Zivilgesellschaft

Duisburg: Bürgerplattform DU aktiv will machen statt meckern

„DU aktiv“ heißt die neue Bürgerplattform. Zur Gründungsversammlung kamen etwa 350 Duisburger aus zivilgesellschaftlichen Gruppen der Stadt zusammen.

„DU aktiv“ heißt die neue Bürgerplattform. Zur Gründungsversammlung kamen etwa 350 Duisburger aus zivilgesellschaftlichen Gruppen der Stadt zusammen.

Foto: Lars Fröhlich / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Etwa 350 Duisburger haben die Bürgerplattform „DU aktiv“ gegründet. Wer sie sind und wie sie Duisburg lebenswerter machen wollen.

Eine solche Initiative hat deutschlandweit Seltenheitswert und ist neu für Duisburg: Etwa 350 Duisburger haben am Sonntag in der Mercatorhalle die Bürgerplattform „DU aktiv“ gegründet. Sie wollen ihre Stadt mit bürgerschaftlichem Engagement „lebenswerter machen“, wie sie betonen. Das Netzwerk kommt nicht aus dem Nichts: Dem ersten öffentlichen Auftritt ging „ein zweieinhalbjähriger Aufbauprozess mit über 1000 Beziehungsgesprächen mit Menschen und Gruppen der Zivilgesellschaft voraus“, erklärt Stephan Gierke vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO).

Bürgerplattform „DU aktiv“: „multikulturell, multireligiös und multithematisch“

„Wir sind bunt und echt, wir müssen uns verbünden“, beschwor Moderatorin Rabia Dereli vom Sprach- und Kulturzentrum PlusDU zu Beginn der Gründungsversammlung das Wir-Gefühl der Plattform. Für diese appellierte am Ende des Treffens Peter Leweke von der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Duisburg-Mitte: „Wir sind multikulturell, multireligiös und multithematisch – jeder kann mitmachen.“

Die Vielfalt im Rudolf-Schock-Saal war am Sonntag zweifelsfrei so groß wie selten zuvor, so viele Beteiligte unterschiedlicher Herkunft, Kulturen, Altersklassen, Stadtteile und Schichten waren gekommen, um gemeinsame Sache zu machen. Musikalisch untermalte das Orchester Mosaik aus Marxloh die Feier mit traditioneller türkischer Musik, ehe Philipp Eisenblätter sein Duisburg-Lied anstimmte. Eine Hymne hat die neue Bewegung damit schon.

Ebenfalls anders: Es fehlten die bekannten Gesichter aus Stadtgesellschaft und Rathaus. Für die etablierten Institutionen durfte Bürgermeister Erkan Kocalar kurz in die Runde winken, und Stadtdechant Roland Winkelmann hatte am Mikrofon auch nicht länger Redezeit als die Vertreter der bislang 20 beteiligten Gruppen. Auffallend auch hier: die Verschiedenheit der Gruppen vom aus der Bahnhofsmission hervorgegangen Verein Blickwechsel über Homberger Netzwerk, Kreuzbund-Stadtverband, Initiative New Afrika und Roma-Gemeinde bis hin zum VdK-Ortsverband Rumeln-Kaldenhausen; christliche Gemeinden aller Konfessionen sind ebenfalls beteiligt.

Deutsches Institut für Community Organizing (DICO) begleitet Bürger

Sie haben sich auf Initiative des DICO kennengelernt und Vertrauen aufgebaut. Das DICO ist ein Institut der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin. DICO-Leiter Professor Leo Penta berichtet von vier Bürgerplattformen in Berlin, einer im Kölner Norden. Warum er und seine Mitstreiter nun Beziehungsarbeit („Community Organizing“) und Geld (siehe Infokasten) in die Duisburgs Zivilgesellschaft investieren? Penta nennt Gründe wie die „Traumatisierung durch die Loveparade“ und „Spannungen in der Stadt“, etwa zwischen Alteingesessenen und Zuwanderern. „Und Duisburg muss in den Medien immer wieder als schlechtes Beispiel herhalten, aus unserer Sicht oft unberechtigt.“

Was tun? Das DICO wolle beteiligte Gruppen gegenüber Staat und Wirtschaft „handlungsfähig machen“, ihnen „politisch-strategisches Handeln vermitteln“, erklärt der „überzeugte Demokrat“ Penta. Peter Leweke sagt es so: „Wir wollen nicht wie viele andere nur auf Stadt, Regierung und Politik schimpfen – wir wollen uns einbringen, meckern statt machen. Optimisten verändern die Welt.“ Saniye Arik (PlusDU) etwa will dazu beitragen, dass die Einwohner Grenzen – Religion, Kultur und Sprache – überwinden und „mehr miteinander statt nebeneinander leben“.

Erste „DU aktiv“-Themen: Jobcenter, Jugend und ÖPNV

Wie Hilfe zur Verbesserung der Lebensverhältnisse konkret aussehen soll, schilderte auf der Bühne Chalet Khaled. Der Syrer flüchtete 2015 nach Deutschland. Inzwischen arbeitet der 40-Jährige in Duisburg als IT-Systemadministrator. Er kritisiert aus eigener Erfahrung, das Jobcenter Duisburg zwinge überforderte Migranten zu „unangemessenen Maßnahmen“. Er etwa sollte trotz seiner IT-Ausbildung lernen, Lkw zu be- und entladen. Die Jobcenter-Kurse, so Khaled, „kosten viel, dauern lange und sind nicht effektiv“. Er will mit DU aktiv einzelne Jobcenter-Kunden begleiten, aber auch durch Gespräche mit Entscheidungsträgern dafür sorgen, „dass alle Arbeitslosen im Jobcenter kein Glück mit dem Berater haben müssen, sondern dieselben Chancen haben“.

Zwei weitere erste konkrete Anliegen der Bürgerplattform: Gruppen wollen sich „für einen kundenorientierten öffentlichen Nahverkehr“ und neue, nachhaltig und gesamtstädtisch geplante Freizeitangebote für Jugendliche engagieren.

>> DU AKTIV: NÄCHSTE TERMINE UND GELDGEBER

• Woran Gruppen des Netzwerks darüber hinaus arbeiten, werden sie am 22. August in der Liebfrauen-Kulturkirche präsentieren. Interessierte sind darüber hinaus zu einer Art Stammtisch in der „OASE“, Wanheimer Straße 143, am Freitag, 28. Februar um 17 Uhr eingeladen. Stefan Gierke vom DICO gibt unter 0177 861 9185 und per E-Mail an stefan.gierke@organizing-nrw.de Auskunft.

• Das DICO werde als „überparteiliche und unabhängige“ Organisation durch Gelder von Stiftungen und Spenden finanziert, sagt Professor Penta. Zu den Unterstützern in Duisburg zählt auch die Niederrheinische IHK. Die „Anschubfinanzierung“, so Penta, sicherten die Logistikfirmen UPS und Rhenus, Vonovia, sowie laut DICO „AK Wohnungsgenossenschaften“, das „Ehepaar Finke“ und die Open Society Foundation. Auch die beteiligten Gruppen beteiligen sich finanziell.

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