Prozess

Missbrauchs-Prozess: Immer noch keine Aussage von Marvin

Prozessauftakt im Juni am Landgericht Bochum: Der Angeklagte äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.

Prozessauftakt im Juni am Landgericht Bochum: Der Angeklagte äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.

Foto: Ralf Rottmann / FUNKE Foto Services

Bochum.  Marvin aus Duisburg soll in Recklinghausen versteckt und missbraucht worden sein. Ein halbes Jahr nach Prozessbeginn hat er noch nicht ausgesagt.

Seit Juni steht in Bochum der Mann vor Gericht, der den Duisburger Jungen Marvin zweieinhalb Jahre in seiner Wohnung in Recklinghausen versteckt und an die 500-mal missbraucht haben soll. Mehrere Termine für die Aussage des Hauptbelastungszeugen sind bereits geplatzt. Zum letzten, angesetzt an einem Samstag, erschien Marvin nicht: Er war in Corona-Quarantäne. Einen neuen Termin gibt es bislang noch nicht.

Der Angeklagte aber wird wohl im Saal sitzen, wenn der inzwischen 16-Jährige von seinem Martyrium erzählt. Seine Rechtsanwältin Marie Lingnau hatte versucht, das zu verhindern, dem Zeugen eine Begegnung mit dem 45-Jährigen zu ersparen. Das Oberlandesgericht entschied anders, der Angeklagte braucht den Raum nicht zu verlassen. Möglich ist aber, dass Marvin aus einem anderen Saal per Video zugeschaltet wird.

Das gab es in Jahrzehnten nicht: Gericht tagt an einem Samstag

Eigentlich wollte die 8. Strafkammer dafür eigens an einem Samstag tagen, weil die Gutachterin bis zum Jahresende keinen anderen Termin mehr frei hatte. Im Landgericht Bochum kann sich niemand erinnern, dass es das in den vergangenen 25 Jahren schon einmal gegeben hätte. Ursprünglich hatte die Kammer lediglich zehn Verhandlungstage bis zum 25. Juni angesetzt. Die Aussage des Jugendlichen aber steht terminlich weiterhin unter einem schlechten Stern: Ursprünglich war sie für den 7. November geplant, der Termin musste verschoben werden, da die gesamte Kammer in Quarantäne musste: Ein Schöffe war an Covid-19 erkrankt.

Marvin begab sich selbst in Quarantäne

Den neuen Termin am 21. November ließ der Zeuge selbst platzen: Nachdem er mit einem später positiv getesteten Betreuer im Auto gesessen hatte, begab sich Marvin selbst in freiwillige Quarantäne. Das reichte den Richtern zwar zunächst nicht als Grund für seine Absage. Allerdings weigerte sich Anwältin Lingnau aus Vorsichtsgründen, mit ihrem Mandanten gemeinsam im Raum zu sitzen.

Schon zuvor hatte sich der Prozess immer wieder durch weitere Anträge verzögert. Zuletzt hatte die Verteidigung beantragt, wegen der Corona-Gefahr die tägliche Verhandlungsdauer auf eine Stunde zu begrenzen. Im neuen Gerichtsgebäude kann man die Fenster nicht öffnen, dafür gibt es aber eine Lüftungsanlage, die die Luft abführt, statt sie umzuwälzen. Der Antrag wurde abgelehnt, es folgte ein Befangenheitsantrag gegen die Richter.

Marvins Mutter sitzt im Gerichtssaal

Wann und in welcher Form Marvin nun seine Aussage machen oder zumindest beginnen kann, ist offen. Sicher ist, dass seine Anwältin beantragen wird, die Öffentlichkeit auszuschließen. Marvin tritt im Prozess als Nebenkläger auf , wird dort durch seine Mutter vertreten . Die Duisburgerin hatte im Zeugenstand erklärt, dass ihr Sohn, der nach einem Aufenthalt in einer Jugendhilfeeinrichtung nun wieder bei der Familie lebt, sich kaum auf die Straße traue.

Die Polizei hatte im Dezember 2019 in der Mietwohnung in Recklinghausen kinderpornografisches Material gesucht; der Mieter war einschlägig vorbestraft. Eine Beamtin fand Marvin im Schrank , wo er sich versteckt hatte. Als Zeugin sagte die Polizistin aus, dass der Junge körperlich und emotional verwahrlost gewirkt habe. Er habe gesagt, dass er in den zweieinhalb Jahren in der Wohnung des Mannes nur dreimal kurz an der frischen Luft gewesen sei. Der Halbwaise war im Alter von 13 Jahren aus einer Jugendeinrichtung verschwunden.

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