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1986: Joseph Beuys’ letzter Auftritt wird zum Vermächtnis

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12.01.1986: Im Lehmbruck - Museum in Duisburg: Joseph Beuys, Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner und Kunsttheoretiker in seiner Dankesrede zum Lehmbruck-Preis. Nur wenige Tage später verstarb der Künstler an einem unheilbaren Lungenleiden.

12.01.1986: Im Lehmbruck - Museum in Duisburg: Joseph Beuys, Aktionskünstler, Bildhauer, Zeichner und Kunsttheoretiker in seiner Dankesrede zum Lehmbruck-Preis. Nur wenige Tage später verstarb der Künstler an einem unheilbaren Lungenleiden.

Foto: FOLTIN, Manfred / WAZ FotoPool

An Rhein und Ruhr.  Vor 100 Jahren geboren, vor 35 Jahren gestorben: Der berühmteste und umstrittenste Künstler der Welt, ja sogar des Niederrheins: Joseph Beuys.

Das also ist sein Vermächtnis: Es mag an der Unschärfe des Videos liegen, damals 1986, war die Technik einfach noch nicht so weit. Aber bei seinem letzten öffentlichen Auftritt, am 12. Januar 1986, im Duisburger Lehmbruck-Museum, wirkt Joseph Beuys beinahe alterslos, jedenfalls nicht alt – eher schon entrückt mit tief liegenden Augen, die schon ins Jenseits zu blicken scheinen, seine Wangenknochen treten hervor, aber das Gesicht wirkt glatt, fast kindlich und er hält jene Rede, die zu seinem Vermächtnis werden sollte. „Als nahezu 65-jähriger todkranker Mann fand er bewegende Worte für seinen ‘Lehrer’ Lehmbruck“, so schreibt es Heiner Stachelhaus, NRZ-Kulturjournalist in seiner 1987 erschienenen Beuys-Biografie.

Das Bemerkenswerte daran ist weniger, was er sagt als wie er es sagt. Aus der Beuys-Rede von damals ist schwer zu zitieren. „Auch bei der Entgegennahme der Urkunde behielt Joseph Beuys den Hut auf – gewohnte Erscheinung in seiner Kluft und kontrastierend zur feierlichen Gewandung der Ehrengäste, indes das überaus zahlreiche Publikum in bunter Mischung den neuen Träger des Wilhelm-Lehmbruck-Preises bestaunte. Fernsehkameras verdeutlichten die Bedeutung des Ereignisses über Duisburg hinaus“, so schildert die NRZ damals die Szenerie.

Beuys erfand seine Biografie immer wieder neu

Vor diesen Fernsehkameras hält der 64-Jährige mit Filzhut und Anglerweste eine Dankesrede, die keine ist. Kein Wort über jene, die ihm den Wilhelm-Lehmbruck-Preis, die weltweit renommierte Auszeichnung für Bildhauerei, verliehen. Stattdessen geht Beuys direkt in seinen Erfahrungsraum von nachgerade niederrheinischer Weite und Wolkigkeit – und direkt auf die Beziehungsebene. Lehmbruck und ich – daraus macht Beuys eine Lebens- und Liebesgeschichte, zieht, vielleicht mehr ahnend als wissend, eine Lebensbilanz. Und stellt neben sein berühmtes Drei-Wort-Mantra „Jeder ist ein Künstler“ noch zwei weitere: „Alles ist Skulptur!“ und „Schützt die Flamme!“.

Auch hier erfindet er seine Biografie noch einmal, so wie bei seiner Tataren-Episode: Lehmbruck, ein bereits Verstorbener, habe mit einem einzigen Foto in ihm den Wunsch geweckt, Bildhauer zu werden. Und das, als er sich schon nach seiner Begegnung mit dem Naturforscher Heinz Sielmann aufs naturwissenschaftliche Studium geworfen habe.

Beuys stieß eigentlich schon 1938 auf Lehmbrucks Bilder

Dann aber, stieß er, so erzählt er, auf „ein Büchlein auf einem Tisch“, er blättert und er erblickt Lehmbruck wie Moses den brennenden Dornbusch. Das sei in diesem Augenblick in ihn gefahren. „In dem Bild sah ich eine Fackel, sah ich eine Flamme und ich hörte eine Stimme: „Hüte die Flamme!“

Und Beuys erkannte: „Skulptur. Mit der Skulptur ist etwas zu machen. Alles ist Skulptur.“ Nun, der kleine Schönheitsfehler – neben der Frage, ob Beuys je ein Abitur gemacht und damit ein reguläres, naturwissenschaftliches Studium begonnen haben könnte, ist, dass Beuys schon 1938 auf Lehmbrucks Bilder stieß, mindestens also acht Jahre zuvor. Lehmbrucks Skulpturen jedenfalls, so erzählt es Beuys, hätten anders als die Skulpturen der NS-Zeit am Niederrhein, ein inneres Erlebnis ausgelöst.

„Kategorien, die niemals vorher vorhanden waren“

„Beuys fasst wohl mehrere Begegnungen mit dem Werk und der Biografie des Meisters zusammen“, so Heiner Stachelhaus. Denn Beuys habe bereits 1938 bei einer von den Nazis angeordneten Bücherverbrennung ein Werk über Lehmbruck vor den Flammen gerettet.

Wann auch immer Beuys seinen Lehmbruck für sich entdeckte: Vor 25 Jahren betonte er: Dieser habe bei ihm mehr bewegt als die anderen Großen der Skulptur: Arp, Picasso, Giacometti, Rodin. „Die Plastik ist schlicht das Gesetz der Welt, ein Höhepunkt, der etwas Innerliches meint.“ Auch Lehmbrucks Plastiken seien visuell nicht zu erfassen, sondern allein mit Intuition, mit dem Sinnende, dem Wollenden. „Kategorien, die niemals vorher vorhanden waren“ – es ist nicht das einzige Raunende in der Dankesrede.

Aus den Wirren des Krieges zur Kunst

Beuys macht Lehmbruck an diesem Tag zu einem älteren Bruder im Geiste, springt mit ihm zum gemeinsamen Hausgott Rudolf Steiner und dessen „Aufruf an die Kulturschaffenden“ von 1919. Damals wollte Steiner nach dem ersten Weltkrieg der deutschen Nation so etwas wie einen neuen Lebenssinn einhauchen, eine Art Nationalorganismus, indem geistige Idee, Wirtschaft und Politik zusammenwirken sollten.

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man die künstlerische Arbeit an der sozialen Skulptur, die bei Joseph Beuys bis zum parteipolitischen Engagement bei den Grünen reichte, als seine Antwort auf die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs begreifen will. Wobei ihn die Opfer des Krieges weniger interessierten als eine Art geistige Wiederaufbauarbeit. „Ich dachte mich zu einer neuen Form des plastischen Gestaltens, vom Material zur Seele, zur seelischen Plastik“, beschreibt Beuys im Januar 1986 seinen Weg, der ihn aus den Wirren des Krieges zur Kunst führte.

„Ich möchte dem Werk von Lehmbruck seine Tragik nicht nehmen“

Im Nachhinein beinahe metaphysisch mutet an, was Beuys berichtet: Der Aufruf Steiners sei von Lehmbruck erstunterzeichnet worden – und mit einem Kreuz hinter dem Namen abgedruckt worden. Zwischen Unterzeichnung und Veröffentlichung setzte Lehmbruck seinem Leben ein Ende. „Er hat die Flamme im letzten Augenblick weitergereicht, durch das Tor des Todes seiner eigenen Skulpturen.“ formuliert Beuys.

„Denn schützt man die Flamme nicht, ach eh’ man’s erachtet, löscht leicht der Wind das Licht, das er entfachte. Brich dann Du ganz erbärmlich Herz stumm vor Schmerz“ – zitiert er einen italienischen Dichters des frühen 18. Jahrhunderts und schließt: „Ich möchte dem Werk von Lehmbruck seine Tragik nicht nehmen.“

Wo brennt die Flamme der (sozialen) Skulptur heute noch?

Elf Tage nach dieser Rede stirbt Joseph Beuys in seinem Atelier am Drakeplatz in Düsseldorf. Die Frage wäre, wo die Flamme der (sozialen) Skulptur heute noch brennt. In einer Zeit, wo Gesellschaft weniger Gemeinschaft als Summe der Individuen ist. Ist jeder Mensch ein Solokünstler? Oder ist, nach Beuys, jeder Mensch Teil der sozialen Skulptur, die wir Gesellschaft nennen – und gestaltet sie als Künstler mit.

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