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„Der Farbklecks“ in Duisburg feiert 30-jähriges Jubiläum

Platz ist in dem kleinsten Laden: An der Hohe Straßezeigte Ulrike Thelen (zw. v. l.) immer wieder Ausstellungen. Zur Not wurden die Bilder auch mal an Wäscheleinen geklammert.

Platz ist in dem kleinsten Laden: An der Hohe Straßezeigte Ulrike Thelen (zw. v. l.) immer wieder Ausstellungen. Zur Not wurden die Bilder auch mal an Wäscheleinen geklammert.

Foto: Archiv Farbklecks

Duisburg.   Die Wunderkammer für Kunst, Kitsch und Schönes schaut auf eine bewegte Geschichte in Duisburg zurück. Am 23. September wird gefeiert.

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Reisebüro oder Büromaschinen? Ulrike Thelen fiel die Entscheidung 1988 nicht schwer, ob sie das Geschäft ihres Vaters oder das ihrer Mutter übernehmen sollte. „Ich als Alt-68erin konnte doch keine Luxusreisen verkaufen“, war ihr Standpunkt. Also leitete sie fortan den von ihrem Großvater Adolf König gegründeten Betrieb für Druckmaschinen, der auch Großkunden wie Mannesmann und Demag belieferte. Auch weil sie eine Chance sah, in dem Laden auf der Königstraße 61 zumindest ein kleines Eckchen für Farben, Pinsel und anderen Künstlerbedarf abzuzwacken. Gern hätte sie nach der Schule Kunst studiert, sagt sie: „Aber weil ich zu schlecht war, bin ich nach der mittleren Reife ab- und zu einer Werbeagentur gegangen.“

1988 stand besagte Entscheidung an, und mit ihrer Wahl legte Ulrike Thelen die Keimzelle für ein Geschäft, das nicht nur in Duisburg einzigartig ist – den „Farbklecks“. Am Sonntag, 23. September, feiert der sein 30-jähriges Bestehen. Da wird es ziemlich eng werden in dem kleinen Laden an der Friedrich-Wilhelm-Straße. Denn: Die 30 Jahre „Farbklecks“ waren und sind so prall gefüllt mit Kunst und Kreativität, mit Begegnungen und Leben wie manch 100-jährige Geschichte anderer Betriebe nicht.

Aktionen und Ausstellungen

Einige Zeit, nachdem Ulrike Thelen den mütterlichen Betrieb übernommen hatte, wurde ihr klar, dass sie sich für diese Selbstständigkeit nicht krumm arbeiten wollte. Sie mietete auf der Hohe Straße Räume an, packte alles ein, was das Malerherz erfreut, und zog um. Den Weg konnte sie gar nicht verfehlen, denn in einer spontanen Aktion hatten Kunden und Freunde die Königstraße vom Mercatorhaus bis zum neuen „Farbklecks“-Domizil mit Bildern von der kleinen Königin (Anspielung auf den Großvater) und ihrem Terrier Emily bemalt. „Das war eine tolle Aktion, aber ich hatte auch Bammel, wegen der Pflasterbemalung verhaftet zu werden, denn die Bilder haben sich lange gehalten“, gesteht Thelen.

Exponate an Wäscheleinen geklammert

Diese Aktion sollte nicht die einzige bleiben in der Geschichte des „Farbklecks“. Der neue Laden, der Waren aller namhaften Künstlerbedarfsproduzenten anbot plus Rahmenwerkstatt, zog Kunstliebhaber und Künstler magisch an.

Dazu gehörten auch Andy Hellebrand, Ulrike Hoffmann, Dieter Kulsdom, Etienne Szabo und Thorsten Herbst, die als Duisburger Künstlergruppe X einen der gläsernen Schaukästen auf der Königstraße mit einer skurrilen Klanginstallation bestückten, bei der vier trommelnde rosa Plüschhasen eine wichtige Rolle spielten. Ulrike Thelen lud damals zu dieser Ausstellung ein. Viele weitere folgten. Nach dem Motto „Platz ist auch im kleinsten Laden“ bestückte Ulrike Thelen regelmäßig den Farbklecks mit Ausstellungen und zur Not wurden die Exponate auch mal mit Wäscheklammern an Leinen aufgehängt.

Eingeschweißte Kuhfladen verkauft

An den themengebundenen Ausstellungen – wie etwa „Kuh“, bei der auch eingeschweißte Kuhfladen für fünf Mark verkauft wurden, oder „Engel“ – beteiligten sich junge wie alte künstlerisch Tätige, Profis wie Laien. Doch die Kundschaft wuchs und die Nachfrage auch. Ein größerer Laden musste her. Ulrike Thelen fand ihn im ehemaligen Atlantishaus an der Mercatorstraße über der Buchhandlung Braun. Mehr Platz für Bilder und Staffeleien, für Pinsel und Farben und ein „klitzekleines Café“ saß auch noch drin. Zusammen mit der Kunsthandlung von Ulrike Thelens Freundin Irmhild Kugel präsentierte der „Farbklecks“ nun auch Ausstellungen mit Werken der Klassischen Moderne.

MoMa-Shop in Duisburg

Zwei Jahre währte diese Zeit, schon stand der nächste Umzug an. Mit Irmhild Kugel, die mit ihrer Galerie aus Moers wieder zurück nach Duisburg wollte, mietete sich Ulrike Thelen im ehemaligen Laden des Musikhauses Fehse an der Tonhallenstraße ein. Dritte im Bunde war Thelens Tochter Constanze, die sich mit der Idee, maßgeschneiderte Leinwände anzufertigen, selbstständig gemacht hatte. Und dann stand eines Tages ein Vertreter des New Yorker Museum of Modern Arts in der Tür und wollte Ulrike Thelen einen Museumsshop mit MoMa-Sortiment in Bonn schmackhaft machen. „Ich geh doch nicht nach Bonn“, erklärte Thelen kategorisch. „Wenn ich das MoMa-Sortiment anbiete, dann in Duisburg.“ Der gute Mann schlug ein, und fortan fungierte der „Farbklecks“ auch als MoMa-Shop.

An der Tonhallenstraße veranstaltete Ulrike Thelen auch ihren ersten Weihnachtsmarkt mit erlesenem und abgedrehten Christbaumschmuck und handgemalten Einladungskarten, jede ein Unikat.

Ein solches ist Ulrike Thelen selbst auch. Sie besitzt die Hartnäckigkeit und Verlässlichkeit, die ihrem Sternzeichen Steinbock zugeschrieben wird. Wie die Foxterrier, die sie so liebt, hat sie einen ganz eigenen Kopf und auch zuweilen den entsprechenden Dickschädel. England ist ihr bevorzugtes Reiseland und den Hang der Briten zu Kitsch und Kunst teilt sie unbedingt. Zudem schwärmt sie für alte und altertümliche Dinge.

Fundgrube und Kult

All das hat den „Farbklecks“ zu dem Laden gemacht, der er letztlich nach einem erneuten Umzug 2006 an die Friedrich-Wilhelm-Straße geworden ist – eine Wunderkammer voller Überraschungen, edler Papiere, witziger Wohnaccessoires, außergewöhnlicher Dekorationsartikel und einem sich ständig wandelnden Sortiment gepaart mit den nach wie vor hochwertigen Rahmen, Farben und Pinseln für den Künstlerbedarf. Eine Fundgrube und Kult für jeden, der Zweckfreies, aber Sinnvolles – nämlich Schönes liebt.

Ulrike Thelen trifft man nur noch selten im „Farbklecks“ an, denn seit Beginn des Jahres hat Moritz Besel das Geschäft übernommen. Er half als 15-jähriger Schüler schon in dem Laden. „Ich ahnte damals nicht, dass er kam, um zu bleiben“, sagt Ulrike Thelen. Doch irgendwann erkannte sie, dass sie in Besel einen Seelenverwandten gefunden hatte. Mit ihm geht der „Farbklecks“ neue Wege und bleibt – wie in seiner 30-jährigen Geschiche – weiter in Bewegung.

Verlag Goldauge gegründet

Im Alter von 70 Jahren ist Ulrike Thelen noch unter die Verleger gegangen. Zusammen mit Moritz Besel hat sie 2014 den Verlag Goldauge gegründet. Bislang erschienen sind dort das Buch „Die Stadtmaus und die Landmaus“ und die Erzählsammlung „Geschichten und Sagen aus dem Ruhgebiet“.

Ausstellung zum Jubiläum mit Objekten von Ulrike Thelen 

„Ohne Bewahren geht Leben nicht.“ Ulrike Thelens Credo ist Antrieb für eine Sammelleidenschaft, die in ihrer Umgebung zuweilen auf Unverständnis stößt. Ihre Liebe gilt alten Dingen, die sie von ihren Reisen mitbringt. Über Jahre ist so ein Sammelsurium entstanden, das seinesgleichen sucht: antike Teedosen, Tierfiguren aus den 30er-Jahren, kolorierte Kupfertafeln aus dem 19. Jahrhundert, versteinerte Früchte, präparierte Tiere – ein Riesenfundus aus Fundsachen, die zum Teil jeder Sammlung in Völkerkunde-Museen, die ja aus politischer Überkorrektheit heute nicht mehr so heißen dürfen, zu Ehren gereichten.

Für Ulrike Thelen zählt aber, dass diese Sachen einst für jemanden so große Bedeutung hatten, dass er sie aufbewahrt hat. In ihren Objekten, die sie nun anlässlich des 30-jährigen Bestehens des Farbklecks unter dem Titel „Journey trough the time“ in einem kleinen Kabinettraum des Ladens ausstellt, baut sie verschiedene Fundstücke zu der Geschichte eines Menschen zusammen.

Neues Leben aus alten Stücken

Natürlich ist es nicht die vollständige Lebensgeschichte und die wahre schon gar nicht, die in alten Schubladen und Ziegelformen wie in Setzkästen präsentiert wird. Die Auswahl der Fundstücke und ihre Kombination ist wie ein flüchtiger Blick in eines Menschen Zeit, der den Betrachter einlädt, seine eigene Fabulierkunst zu entwickeln.

Gehörte der falsche Walrosszahn mit dem Bild von James Cooks Schiff Endeavour mal einem Seemann? Stammt der getrocknete Kugelfisch, der über einer Himmelsscheibe und einem Kompass thront, vielleicht aus der Sammlung eines Gelehrten? Und was war das für ein Kind, das so oft mit seiner Löwenfigur gespielt hat, dass die Farbe an zahlreichen Stellen abgegriffen ist?

Ihre Objekte seien keine Kunst, sagt Thelen. Mag sein, aber sie sind anrührend und anregend.

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