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Erst ein Waisenkind lässt Judith erwachsen werden

Die Duisburger Autorin Renate Habets kann inzwischen ihr siebtes Buch vorstellen: „Nur ein Leben“.

Die Duisburger Autorin Renate Habets kann inzwischen ihr siebtes Buch vorstellen: „Nur ein Leben“.

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Die Duisburger Autorin Renate Habets stellt ihr siebtes Buch vor. In „Nur ein Leben“ steht eine Frau im Mittelpunkt, die lange Mädchen bleibt.

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Mit „Nur ein Leben“ hat Renate Habets ein Buch über eine Frau geschrieben, die es so nie gegeben hat, aber gegeben haben könnte. Die ehemalige Duisburger Schulleiterin hat sich als Autorin schon zuvor mit Frauenleben in verschiedenen Zeiten beschäftigt, diesmal geht es mit Judith Wetter und ihrer Familie von den 1920er Jahren bis in die 80er Jahre.

Eine der stärksten Szenen stellt Renate Habets (74) an den Anfang ihres Romans. Das Jahr 1945, Kriegsende: Die aus Potsdam geflüchtete Familie hat nach anstrengenden Wochen in einer Scheune im Westerwald Zuflucht gefunden, kommen die Amerikaner ins Dorf. Voller Angst erwarten die Bewohner in einem dunklen Kuhstall, was mit ihnen passieren wird. Eine Explosion, Judith rennt – und direkt einem GI in die Arme, der sie freudig herumwirbelt.

Eine Mischung aus erzählter Geschichte und Fantasie

Eine Szene, die ihr von einer 90-Jährigen oft geschildert worden sei, sagt Renate Habets. Diese Erzählung habe den Impuls zum Buch gegeben. „Auch die Familienkonstellation kenne ich“, sagt sie mit Blick auf die evangelisch Pfarrerfamilie, in der Judith so unbeschwert aufwächst, wie es zu ihrer Zeit möglich war. „Der Rest ist Fantasie.“

Judiths Leben ist geprägt von einem Satz ihrer Großmutter: „Du bist doch ein Mädchen.“ Den nimmt sie für ihr Leben an. Geradezu ohne eigenen Willen fügt sie sich allem. Zuerst von ihrer durchaus liebevollen Familie, die ihr Abitur und Studium ermöglicht, dann von ihrem Ehemann. Für die Ehe lässt sie ihr Studium sausen, sie möchte Kinder und Familienleben.

Der Schmerz ihres Lebens ist die Kinderlosigkeit

Doch ihr Mann kann keine Kinder zeugen und stirbt früh. Der Schmerz lässt sie in ein tiefes Loch fallen. Retten wird sie der Kontakt zu einem Besuchskind im Waisenhaus. Die Liebe zu Piet heilt sie, endlich wird sie erwachsen, lernt Nein zu sagen und entwickelt die Energie für den ersten eigenständigen Kampf ihres Lebens.

„Ich wollte genau das darstellen: nur ein Mädchen“, sagt Renate Habets über diese Figur, die alle Möglichkeiten hatte, sich ein eigenes Leben aufzubauen, sich stattdessen aber leben lässt. Sie ist damit so etwas wie eine Antiheldin für die starken Frauen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen. Von denen es in Judiths Generation wohl weniger gab als heute.

Diskussionsstoff über Frauenbilder gestern und heute

In ihrer „Geschichte, die einen völlig anderen Verlauf genommen hat als geplant“, zeichnet Renate Habets eine Familien- und Frauengeschichte in Vor- und Rückblenden. Sie schreibt präzise und psychologisch schlüssig. Manchmal möchte man ihre Judith schütteln, um sie aus ihrer Passivität zu holen. Sie ist selten glücklich und folgt damit der letzten Romanfigur von Renate Habets, der Felicitas aus „Drüben“. Auch diese Felicitas kann, ganz anders als ihr Name, nicht glücklich werden. Jedenfalls bietet „Nur ein Leben“ reichlich Gesprächsstoff für Frauenbilder gestern und heute.

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