Inklusion

Mehr Respekt und Wertschätzung für Menschen mit Behinderung

Jutta Lütke Vestert (links), Projektleiterin des werkstatteigenen Modelabels esthétique, und Rosemarie Orzech, Model für esthétique, hängen im Ladenlokal "Ars Vivendi" an der Tonhallenstraße Stücke der neuen Kollektion auf.

Foto: Volker Hartmann

Jutta Lütke Vestert (links), Projektleiterin des werkstatteigenen Modelabels esthétique, und Rosemarie Orzech, Model für esthétique, hängen im Ladenlokal "Ars Vivendi" an der Tonhallenstraße Stücke der neuen Kollektion auf. Foto: Volker Hartmann

Duisburg.   In der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung gibt es seit Mitte Januar nur noch „Mitarbeiter“. Und alle werden jetzt gesiezt.

Es ist ein kleines Wort, aber es kann eine ungeheure Bedeutung entfalten als Ausdruck von Wertschätzung und Respekt: Sie! Diese höfliche Ansprache gehört im manierlichen Umgang miteinander zum Alltag, und dennoch gilt sie nicht für alle. „Menschen mit Behinderung werden oft einfach geduzt“, weiß Roselyne Rogg, Geschäftsführerin der Duisburger Werkstatt für Menschen mit Behinderung (Wfbm), aus Erfahrung. Und die umfasst auch das eigene Haus.

„Bei uns galt die Spielregel, die Leute einigen sich darauf, ob man sich duzt oder siezt. Der Vorschlag, du zueinander zu sagen, kam dann stets von den hauptamtlichen Mitarbeitern.“ Auch habe es in der Werkstatt Gruppenleiter gegeben, die selbst gesiezt werden wollten, ihrerseits aber die behinderten Menschen geduzt haben. Damit ist jetzt Schluss in der Wfbm. „Bei uns gilt die Anweisung, auch Menschen mit Behinderung werden gesiezt“, sagt Roselyne Rogg mit Nachdruck und fügt mit einem Lächeln hinzu: „Dafür werden wir Prügel kriegen.“

Niemand braucht die Unterscheidung

Denn das ist nicht die einzige Maßnahme, deren Umsetzung seit Mitte Januar dieses Jahres ein respektvolleres Miteinander schaffen soll. Seitdem gibt es keine sprachliche Unterscheidung mehr zwischen Mitarbeitern und (behinderten) Beschäftigten. Nun werden alle als Mitarbeiter bezeichnet. „Bei allen, die an unserem Modelabel „Esthétique“ mitarbeiten, machen wir diesen Unterschied schon lange nicht mehr“, sagt Projektleiterin Jutta Lütke Vestert. „Wir haben Models, Schneider und Schneiderinnen, Designer und Designerinnen.“

Die Stärken sehen statt der Schwächen

„Esthétique hat die Wfbm wirklich verändert“, betont Roselyne Rogg. Nicht nur, weil der Unterschied zwischen behinderten und nicht behinderten Produzenten der werkstatteigenen Mode keine Rolle mehr spielt, sondern auch, weil die Mitarbeiter sich über ihre Fähigkeiten definieren. „Seit 50 Jahren werden die Menschen in Behindertenwerkstätten über ihr Defizite eingeordnet und bestimmt“, erklärt die Wfbm-Geschäftsführerin. „Danach wurden auch die Bereiche benannt. Wir selbst hatten auch den Schwerstmehrfachbehinderten-Bereich. Das klingt doch brutal. Wir wollen mehr auf die Stärken sehen, nicht auf die Schwächen. Das ist Inklusion, dass man keine Unterschiede mehr macht. Auch die Menschen mit Behinderungen müssen das lernen.“ Sie sollen auch einmal selbst und selbstbewusst mit entscheiden, wo sie arbeiten.

Mutiges Vorbild für andere Werkstätten

Einstweilen kommen die Veränderungen erstmal von Seiten der Führungskräfte in der Wfbm“. Sie haben sich seit gut einem Jahr mit der Frage beschäftigt, was wirklich noch zu einem Unternehmen passt, das wie die Wfbm zu den 100 innovativsten eines Jahres gekürt wurde. Roselyne Rogg: „Wir haben uns gefragt, wo können wir noch Vorbild sein und ein Zeichen für andere setzen, den gleichen Mut zu haben wie wir? Warum unterscheiden wir in Mitarbeiter und Beschäftigte? Brauchen wir diesen Unterschied?“ Günter Wallraffs Enthüllungsbericht über den menschenverachtenden Umgang mit Schwerbehinderten in einer Behindertenwerkstatt gab weiteren Anstoß, darüber nachzudenken, wie mehr Wertschätzung und Respekt für die behinderten Menschen in der Werkstatt durchzusetzen ist. Dass nun alle Mitarbeiter genannt werden, dass der Schwerstmehrfachbehinderten-Bereich nun Teilfertigung heißt, der Seniorenbereich in Orientierung Ruhestand unbenannt wurde, und die behinderten Mitarbeiter gesiezt werden, sind alles kleine Schritte auf dem Weg, dicke Bretter zu bohren. Doch schwierige Aufgaben haben Roselyne Rogg und ihre Mitstreiter bislang nie abgehalten.

Mehr Selbstbewusstsein

Esthétique hat nach zwei Jahren erreicht, dass Menschen mit Behinderung selbstbewusster sind. Als wir mit unserer eigenen Mode begonnen haben, hieß es auch, das klappt nie im Leben“, erinnert sich Rogg. Sie weiß zu gut, dass nicht nur die behinderten, sondern auch die nichtbehinderten Mitarbeiter sich an die Umstellung gewöhnen müssen, und dass dies mit Sicherheit nicht reibungslos laufen wird.

„Bei uns arbeiten 1300 Menschen, da dürfen es ruhig 100 nicht gut finden, was wir machen. Man kann mit Veränderungen nur bei sich selbst beginnen. Wer also sollte damit anfangen, wenn nicht wir?!“

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