Soziales

Leben mit und ohne Kopftuch in Duisburg

Zwei Freundinnen, zwei Studentinnen, zwei Muslima, die eine trägt Kopftuch, die andere nicht. Warum, das erzählten sie Gespräch mit der NRZ.

Zwei Freundinnen, zwei Studentinnen, zwei Muslima, die eine trägt Kopftuch, die andere nicht. Warum, das erzählten sie Gespräch mit der NRZ.

Foto: Zoltan Leskovar

Duisburg.   Zwei Muslima erzählen, warum sie sich bewusst für oder gegen eine Kopfbedeckung entschieden haben und wie sie damit im Alltag umgehen.

Sie sind Freundinnen, studieren beide an der Uni in Duisburg, die eine Ingenieurwissenschaften, die andere Soziologie. Selma (26) und Fatma (28), so nennen wir die beiden Frauen, sind im Duisburger Norden groß geworden, in Familien mit türkischem Migrationshintergrund. Beide sind gläubige Muslima. Die eine, Fatma, trägt Kopftuch. Die andere, Selma, nicht. Warum, darüber sprachen sie mit uns, Und auch über die Kopftuchdebatte, die jüngst in Duisburg aufkam, als eine Mutter, die ein Kopftuch trug, keinen Zutritt zum Verein BSF Hamborn 07 Top fit fand.

Andere Blicke an der Uni

Für Selma steht fest: „Ich bin nicht bereit für ein Kopftuch im Alltag. Ich bin gläubig, habe den Koran mehrmals gelesen, bete mehrmals am Tag. Für den Moment trage ich dann eins. Aber ich schminke mich auch. Und das passt nicht zusammen mit einem Kopftuch“, findet die 26-jährige Studentin. In ihrer Familie gebe es einige Kopftuchträgerinnen, aber von ihr sei nie verlangt worden eines zu tragen. Schon ihre Oma, die jetzt um die 70 ist, trug immer schon nur eines zum Beten. „Ich bin schon so sozialisiert worden“, sagt Selma.

Ihre Freundin Fatma hat sich erst vor gut acht Jahren, so mit um die 20, für ein Kopftuch entschieden. Zuvor trug sie keins. „Meine Eltern haben mich auch gewarnt, ich solle es mir gut überlegen, es werde nicht einfach“, erzählt die Mutter eines kleinen Mädchens. Doch für Fatma gehörte es zum Glauben dazu. „Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass es ein Teil davon ist und ich es so leben möchte. Ich bin deshalb doch kein anderer Mensch“, sagt die angehende Ingenieurin selbstbewusst. Ihr sei bewusst gewesen, dass es schwierig wird. Nicht wegen ihrer Familie oder Freunde. „Aber an der Uni merkte man schon andere Blicke. Auch von Professoren. Das tat weh. Ich bin ja kein anderer Mensch geworden.“

Schwierige Suche nach einem Praktikumsplatz

Im Alltag erlebe sie viele Vorurteile. „In manchen Geschäften schreien manche Verkäufer fast und fragen, ob ich das verstanden hätte, was sie mir erklärt haben“, erzählt Fatma. Und auch auf der Straße gibt es manchmal durchaus blöde Bemerkungen. „Aber dann lache ich nur oder gehe den Leuten aus dem Weg.“ Doch nicht immer ist es so einfach. Fatma möchte nach dem Studium als Ingenieurin arbeiten, aber schon die Suche nach einem Praktikumsplatz zeigte ihr, dass viele Firmen bei einer Kopftuchträgerin die Tür zumachen. Sie erzählt von einer befreundeten Krankenschwester, die weinend nach Hause kam, weil sich ein Patient nicht von ihr behandeln lassen wollte. Des Kopftuchs wegen.

„Ich wäre gegangen“

Das sei traurig. Dennoch akzeptiert Fatma, wenn sie irgendwo nicht gewollt ist. Was soll sie sonst auch machen. Was hätte sie gemacht, wenn sie an der Stelle der Mutter gewesen wäre, die wegen ihres Kopftuches nicht in den Sportverein durfte? „Ich wäre gegangen, hätte gedacht, was für ein blöder Verein und hätte mir einen anderen gesucht“, sagt die junge Mutter. Genauso selbstverständlich sei es für sie, dass in ihrer Baby-Krabbelgruppe auch ein Mann dabei sein kann, der Elternzeit hat.

„Die Kursleiterin fragte mich, ob ich damit ein Problem habe. Warum sollte ich?“ Sie lebe in Deutschland und erkenne die Regeln an. Genauso wie christliche Feste, über die sie vieles weiß, weil sie bis zum Abi Religion hatte. Zu Weihnachten habe sie ihren Nachbarn Weihnachtsmänner vor die Türe gestellt: „Die haben sich erst gewundert, aber im nächsten Jahr hatte ich auch was vor der Türe.“

„Ich bin mit meinen Mitschülern in die Kirche gegangen“

Und auch Selma hatte nie Berührungsängste vor dem christlichen Glauben. „Mit meinen Mitschülern war ich früher auch in Kirchen, damit wir die Religion verstehen. Und ich besuche auch den Kölner Dom. Es ist ein Gotteshaus. Da kann ich auch zu meinem Gott beten“, sagt Selma. Sie muss lachen, wenn sie an manche Muslime denkt, die sich darüber aufregen, dass sie so oft am Tag die Glocken hören. „Dann sage ich immer: Ihr lebt in Deutschland, das ist hier so. Wo ist das Problem?“ Es gebe keines.

Die 26-Jährige ist selbst Mitglied im BSF Hamborn 07 Top fit. Sie habe im Verein noch keine Diskriminierung erlebt. „Es gibt auch türkische Trainer. Man weiß auch nicht wie die Situation eskaliert ist.“ Natürlich sollte man nichts dagegen haben, wenn eine Frau mit Kopftuch ihre Kinder zum Sport bringen will. „Aber du kannst auch nicht erwarten, dass wegen einer Person alles geändert wird.“

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