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Der Forscher und die Flugkünstler

Foto: WAZ FotoPool

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Der Landschaftspark Nord ist nicht nur eine Kathedrale der Industriekultur, sondern auch Heimat der Tierwelt. Bei einer Erhebung in diesem Jahr wurden allein 25 verschiedene Libellenarten nachgewiesen – darunter sogar zwei, die bislang noch nie auf dem riesigen Areal in Meiderich angetroffen wurden: das Große Granatauge und der Spitzenfleck. „Beide zählen zu seltenen und leider auch gefährdeten Exemplaren“, erklärte Tobias Rautenberg der WAZ im Rahmen einer kleinen Naturexpedition. Der 30-jährige Diplom-Biogeograph ist Mitarbeiter der Biologischen Station Westliches Ruhrgebiet, deren Außenstelle Duisburg in der alten Probeentnahme des Landschaftsparks ihr Zuhause gefunden hat.

„Da vorne sitzt eine“, sagt Rautenberg und zeigt auf eine Libelle, die es sich zwischen Schilf und Binsen gemütlich gemacht hat. Dann zückt er sein kleines Fernglas, um die Sichtung zu identifizieren. „Das ist eine Späte Adonislibelle. Die gibt es nur im Raum Bodensee, Niedersachsen und hier bei uns in NRW.“ Wegen der eingeschränkten Verbreitung zählt auch sie zu den seltenen unter den insgesamt 80 Libellen-Arten, die in Deutschland nachgewiesen wurden. „In NRW leben davon rund 60 und hier im Landschaftspark derzeit 25 Arten“, so Rautenberg.

Die erste Datenerfassung für den Bereich rund um die Alte Emscher stammt aus dem Jahr 2006, als eine Studentin dort Libellen erfasste und zählte. Rautenberg – dessen Spezialgebiet stets die Vogelkunde war, der sich nun aber verstärkt auch mit Insekten beschäftigt – setzte die Libellen-Erfassung dann in 2013 und 2014 fort. Manche seien so schmal und klein wie ein Zahnstocher. „Es gibt aber auch Großlibellen, die haben Ausmaße eines Kugelschreibers“, beschreibt der Biologe.

Die Alte Emscher ist zwar ein fließendes Gewässer, doch an zahlreichen Stellen erinnert sie eher an einen Tümpel – also stehendes Gewässer. Hinzu kommt eine große Pflanzenvielfalt. Diese Mischung sei auch dafür verantwortlich, so Rautenberg, dass dort so viele Libellen-Arten ansässig geworden sind.

Zwei Libellen fliegen vorbei. Es sieht so aus, als ob sie aneinander festgeklebt wären und einen fliegenden Kreis bilden. „Das ist das so genannte Paarungs-Rad“, erklärt Rautenberg. In diesem Moment befruchtet das Männchen also das Weibchen. Dieses legt anschließend ihre Eier im Wasser oder am Uferrand ab. „Den größten Teil ihres Lebens verbringen die Libellen im Wasser – als Larve für ein oder zwei Jahre“, so der Experte. Durch die freie Wildbahn fliegen sie dann – je nach Art – nur für ein paar Tage oder Monate. In voller Pracht ist die Lebenserwartung also sehr kurz.

Und was mag er an Libellen vor allem? „Das sind echte Flugkünstler, die können sogar rückwärts fliegen“, sagt Rautenberg. Das klappt, weil die Tiere jeden ihrer vier Flügel einzeln steuern können. Und die Farbenpracht sei wirklich erstaunlich, sagt der Biologe. Das knallige Rot der Feuerlibelle ist schon von weitem mit bloßem Auge zu erkennen. Doch Libellen können auch grausam sein: Einige fressen andere Arten. Fliegende Kannibalen.

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