Junge im Schrank

Duisburg: Polizei muss im Fall Marvin noch viele Fragen klären

In diesem Mehrfamilienhaus an der Hochstraße in Recklinghausen war der seit zweieinhalb Jahren vermisste 15-Jährige vor rund einem Jahr entdeckt worden.

In diesem Mehrfamilienhaus an der Hochstraße in Recklinghausen war der seit zweieinhalb Jahren vermisste 15-Jährige vor rund einem Jahr entdeckt worden.

Foto: Marcel Kusch / dpa

Duisburg/Bochum/Recklinghausen.  Im Fall Marvin ermittelt die Polizei auch wegen des Verdachts der Vergewaltigung. Vorbestrafter 44-jähriger Pädophiler streitet Straftaten ab.

Vor einem Monat wurde der seit zweieinhalb Jahren vermisste Marvin aus Duisburg zufällig in einem Schrank in einer Wohnung in Recklinghausen gefunden. In dem Fall, der bundesweit für Aufsehen gesorgt hat, sind noch viele Fragen offen. Fest steht: Offenbar hat der heute 15-Jährige während der gesamten Zeit seines Verschwindens bei einem wegen Kinderpornografie vorbestraften Mann gelebt. „Davon gehen wir aus“ - so hatte sich die zuständige Bochumer Staatsanwaltschaft bereits früh festgelegt. Aber was geschah in dieser Zeit?

Wie inzwischen bekannt wurde, ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den 44-jährigen Wohnungsinhaber nicht nur wegen der Verbreitung kinderpornografischen Materials, sondern auch wegen der Herstellung dessen und wegen des Verdachts der Vergewaltigung. Wegen dieser Tatvorwürfe wurde einen Tag nach der Festnahme des Mannes am 21. Dezember auch der Haftbefehl erlassen. Der verdächtige 44-Jährige, der zunächst gegenüber den Ermittlern keine Angaben gemacht habe, hat sich nun eingelassen: „Er streitet jegliches strafbares Verhalten ab“, sagt der Bochumer Staatsanwalt Paul Jansen zu seiner Aussage. Marvin sei freiwillig bei ihm gewesen, habe der Recklinghäuser erklärt, ihm sei nichts passiert. Auch mit Kinderpornografie habe er seit seiner früheren Verurteilung nichts mehr zu tun.

Polizei Recklinghausen richtet „EK Schrank“ ein

Der 15-Jährige ist seit seiner Entdeckung von den Ermittlern - im Polizeipräsidium Recklinghausen hatte die Behörde die „EK Schrank“ mit 18 Beamten eingerichtet - mehrfach befragt worden. Der Junge habe dabei „umfangreiche Angaben“ gemacht, sagt Staatsanwalt Jansen, ohne mit Verweis auf sein Alter weitere Angaben zu machen. Weiter überprüft die Polizei das Umfeld des Verdächtigen und sichtet die Massen an Datenmaterial, die in der Wohnung sicher gestellt worden waren. Weitere Befragungen des Jungen seien derzeit nicht geplant, sagt Jansen. Der 15-Jährige werde weiter medizinisch betreut.

Auf die Spur des 44-Jährigen kamen die Beamten in Recklinghausen durch ihre Kollegen in Duisburg. Dort war ein Mann ins Visier der Polizei geraten, weil er kinderpornografisches Material auf seinem Handy gehabt haben soll. Von ihm gab es eine Verbindung zu dem Recklinghäuser.

Polizei Duisburg überprüft offene Vermisstenfälle

Handelte die Duisburger Polizei in dieser Stelle richtig, könnte sie an einem anderen Punkt einen Fehler gemacht haben. Bekanntlich ging nach der Ausstrahlung des Falls in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY“ ein Hinweis auf den Recklinghäuser ein. Der bezog sich auf einen Zeitpunkt Mitte 2016, als es bereits einen Kontakt zwischen Marvin und dem Mann gegeben haben könnte. Weiter verfolgt wurde dieser Hinweis aber wohl nicht. Die Prüfung der Staatsanwaltschaft, ob in strafrechtlicher Hinsicht Verstöße bei der Duisburger Polizei gemacht worden sind, dauert derzeit noch an. Strukturell hat das Präsidium bereits reagiert: Offene Vermisstenfälle werden noch einmal überprüft. Bei Spuren und Hinweisen gilt nun das Vier-Augen-Prinzip. Die Überprüfung der Altfälle ist nach Angaben von Polizeisprecher Stefan Hausch inzwischen abgeschlossen. Auffälligkeiten seien dabei nicht festgestellt worden.

Marvins Mutter hatte dieser Redaktion gegenüber vor einigen Tagen angekündigt, im Februar eine Reha antreten zu wollen. Sie sah „ein hartes Jahr“ vor sich. Offen ist, wie es mit der Familie weitergeht. Die Stadt Duisburg hält sich bedeckt: „Aus Gründen des Datenschutzes können Fragen zu der familiären Situation und zu den konkreten Maßnahmen des Jugendamtes nicht beantwortet werden“, sagte eine Sprecherin. Nur soviel: Vor dem Verschwinden des Jungen im Juni 2017 habe es „verschiedene Hilfen zur Erziehung“ gegeben. Besondere Konflikte in der Einrichtung in Oer-Erkenschwick, in der Marvin bis dahin untergebracht war, habe es nicht gegeben. Ein halbes Jahr lebte er dort, bis er für lange Zeit verschwand. Jetzt schreibt die Stadt: „Im Vordergrund steht für uns - und so sollte es auch für die Öffentlichkeit sein - die Freude darüber, dass die Suche nach Marvin endlich ein Ende gefunden hat.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben