Fotografie

Koelbl-Ausstellung mit jüdischen Portraits in Rheinhausen

Die Fotografin Herlinde Koelbl arbeitet konzeptionell und meist an mehrjährigen Projekten. Foto:

Die Fotografin Herlinde Koelbl arbeitet konzeptionell und meist an mehrjährigen Projekten. Foto:

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Rheinhausen.  In den 80ern hat die Fotografin jüdische Intellektuelle nach ihrem Verständnis von Heimat befragt. Das ev. Gemeindehaus zeigt die Ausstellung

Einem größeren Publikum bekannt geworden ist die Fotografin Herlinde Koelbl in den 90er Jahren mit der Langzeitserie Spuren der Macht, in der sie die späteren Kanzler Gerhard Schröder und Angela Merkel sowie Joschka Fischer, Renate Schmidt und andere Persönlichkeiten wie den Journalisten Frank Schirrmacher jedes Jahr fotografierte und mit ihnen Interviews führte. Da hatte sie schon in Deutsche Wohnzimmer und Schlafzimmer geschaut, sich fotografisch an Haaren abgearbeitet und gezeigt, womit und wie Schriftsteller von Elfriede Jelinek bis Herta Müller arbeiten. Ein herausragendes Projekt der inzwischen 80-Jährigen waren die „Jüdischen Portraits“.

„Ich habe bei allen Gedenkreden über die Vernichtung der Juden den Eindruck, dass die Deutschen übersehen, welcher Verlust ihnen selbst durch die Vernichtung und Vertreibung der Juden entstanden ist“, hat Koelbl im Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki festgestellt und beklagt, dass im Nachkriegsdeutschland so wenig unternommen wurden, jüdische Intellektuelle, Künstler und Wissenschaftlicher aus dem Exil wieder zurück zu holen.

Wie hoch der Verlust an Universitätsprofessoren war, die ab 1933 aus Deutschland vertrieben wurden, weiß niemand zu sagen. Es sei eine gigantische Zahl, vermutet der 2013 verstorbene Literaturkritiker und fügt hinzu: „Dass darunter die deutsche Wissenschaft bis heute leidet, wird oft gesagt. Ich hoffe, aufrichtig.“ In diesem 1989 geführten Interview verblüfft der Kenner und Liebhaber Thomas Manns, Heinrich Heines und Goethes, der jahrelang im Fernsehen das literarische Quartett geführt hatte, aber mit der Aussage: „Sie können in mir keinen Deutschen sehen. Ich bin kein Deutscher und ich werde er nie sein. Ich bin einer Bürger der Bundesrepublik. Selbstverständlich und gern. Mir gefällt dieser Staat, trotz allem.“ Das klingt verbittert. Der 1990 verstorbene Soziologe Norbert Elias antwortete Koelbl: „Ich bin, was ich bin. Ein deutscher Jude.“

Diesen Verlust den Deutschen vor Augen zu führen, ist eine der Intentionen der Fotografin. Mit zahlreichen Überlebenden in Deutschland hat sich Herlinde Koelbl getroffen, sie portraitiert. Dazu zählten unter anderem Ida Ehre, Grete Weil, Simon Wiesenthal, Erich Fried und Anita Lasker-Wallfisch, die mit ihrer Schwester Renate im Mädchenorchester von Auschwitz überlebte. Drei Jahre lang hat sie an dem preisgekrönten Projekt gearbeitet. Sie hat ihre Gesprächspartner nach ihrem Verständnis von jüdischer Tradition, von Religion und Heimat befragt und ihre Erinnerungen in Gesprächen aufgezeichnet. „Entstanden ist das Portrait einer Generation, die als letzte in das intellektuelle und geistige Klima der deutsch-jüdischen Symbiose hineingeboren wurde, die die Zerschlagung dieser Kultur miterleben musste – und die sie überlebte“, wie es 1989 zur Präsentation von Ausstellung und Buch hieß.

Eröffnung mit Lesung und Musik

Inzwischen wird die Ausstellung vom Haus der Geschichte in Bonn verliehen. Dort hat sie auch Wolfgang Wallrich, Pfarrer im Ruhestand aus Rheinhausen bestellt, um sie vom 12. Oktober bis 10. November im Gemeindehaus „Auf dem Wege“, Peschmannstraße 2, zu zeigen. Denn er findet, man muss die Erinnerung an das, was damals passiert ist, wach halten. Die ausdrucksstarken Fotografien faszinieren ihn. Zu sehen sind 26 Bildnisse von Gesichtern und ihren Geschichten, in denen sich existenzielle und individuelle Erfahrungen spiegeln. Es sind klassische Portraits in eindringlichem Schwarz-Weiß.

Eröffnet wird die Ausstellung am Samstag, 12. Oktober, um 15 Uhr mit einer Einführung von Wolfgang Wallrich. Es lesen Susanne und Ludwig Egener aus Bonn und Elke Heyn aus Rheinhausen. Dazu spielt die Gruppe „Tangoyim“ Klezmer-Musik. Zu sehen ist sie dienstags und mittwochs von 16 bis 20 Uhr, Samstag von 11 bis 20 und sonntags von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Größere Gruppen mögen sich vorher anmelden: , oder wolfgang.wallrich@gmx.de.

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