Sperrstunde

Duisburger Kneipen erleben die erste Sperrstunde um 23 Uhr

Auch der Finkenkrug in Duisburg-Neudorf muss aufgrund der Sperrstunde früher schließen. Doch mancher Gast hat um kurz vor 23 Uhr noch eine randvolle Maß vor sich stehen.

Auch der Finkenkrug in Duisburg-Neudorf muss aufgrund der Sperrstunde früher schließen. Doch mancher Gast hat um kurz vor 23 Uhr noch eine randvolle Maß vor sich stehen.

Foto: Zoltan Leskovar / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Nicht alle Kneipen in Duisburg sind am Samstag um Punkt 23 Uhr dicht. Wirte wollen sich gegen Erlass wehren. Dehoga warnt vor Kneipensterben.

Duisburg erlebt das erste Wochenende als Corona-Risikogebiet. Seit Samstag gilt eine verschärfte Sperrstunde von 23 bis 6 Uhr für Kneipen, Restaurants und Gaststätten. Auch Trinkhallen dürfen in dieser Zeit keinen Alkohol verkaufen. So sieht es der jüngste NRW-Landeserlass vor, der die wachsenden Zahlen in der Corona-Pandemie eingedämmt werden. Wirte wollen sich gegen die Maßnahme der Landesregierung wehren, auch unter den Gästen sind am Samstagabend die Meinungen über den Sinn der Sperrstunde geteilt.

Timo und Jan stehen wenige Minuten vor deren Beginn vor dem Finkenkrug am Sternbuschweg. Für die jungen Männer ist klar: Sie wollen den Abend noch nicht um 23 Uhr beenden. Auch in der Kneipe deutet wenig daraufhin, dass alle Gäste ihre Gläser auf die Minute genau leer haben werden und die Lichter der Kneipe pünktlich ausgehen.

Sperrstunde in Duisburg: Im Finkenkrug sind um 23.15 Uhr die Lichter aus

So hat um 22.58 Uhr ein junger Mann noch eine randvolle Maß vor sich stehen. Da ist bei anderen Gästen aber das Glas schon leer und die Rechnung bezahlt: Sie verlassen freiwillig zu Beginn der Sperrstunde das Lokal. Um 23.15 Uhr ist dann endgültig Schluss. Alle Gäste sind raus und ein Mitarbeiter schließt die Vordertür zu.

Ein paar hundert Meter weiter ist der Bürgerhof pünktlich um 23 Uhr leer gefegt. Gruppenweise streunen die Menschen über den Sternbuschweg, einige stehen noch ein Weilchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite vor den Lokalen oder am Imbiss neben dem Finkenkrug.

Von der Kneipe ins Wohnzimmer

Erneuter Ortswechsel: Im Fährmann an der Mülheimer Straße dauert es noch zehn Minuten länger, bis der letzte Gast sein Bier heruntergestürzt hat und die Lokalität verlässt. Maren, Nicole, David und Marian schließen gerade ihre Fahrräder auf – den Abend wollen die vier Freunde aber noch nicht beerdigen.

„Wir haben noch Wein und Bier zu Hause“ sagen die Mitt- und Endzwanziger. Die Sperrstunde hält Nicole für wenig zielführend. „Da sind andere Maßnahmen sinnvoller“, sagt sie. Ihr Freund hält dagegen: „Das ist ein Kompromiss, bevor die Kneipen wieder ganz zu sind.“ Die jungen Frauen nicken nun doch zustimmend.

Wirte des Indie und des Fährmanns sind gegen die Sperrstunde

Eine halbe Stunde zuvor, gegen 22.30 Uhr, ist das Indie in Sichtweite des Hauptbahnhofs noch gut gefüllt. Punkmusik beschallt die Bereiche zwischen den Duschvorhängen, mit denen Inhaber Steve Gebhardt (27) die Hygieneauflagen umsetzt. Zufällig ist auch Lukas Selic (21) da, einer der Chefs des wiedereröffneten Fährmanns.

„Uns trifft die Sperrstunde wesentlich härter als beispielsweise den Finkenkrug oder den Bürgerhof, denn die verdienen ihr Geld hauptsächlich mit Essen“, sagt Selic. „Wir sind auf das Bier zu später Stunde angewiesen“, ergänzt Gebhardt. „Und mal ehrlich: Die Leute müssen gleich hier raus und gehen dann alle woanders noch was trinken.“

Bereits am Freitag, als er den Auflagen gemäß noch bis 1 Uhr öffnen durfte, habe er die Auswirkungen zu spüren bekommen. „Da hatte ich vier Leute im Laden, die Menschen sind verunsichert“, berichtet der 27-Jährige. „Und da wir die Tische nur mit maximal fünf Personen besetzen dürfen, haben wir etwa 40 Prozent weniger Gäste.“

Dehoga warnt vor Pleitewelle der Lokale

Gaststätten seien mit all ihren Hygienekonzepten viel sicherer als eine gesellige Runde am heimischen Küchentisch, findet er. Gebhardt teilt damit die Ansicht des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), der eine Sperrstunde ablehnt. Nur 1,6 Prozent aller Infektionen, so habe das Robert-Koch-Institut ermittelt, seien auf Kneipen- und Restaurantbesuche zurückzuführen. Die Gastronomie sei nicht das Problem, sie sei vielmehr Teil der Lösung: „In den Restaurants, Kneipen und Gaststätten können die Menschen kontrolliert und unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln feiern, was in privaten Räumlichkeiten nicht gewährleistet ist“, so der Dehoga.

Vielen Wirten droht die Pleite, sollte die nächtliche Sperrstunde Bestand haben, warnt Marc Weber, der dem Interessenverband in Duisburg vorsteht. Er verlangt strengere Kontrollen statt strengerer Regeln, gerade im Hinblick auf die Weihnachtszeit, in der Gastronomen einen Großteil ihres Jahresumsatzes erwirtschaften.

>>> Polizei und Ordnungsamt kündigten Schwerpunktkontrollen an

  • Nach Angaben der Stadtverwaltung haben Polizei und Ordnungsamt für das Wochenende Schwerpunktkontrollen vereinbart. Verstöße gegen die Sperrstunde können mit einer Strafe von bis zu 25.000 Euro geahndet werden.
  • Am Sternbuschweg waren am Samstagabend zu später Stunde keine Ordnungshüter in Sicht. Die Stadtverwaltung hat für Montagmorgen angekündigt, eine Einsatzbilanz zur Sperrstunde am Wochenende zu veröffentlichen.
  • Trinkhallen dürfen nach 23 Uhr keinen Alkohol mehr verkaufen. Ein Pizza-Imbiss am Ludgeriplatz hat vorgesorgt und vorsorglich alle alkoholischen Getränke aus seinem Kühlschrank genommen – nur noch Softdrinks stehen darin. Bei zwei Kiosken auf der Wanheimer Straße und einer Tankstelle an der Mercatorstraße scheitert der Versuch, noch eine Flasche Bier zu bekommen.
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