Düsseldorf-Heerdt.   Pfarrer Reiner Spiegel stammt aus Heerdt und ist seit 35 Jahren Gefängnis-Seelsorger. Viele der Häftlinge sehen das Leben als Kampf, findet er

Wenn Pfarrer Reiner Spiegel über Heerdt spricht, ist ihm anzumerken: Er fühlt sich hier gut aufgehoben. „Heerdt ist mein altes Zuhause, ich bin in der Werftstraße aufgewachsen“, erzählt er bei einem Alt in „Küppers Bierstuben“. Zwar wohnt er in Pempelfort, doch Spiegel ist im linksrheinischen Westen immer noch gut vernetzt: „Ich bin im Heerdter Schützenverein und in einem Kegelklub, auch in einer Wander- und einer Billard-Gruppe.“

„Hier im Dorf kennen sich noch die meisten“

Sein Heimatgefühl beschreibt der 66-Jährige so: „Hier im Dorf kennen sich noch die meisten, das spielt eine große Rolle für soziale Sicherheit. Es gibt hier immer jemand, den ich nach etwas fragen kann. Die Hilfsbereitschaft untereinander ist groß.“

Seit 35 Jahren ist Reiner Spiegel katholischer Gefängnis-Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Düsseldorf, hat dort auch 25 Jahre die Jugendgefängnis-Insassen betreut. Bis 2011 in Derendorf angesiedelt, liegt die JVA mit rund 850 Haftplätzen für Männer heute in Ratingen, direkt an der Stadtgrenze zu Düsseldorf.

Ein klassischer Pfarrer wollte er nicht werden

Spiegels Weg zu seiner Berufung begann auch in Heerdt: „Meine Eltern waren sehr katholisch. Und sehr locker“, sagt er und lächelt. Gemeinschaftserlebnisse in der Katholischen Jugend seien für ihn prägend gewesen, erinnert er sich. „Radtouren, Zeltlager, Feste – da war richtig was los!“ Später hätten sehr gute Religionslehrer sein Interesse an Theologie geweckt. „Doch klassischer Gemeindepfarrer wollte ich nicht werden.“

Während seines Studiums in Bonn nimmt er als Mitglied der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit an einem Projekt für Gefangene teil, begleitet einen Inhaftierten, lernt mehrere Haftanstalten kennen. Aus dieser Erfahrung entsteht ein Leitmotiv seiner Seelsorge: „Es muss einen geben, der zu den Gescheiterten geht.“

„Ich finde Haftstrafen für junge Leute unsinnig“

Im Gespräch wirkt Reiner Spiegel sehr klar und reflektiert. Über seine langjährige Arbeit im Jugendgefängnis – dort sitzen Straftäter bis zum 24. Lebensjahr ein – sagt er: „Ich finde Haftstrafen für junge Leute unsinnig, denn ihre Rückfallquote ist sehr hoch. Zu 90 Prozent sind sie als erneut Verurteilte wieder ins Gefängnis gekommen“, hat Spiegel beobachtet. „Ich erlebe immer wieder, dass ein Mensch erst mit Ende 20 erwachsen wird.“ Sein Eindruck deckt sich mit dem Ergebnis mehrerer Studien von US-Neurowissenschaftlern: Demnach ist das menschliche Gehirn erst mit etwa 30 Jahren ausreichend ausgebildet für Lebensentscheidungen.

Viele Häftlinge, die Reiner Spiegel betreut, haben Gewalt und Missbrauch in Kindheit und Jugend erlebt. „Oft haben sie keine Familie im klassischen Sinn, Geborgenheit und Liebe fehlten.“ Sie sitzen ein wegen Mordes, Totschlags oder schwerem Raub, haben Diebstahl, Körperverletzung oder Drogendelikte begangen. Ein Gutteil der Häftlinge ist süchtig. Die Gespräche, die Spiegel anbietet, sind für die Gefangenen freiwillig. „Ich habe Schweigepflicht. Sie erzählen mir die Not ihres Lebens. Viele sehen das Leben als Kampf.“ Und sprechen zum Beispiel über ihre familiäre Vergangenheit oder schwierige Beziehungen. „Zuhören ist das Wichtigste bei meiner Arbeit.“

Wesentlich ist für Spiegel bei diesem Austausch, dass sich die Häftlinge aus eigener Kraft verstehen lernen, mehr Selbsterkenntnis gewinnen. „Mir geht es um Klarheit“, betont er. Und sagt auch: „Ich bekomme sehr viel zurück. Die meisten bedanken sich fürs Zuhören und das Gespräch.“

„Fast alle Inhaftierten glauben an Gott“

Sonntags hält er Gottesdienste in der JVA, leitet dort auch die Kirchengruppe „Glaube und Leben“, in der er mit Häftlingen zum Beispiel über Bibelstellen und Psalmen diskutiert. „Fast alle Inhaftierten glauben an Gott, haben die Vorstellung, dass Gott die letzte Station ist, bei der sie ankommen.“

Mit 66 ist Reiner Spiegel schon im Rentenalter, doch er hat seine JVA-Anstellung auf eigenen Wunsch verlängern lassen. „Solange ich dafür sorge, dass es mir gut geht, hält mich die Arbeit gesund.“ Er ergänzt: „Ich gehe fast jeden Tag ins Gefängnis, und die Leute freuen sich, wenn ich komme.“

Ihm selbst sei früh klar gewesen, dass für ihn als katholischer Pfarrer, dem eine Ehe und Familiengründung verschlossen bleiben, starke, verlässliche Bindungen umso wichtiger sind. „Ich habe Freunde, auch hier in Heerdt.“ Er fährt mit Freunden in Urlaub, ist auch in einem Theologenkreis. Einmal im Monat ist sein Museumstag, an dem er mit einem Freund Ausstellungen in Düsseldorf besucht. Und bald wohnt er auch wieder in seinem Heimatort Heerdt: „Ich werde demnächst wieder hierher ziehen, in das alte Pfarrhaus von St. Benediktus.“

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