Zwei Charaktere in bewegten Zeiten

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GESCHICHTE. Die Industriellen Wilhelm Boeddinghaus und Julius Schimmelbusch haben ihre Spuren in Hochdahl hinterlassen.

ERKRATH. Zwei Männer haben Spuren in Hochdahl hinterlassen wie nur wenige andere: Die Industriellen Wilhelm Boeddinghaus und Julius Schimmelbusch, beide aktiv während der 1848-er Revolution und beide bemerkenswerte Charaktere. Heimathistorikerin Hanna Eggerath hat Leben und Wirken der Männer, die für zwei gegensätzliche politische Richtungen standen, aufgeschrieben.

Wer die Straße Feldhof von Hochdahl ins Neandertal hinabfährt, kann dieses Haus nicht übersehen: Feldhof 14, das ehemalige Wohnhaus der Familie Boeddinghaus, erbaut 1858. Wie unter Industriellen seinerzeit üblich, ließ Boeddinghaus einen terrassförmigen Park hinunter bis zum Wanderweg Thekhauser Quall anlegen: exotische Bäume, Zierbeete, Wein, eine Kastanienallee, ein Forellenteich. Und: Eine Arminusstatue, getreues Abbild des Hermanns-Denkmals. Wer Geld hatte, zeigte es - so auch Boeddinghaus. Er teilte eine weitere, zeitgenössische Marotte. "Es war unter Unternehmern üblich, Ausgrabungen zu finanzieren", erläutert Hanna Eggerath. So ließ Boeddinghaus Ausgrabungen auf dem Butterberg, fast in Sichtweite seiner Villa, unternehmen. Eine alte Burg vermutete er dort, in seiner Phantasie war es gar eine Verteidigungsanlage der Römer. "Inzwischen ist ziemlich klar, dass es sich nur um ein altes, massiv gebautes Wohnhaus gehandelt haben kann", so Eggerath.

Seine ersten unternehmerischen Schritte machte Boeddinghaus im Alter von 24 Jahren. Zusammen mit seinem Bruder Friedrich gründete er eine Elberfelder Textilfabrik. Die Arbeitszeit betrug seinerzeit in der Regel 15 Stunden, erst nach 1839 durften Kinder unter neun Jahren nicht mehr in Fabriken arbeiten. Kommerzienrat Boeddinghaus gehörte auch zu den Aktionären der 1854 gegründeten "Actien-Gesellschaft für Marmor-Industrie im Neander-Thal", die Kalk abbauen sollte.

Wie Schimmelbusch, bezog auch Boeddinghaus in der Revolution 1848 (siehe Infobox) klar Stellung: Für den Prinzen von Preußen, den späteren Kaiser Wilhlem I., "von dem wir aus eigener Erfahrung wissen, wie gerade er es gewesen, der sich schon jahrelang aufs Wärmste für das Wohl der arbeitenden Klassen thätig bewiesen..." heißt es in einem Plakat, das Boeddinghaus im Revolutionsjahr in Berlin aufhängen ließ. Wilhelm Boeddinghaus starb 1896.

Julius Schimmelbusch, 1826 in Düsseldorf geboren, war aus anderem Holz geschnitzt - oder vielmehr Stahl gegossen. Nach einem Studium der Maschinen- und Hüttentechnik und einiger Zeit im Ausland wurde er 1849 "Spezialdirektor" der Hütte Eintracht in Hochdahl. 1851 wurde der erste Hochofen angeblasen, die Arbeiter kamen aus Unterbach, Neuss oder von weit her. "Es gab in Hochdahl einfach noch nicht genug Menschen für diese Tätigkeit", so Eggerath. Schimmelbusch ließ Wohnungen bauen, außerdem eine "Restauration nebst Schlafraum für 90 Arbeiter", ein Verkaufslokal, ein Koch- und Waschhaus, eine dampfgetriebene Maschinenbäckerei und 36 Familienwohnungen für seine Arbeiter.

Schimmelbusch sorgte dafür, dass 1859 die erste Elementarschule für evangelische Kinder in den Räumen des Gastwirts Bünger am Hochdahler Bahnhof eingerichtet wurde. 1861 wohnte er noch in Bruchhausen, in einem großen Haus, zusammen mit weiteren Hüttenmitarbeitern. Es ist längst abgerissen worden. Später bewohnte er mit Frau, Tocher und zwei Söhnen das Direktions- und Verwaltungsgebäude der Hütte. Um 1875 wurde sein eigenes "Haus am Trappenberg", die so genannte "Villa Schimmelbusch", gebaut - heute Trills 20.

Schimmelbusch stand zeitlebens den Demokraten nahe. 1848 war die Hütte in Vorbereitung und Schimmelbusch nannte sie "Eintracht" - das Frankfurter Paulskirchen-Parlament hatte ein einheitliches Deutschland zum Ziel. Die hütteneigenen Zechen, Distriktsfelder und Mutungen hießen "Vereinigtes Deutschland", "Mut" und "Kraft" - es gibt weitere, ähnliche Namen, darunter "Gagern" - Präsident der Nationalversammlung war Heinrich von Gagern. Im Unterbau des ersten Hochofens ist die Jahreszahl 1848 zu finden - sie hat keinen Bezug zur Hütte selbst. Etliche Industrielle wurden zu Anhängern der Revolution, deren Ziele auch der Wegfall der Zollschranken waren.

Hanna Eggerath hat Hinweise gefunden, dass Schimmelbusch geholfen haben könnte, den Gefangenenaufseher Georg Brune zu verstecken. Er hatte dem Staatsmann und Revolutionär Carl Schurz zum Ausbruch aus der Festung Rastatt verholfen.

Die Revolution wurde blutig zerschlagen und ihre Sympathisanten mussten ihren Anteil daran verbergen. Dennoch: Schimmelbusch wurde nie, wie vergleichbare Industrielle und wie auch Wilhelm Boeddinghaus, Kommerzienrat. Schimmelbusch starb im Alter vonnur 56 Jahren im Jahr 1881. Lehrer Loos von der evangelischen Schule Bruchhausen schrieb in der Schulchronik über ihn: "Der Kirche stand er sehr fern, und zwar als Atheist und Materialist. Gleichwohl sagte schon Herr Pfarrer Rühl von Herrn Direktor Schimmelbusch, dass er ein edler Mensch seie und Tugenden an sich hätte, die er manchem Christen wünsche." (sz)

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