Lebensfreude

Aufgeben ist für Dirk Beyer trotz Behinderung keine Option

Dirk Beyer (mitte) arbeitet seit 15 Jahren ehrenamtlich beim DRK in Duisburg.  Während des diesjährigen Rhein-Ruhr Marathons wurde er von Oberbürgermeister Sören Link für sein Engagement geehrt. Neben Dirk Beyer sitzt seine Ehefrau Nadja.

Dirk Beyer (mitte) arbeitet seit 15 Jahren ehrenamtlich beim DRK in Duisburg. Während des diesjährigen Rhein-Ruhr Marathons wurde er von Oberbürgermeister Sören Link für sein Engagement geehrt. Neben Dirk Beyer sitzt seine Ehefrau Nadja.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Duisburg.   Dirk Beyer ist seit einer schief gelaufenen Knie-OP behindert und noch immer voller Lebensfreude. Für das DRK hilft er beim Duisburg Marathon.

Aufgeben - das war noch nie Dirk Beyers Sache. Das entspricht nicht seiner Lebenseinstellung. „Es geht immer weiter, man darf sich nicht unterkriegen lassen“, sagt der 41-jährige Rheinhauser, der wohl allen Grund dazu hätte, mit seinem Schicksal zu hadern, es aber nicht tut. Bis vor fünf Jahren stand er mitten im Leben, hatte sich als Tischlermeister selbstständig gemacht, studierte Architektur und war hauptamtlich als Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz tätig. Dann stolperte Dirk Beyer in einem Erste Hilfe Kurs über einen Stuhl und zertrümmerte sich den Schienbeinkopf im rechten Bein. Heute ist er infolge von schief gelaufenen Behandlungen und Operationen gehbehindert, auf beiden Augen blind und muss dreimal die Woche zur Dialyse. Das alles hält ihn aber nicht davon ab, weiterhin als ehrenamtlicher Helfer beim DRK aktiv zu sein.

Es ist der 15. Einsatz beim Duisburg Marathon für Dirk Beyer. Von 6 bis 15 Uhr hilft er mit seiner Frau Nadja in der DRK-Küche am Stadion, schält Kartoffeln und putzt Gemüse. „Es ist schön, dass mich die anderen machen lassen. Ich versuche mich einzubringen, so wie ich kann. Wenn ich was übersehe, helfen mir die anderen“, sagt Dirk Beyer.

Schmunzeln muss er über so manche ehrgeizige Sportler, die verbissen bis zum Letzten um die Zeit kämpfen und total am Boden sind, wenn sie das Ziel nicht erreichen. „Ich hatte nie so sportliche Anwandlungen und verstehe jeden, wenn er sagt: Ich will das erreichen. Aber wenn es nicht klappt, dann geht die Welt nicht unter“, sagt der gebürtige Heilbronner, der seit seinem zweiten Lebensjahr in Duisburg lebt. Die Sportler haben am Marathon-Tag meist keinen Blick für die Helfer am Rande. „Die sind so euphorisch mit sich beschäftigt. Es ist aber auch nicht schlimm, dass sie uns nicht so wahrnehmen. Wir sind da, wenn wir gebraucht werden. Und die Leute, denen wir helfen, freuen sich dann riesig. Und das freut uns dann.“

Ein dickes Dankeschön gibt es vom Oberbürgermeister

Für Oberbürgermeister Sören Link hat das Ehrenamt einen hohen Stellenwert. Er nutze die Gelegenheit, sich bei Nadja und Dirk Beyer persönlich für ihren Einsatz zu bedanken: „Ich finde es absolut bewundernswert, dass sich Dirk Beyer trotz der Schicksalsschläge mit so viel Lebensfreude ehrenamtlich engagiert. Davon kann man sich wirklich eine Scheibe abschneiden.“

Eigentlich will Dirk Beyer gar nicht lange über seine Behinderung sprechen. Er fasst die Erlebnisse in Kliniken kurz zusammen: „Im Krankenhaus wurde ich miserabel behandelt, mir wurden Schrauben ins Gelenk gedreht. Das Bein hat sich entzündet. Durch die Blutverdünner, die ich nehmen musste, sind Äderchen in meinem Auge geplatzt. In der Augenklinik wurden meine Augen gelasert, dabei wurde links der Sehnerv irreparabel verletzt, auf dem rechten Auge wurde die Netzhaut beschädigt. Seitdem kann ich auf dem linken Auge gar nichts mehr sehen und rechts habe ich noch ein Sehvermögen von drei Prozent“, fasst Beyer seine Krankengeschichte zusammen.

„Dreimal die Woche zur Dialyse ist echt uncool“

Er ließ nichts unversucht, wechselte die Ärzte und ließ sich sogar in einer Kölner Augenklinik behandeln: „Es konnte mir aber keiner mehr helfen. Die Sehkraft kommt nicht wieder.“ Auch normal laufen wird er nie mehr können. Das rechte Knie wurde zeitweise versteift und durch eine Knie-Vollprothese ersetzt. Das Knie ist durch die Prothese sehr eingeschränkt in der Bewegung. Am Ende waren es für seinen Körper ein paar OPs zuviel: „Meine Nieren haben versagt. Seit drei Jahren muss ich dreimal in der Woche zur Dialyse.“ Wie schlimm kann es einen treffen?

Doch über diese Frage denkt Dirk Beyer nicht nach. „An die Gehbehinderung und daran, dass ich fast nichts mehr sehen kann, habe ich mich gewöhnt. Aber die Dialyse, die ist echt uncool.“ Drei Mal in der Woche sechs Stunden still liegen, im Hochsommer nur einen Liter Wasser am Tag trinken, salzarmes Essen... „Das ist schlimm. Wenn ich meine Frau Nadja nicht gehabt hätte, wäre es schwierig geworden“, blickt er zurück.

Blöde Sprüche auf der Straße: „Scheiß Behinderter, geh zur Seite!“

Seit zehn Jahren sind die Beyers ein Paar, seit drei Jahren verheiratet. „Klar ist es doof, dass man nicht mehr verdienen kann und wir nur vom Gehalt meiner Frau leben. Ich bekomme nur eine kleine Rente. Das Arbeiten vermisse ich sehr“, sagt der Tischlermeister. Aber: „Uns geht es dennoch gut, wir haben Spaß, wir haben ein schickes Zuhause. Beide Muttis wohnen um die Ecke. Es ist immer jemand da, der mir helfen kann. Wir können auch mal eine Reise machen. Es gibt Leute, die sind bedeutend schlechter dran. Wenn Rentner, die 40 Jahre und mehr gearbeitet haben, Flaschen sammeln müssen, um sich ein Brot zu kaufen, sage ich mir: Es geht mir gut“, sagt Dirk Beyer und man mag es kaum glauben, dass er so lebensbejahend durch den Alltag geht, macht aber manch bittere Erfahrung. Wenn er mit seinem Rollator auf der Straße läuft, wird schon mal blöd angemacht: „Scheiß Behinderter, geh zur Seite!“ Sätze, die wütend machen. „Die sollten mal nur eine Woche mit den Einschränkungen leben, die ich haben. Aber dann denke ich: Was sind das nur für ein Kleinhirne.“

„Schlechte Laune habe ich selten“

Dirk Beyer geht weiter gut gelaunt durchs Leben. „Schlechte Laune habe ich selten. Natürlich gibt es heute mal Tage, an denen ich mir die Decke über Ohren ziehe und einfach nur meine Ruhe will. Aber die kommen selten vor.“ Und dann muss er die Ruhe vor Colliehündin Maja verteidigen. Wachsam und verspielt zugleich lässt sie dem 41-Jährigen nicht viel Zeit zum Grübeln. Die Besucherin wird an der Tür erstmal freundlich, aber bestimmt angebellt und so auch zugleich angemeldet. „Ich kann im Sommer ruhig die Türe offen lassen, hier kommt niemand unbemerkt hinein“, schmunzelt Dirk Beyer. Maja sollte eigentlich zur Blindenhündin ausgebildet werden. „Aber sie ist zu intelligent“, so ihr Herrchen. Wie? Zu intelligent? „Ja, sie ist zu schlau und weiß ganz genau, was sie will. Im Supermarkt würde sie einen von der Gemüsetheke direkt zur Wursttheke ziehen, da gibt es doch die leckeren Würstchen.“ Oh. Und wie zum Beweis schaut Maja die Besucherin treuherzig an – mit einem großen Stoffbasketball in der Schnauze.

„Man hat ganz schnell gemerkt, wer die wahren Freunde sind“

Kraft geben Dirk Beyer neben seiner Frau und Familie vor allem die Freunde, „die geblieben sind. Man hat ganz schnell gemerkt, wer die wahren Freunde sind.“ Und auch die Mitstreiter beim Deutschen Roten Kreuz seien eine große Stütze. „Wenn ich mal wo hin muss und meine Frau mich nicht fahren kann, dann sind sie zur Stelle.“

Die ehrenamtliche Arbeit beim DRK will er nicht missen. Einmal in der Woche ist er mit einem 80-jährigen Ehrenamtler beim DRK in Friemersheim im Einsatz. Fahrzeugpflege, Kochen, kleine Besorgungen: „Es gibt immer was zu tun.“ Und einmal im Monat ist er beim Schauspiel in der Homberger Glückaufhalle als DRK-Helfer mit dabei. „Ich kann ja nicht mehr viel machen, aber mit meinem Wissen als Sanitäter zur Seite stehen, wenn was passieren würde.“

Die Lebensfreude von Dirk Beyer ist ansteckend. „Man darf den Kopf niemals in den Sand stecken. Sicher, man kommt an seine eigenen Grenzen. Auch ich habe die gespürt. Aber es gibt immer eine Möglichkeit, man muss nur auf die Leute zugehen. Es gibt immer einen Plan B.“

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