Theater-Besprechung

Makelloses Schauspiel auf spartanischer Bühne in Duisburg

Sarah Steinbach, Emma Stratmann und Lennart Klappstein überzeugen in dem Stück „Geschlossene Gesellschaft“..

Sarah Steinbach, Emma Stratmann und Lennart Klappstein überzeugen in dem Stück „Geschlossene Gesellschaft“..

Foto: Sascha Kreklau / sascha kreklau

Duisburg.   Drei Personen zusammengesperrt. Alle drei sind tot, gestorben. Eine überzeugende Darbietung von der „Geschlossenen Gesellschaft“

„Die Hölle, das sind die andern“. So lautet das wohl bekannteste Zitat des französischen Existentialisten Jean-Paul Satre. Und so lautet auch der letzte Satz den der schnöselige Garcin zu seinen zwei Mitgefangenen, der Lesbe Inés und dem Vamp Estelle sagt, als sie am Ende von Satres Schauspiel „Geschlossene Gesellschaft“ (Huit Clos) ihr Schicksal in der Hölle begreifen.

Schnösel, Lesbe, Vamp: An sich klingen die drei Charaktere, die bei der Spieltrieb-Premiere am Freitag im Opernfoyer von Lennart Klappstein, Emma Stratmann und Sarah Steinbach verkörpert wurden, ziemlich eindimensional. Sind es aber nicht. Nach und nach pellen die drei frisch gestorbenen in einem verschlossenen Zimmer in der Hölle, in dem sie nicht zufällig zusammen gelandet sind, Schicht um Schicht voneinander ab und legen die ganz persönliche Hölle der anderen frei. Die drei Verlorenen kommen relativ schnell darauf, dass sie die Folterknechte der jeweils anderen sein sollen, tatsächlich aber foltern sich alle drei vor allem selbst.

Das Schicksal der drei Protagonisten

Estelle hat reich geheiratet, aber trotzdem mit ihrer wahren Liebe ein Kind gezeugt – das sie in einem See ertränkt hat, woraufhin der Vater des Mädchens sich das Leben nahm. Auch danach, bis zum Tod an einer Lungenentzündung, dreht sich für Estelle alles nur um sie selbst, doch in der Hölle muss sie schmerzlich feststellen, dass sie keine echte emotionale Nähe und Verletzlichkeit ertragen kann.

Inés hat ihrem Cousin die Frau ausgespannt und gibt auch sonst offen zu, wie eine Fackel zu sein, die andere zum (ab-) brennen braucht. Obwohl sie sich selbstsicher gibt, durchbricht Garcin ihren Panzer aus Intelligenz und Ironie schnell, und als Estelle sie zurückweist, trauert sie doch ihrem Leben auf der Erde nach.

Journalist Garcin wurde wegen der Verweigerung des Militärdienstes erschossen, starb aber eigentlich an einem Schwächeanfall, kurz bevor ihn das Erschießungskommando nach seiner missglückten flucht richten konnte. Er versucht den anderen zu erklären, er sein wegen des Verhaltens gegenüber seiner Frau in der Hölle, die vor Kummer gestorben war, doch seine echte Hölle entpuppt sich schnell als Sorge um sein Bild in den Augen anderer und als seine Vergebliche Suche nach etwas Echtem, das er weder in der Liebe noch im Beruf hatte finden können.

Makellose und erstklassige Leistung

Die drei Schauspieler lieferten eine makellose, erstklassige Leistung auf der spartanisch eingerichteten Bühne des Opernfoyers ab. Dank beständiger, leiser Musik im Hintergrund wirkte das ganze Schauspiel, vor allem die Dialoge, wie ein Tanz, bei dem sich noch entscheiden muss, welcher Partner führt. Größte stärke war aber die hervorragende Mimik und Gestik, die Regisseur Tim Zielke zwar ständig, aber nicht übertrieben einsetzte, um die Wörter der Darsteller mit mehr Inhalt zu füllen, als ihnen ihre Buchstaben geben. So konnten die Zuschauer mehr als nur einen tiefgründigen Theaterabend mit nach Hause nehmen, denn Satres Stück, hier in der Übersetzung von Traugott König, ist bis unter den Rand vollgestopft mit zitierfähigen Zeilen. „Angst konnte man vorher haben, als wir noch Hoffnung hatten“, sagt Inés weise, und als sie Garcin fragt, warum er seiner Frau wehgetan hat antwortet der, wie aus der Pistole geschossen: „Weil es so einfach war.“

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