Schicksal

Familienvater stirbt beim Joggen: Was seiner Witwe hilft

Andrea Sodolewski aus Duisburg hält ihre beiden Söhne fest im Arm. Ihr Mann starb nur sechs Wochen nach der Geburt der Zwillinge. Er wollte eigentlich nur eine Runde joggen gehen.

Andrea Sodolewski aus Duisburg hält ihre beiden Söhne fest im Arm. Ihr Mann starb nur sechs Wochen nach der Geburt der Zwillinge. Er wollte eigentlich nur eine Runde joggen gehen.

Foto: Tanja Pickartz / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Andrea Sobolewski hat Zwillinge geboren – sechs Wochen später stirbt ihr Mann. Er wollte nur joggen gehen. Die Witwe hat eine wichtige Botschaft.

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Zehn Jahre waren Andrea und Markus Sobolewski aus Duisburg unzertrennlich. Das Glück perfekt macht die Geburt der Zwillinge Jakob und Jonas. Doch nur sechs Wochen nach der Entbindung zerbricht am 4. September 2019 die Welt der jungen Mutter in Sekundenschnelle: Markus, 41, geht joggen und kehrt nicht mehr zurück. Tod durch Herzinfarkt. Wie die Witwe aus Rumeln-Kaldenhausen ihr Leben meistert und welche wichtige Botschaft sie hat:

„Ich hatte immer Angst vor dem großen Knall“, sagt die 40-Jährige. Die Beziehung zu ihrem Ehemann, dieses Kapitel des Lebens würde in einer Biografie den Titel „die besten Jahre“ tragen, sagt Andrea Sobolewski. „Und wer die vielen Seiten lesen könnte, der würde keinen Moment zweifeln.“ Das Paar tanzt regelmäßig in der Küche, er bringt sie zum Lachen und war „ein Kerl wie ein Baum“.

Am Ende steht ein „Bis gleich“

An jenem Septemberabend möchte der Familienvater mit seinem besten Freund Laufen gehen. „Bis gleich“, sagt er zu seiner Frau, nachdem er die vierjährige Tochter Jule noch zu Bett gebracht hat. Andrea Sobolewski bleibt mit den Zwillingen auf der Couch. Sie gönnt ihrem Mann diese „Papa-Auszeit“, schließlich waren die ersten Wochen nach der Frühgeburt der Jungs kräftezehrend.

Plötzlich klingelt ihr Telefon. Markus ist beim Joggen umgekippt, teilt ihr die Frau des besten Freundes mit. „Er ist unterzuckert“, glaubt sie sofort, schließlich ist er Diabetiker. „Ich werde mit ihm schimpfen“, so ihre Gedanken. Sicherlich bekommt er schon eine Infusion und macht Späßchen mit den Rettungssanitätern. Sie will ihn abholen und bittet eine Freundin, in der Zeit auf die Kinder aufzupassen.

Arzt überbringt die Botschaft: „Ihr Mann ist verstorben“

Als sie zum Unglücksort kommt, sind die Türen des Krankenwagens verschlossen. Was sie nicht weiß: Rettungskräfte haben ihren Mann bereits zweimal defibrilliert. „Ich habe aber in keiner Sekunde gedacht, dass er stirbt.“ Im Notarztwagen fährt sie zum Krankenhaus. „Ich habe gebetet.“

Sachlich und minuziös teilt der Arzt ihr die Geschehnisse mit. Bis zu den letzten Worten: „Wir haben eine Stunde versucht, ihren Mann zu reanimieren und es hat nicht geklappt. Ihr Mann ist verstorben.“ Herzinfarkt. In ihr das Gefühl, so beschreibt es die 40-Jährige, dem Arzt ein nicht akzeptieren wollendes NEIN entgegenzuschreien.

Das Leben hat sich geändert: Überall lauern „Trauerpfützen“

Nur schwer realisiert sie in dem Moment ihr Schicksal, alleine mit drei kleinen Kindern zu sein. „Die Endgültigkeit sickert nur tröpfchenweise durch“, sagt sie selbst vier Monate nach der Tragödie. „Gefühlt ist er nur auf Dienstreise“ und könnte jeden Moment durch die Tür kommen und sein letztes „bis gleich“ wahr machen.

Das Leben hat sich seit dem Tod radikal geändert. „Ich mache meine ersten Schritte alleine und wir versuchen, einen Alltag zu finden.“ Oft sind es aber die kleinen, unscheinbaren Dinge, die sie von einem auf den anderen Moment förmlich umhauen und zum Weinen bringen. So wie letztens die alten Schluffen, die er immer zuhause getragen hat. „Trauerpfützen lauern überall. Sie kennen keine Uhrzeit, haben keinen Sinn für den geeigneten Moment.“

Zeit des Funktionierens

Für die Kinder „funktioniert“ die Duisburgerin, von einer Haushaltshilfe wird sie vier Stunden am Tag unterstützt. Ohne diese Hilfe ist der Berg an Wäsche und die Versorgung der Kids nur schwer alleine zu schaffen. Aber es ist ungewiss, wie lange diese Unterstützung noch von der Krankenkasse übernommen wird.

Die Überforderung beginnt vor allem nachts. Etwa alle drei Stunden muss sie die Kleinen füttern, die helfende dritte Hand, sie fehlt dann. Jakob und Jonas, sie werden sich nur durch Erzählungen an ihren Vater erinnern können. Wie erklärt eine Mutter aber ihrer älteren Tochter, dass ihr Vater nicht mehr da ist?

„Papa kommt nicht mehr wieder“

Unter Tränen teilt sie der Vierjährigen die Wahrheit mit: „Papa kommt nicht mehr wieder. Er ist gestorben.“ Ihre Tochter möchte sie trösten und realisiert die Endgültigkeit dieser Nachricht nicht. „Vielleicht ist er nur verloren gegangen, so wie ich einmal beim Einkaufen?“, soll Jule gefragt haben.

„Sie ist die Tapferste von allen“, sagt Andrea Sobolewski über ihre Tochter. Früh muss sie Verantwortung übernehmen und auch mal einen der Zwillinge mit der Flasche füttern. Ansonsten wird die Witwe erfinderisch: Sie hat etwa eine Babywiege mit Motor, die Wippbewegungen der Eltern imitiert.

Duisburgerin teilt ihre Trauer auf Instagram

Zur Trauer kommt die 40-Jährige nur selten, doch in Momenten der Ruhe schreibt sie. So versucht sie, jede Erinnerung festzuhalten. Auf der Fotoplattform Instagram teilt sie ihre Geschichte. Das Verfassen der digitalen Tagebucheinträge helfe ihr bei der Verarbeitung des Erlebten. Für ihre Leser hat sie eine wichtige Botschaft: „Menschen sollten immer achtsam miteinander umgehen.“ Viel zu selten würden Gefühle gezeigt. Trifft das Schicksal ein, bleibe manchmal keine Zeit. Kommt diese Botschaft an, erscheine ihr der Tod ihres Mannes „weniger sinnlos“.

Gerührt hat sie die Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft ihrer Mitmenschen. Ihr Umfeld übermittelt ihr klar die Botschaft: „Du bist nicht alleine.“ Mit Kuchen stehen Nachbarn vor der Tür, auch wenn sie nicht immer wissen, was sie sagen sollen. „Aber das ist ok.“ Die Nachbarschaft hat eine Whatsapp-Gruppe gegründet, in der sie um Hilfe bitten kann – etwa wenn ein schwerer Karton in den Keller getragen werden muss. Am Kleiderhaken im Kindergarten von Töchterchen Jule hingen vor Weihnachten etwa Windeln als Zeichen der Unterstützung. Und noch viele Beispiele mehr. Für all die Nächstenliebe ist die Witwe unglaublich dankbar.

Heiligabend, Geburtstag und Silvester

Eine Herausforderung waren die zurückliegenden Familienfeste. Der Heilige Abend etwa – zugleich der 41. Geburtstag ihres verstorbenen Mannes. Mit Freunden hat sie die Weihnachtstage auf einem Bauernhof im Münsterland verbracht. „Ich wollte Weihnachten so feiern, wie nie zuvor.“ Weich aufgefangen von den Freunden, waren die Festtage so erträglich. Es wurde auch gelacht und obwohl es nicht ausgesprochen wurde, hatte jeder ein Stück „Markus“ im Herzen, sagt die Witwe.

Während Silvester die meisten Menschen das neue Jahr mit viel Zuversicht und großen Plänen willkommen heißen, hat die Duisburgerin nur einen bescheidenen Wunsch: „Nicht ertrinken und unbeschadet durch das Jahr kommen.“ Sie denkt von Tag zu Tag – in kleinen Etappen, so wie es ihre Trauerbegleiterin empfohlen hat. Halt geben ihr dabei die drei Kinder, Unterstützung erhält sie von Freunden und Nachbarn. „Ich bin bei aller Traurigkeit froh, so tolle Menschen um mich herum zu haben.“

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