Prozessauftakt

Mord im Café Vivo: Angeklagter spricht von Versehen

Ein 30-Jähriger steht in Duisburg vor Gericht. Er bestreitet, die Inhaberin des Café Vivo absichtlich getötet zu haben.

Ein 30-Jähriger steht in Duisburg vor Gericht. Er bestreitet, die Inhaberin des Café Vivo absichtlich getötet zu haben.

Foto: Zoltan Leskovar

Duisburg.  Schüsse töteten im Mai 2017 die Geschäftsführerin des Café Vivo. Der 30-jährige Angeklagte spricht von einer Verkettung unglücklicher Umstände.

Angestellte des „Café Vivo“ am Innenhafen machten am Morgen des 3. Mai 2017 eine grausige Entdeckung: Die 46-jährige Geschäftsführerin und Pächterin des Lokals lag von zwei Kugeln getroffen tot in der Gaststätte.

Nach langen ergebnislosen Ermittlungen half im Februar 2018 ein Zufall: Die DNA eines in anderem Zusammenhang in Berlin festgenommenen Mannes stimmte mit einer an der Leiche gefundenen Spur überein. Seit Montag steht Konstantin S. (30) wegen Mordes vor dem Landgericht am König-Heinrich-Platz.

Angeklagter soll heimtückisch gehandelt haben

Die Tat erinnerte die Ermittler an eine Hinrichtung: Der erste Schuss traf das Opfer in die Wange, drang bis die Lunge. Der zweite - tödliche - Schuss traf aus nächster Nähe die schützend erhobenen Hände der am Boden liegenden Frau, zerschmetterte ihren Schädel. Der Angeklagte habe heimtückisch gehandelt, weil das Opfer mit keinem Angriff rechnete, so die Anklage.

Eine Mordkommission ermittelte vergeblich in alle Richtungen. Nicht einmal eine Belohnung von 3000 Euro für sachdienliche Hinweise brachte eine heiße Spur.

Dann meldeten sich Berliner Ermittler: Wegen des Verdachts, einen schweren Raub begangen zu haben, war Konstantin S. dort am 23. Januar 2018 festgenommen worden und saß in Untersuchungshaft. Seine DNA passte zu Partikeln, die an der Leiche in Duisburg gefunden worden waren.

"Ich habe mich dem Alkohol ergeben"

Hartnäckig hatte der Angeklagte im Vorfeld geschwiegen. Um so mehr redete er zu Prozessbeginn. Der bei einem Auslandsaufenthalt seiner Eltern in Venezuela geborene und in Mülheim aufgewachsene Mann schloss ein BWL-Studium ab.

Doch damit endete seine Erfolgsgeschichte: Beim ersten Job musste er nach der Probezeit gehen, einen weiteren verlor er durch eine Erkrankung.

Zwischendurch spendierte er sich eine Weltreise. Das Geld dafür habe er erschwindelt. „Ich war so frustriert, fühlte mich als Versager.“ Die Arbeitslosigkeit verheimlichte er Familie und Freundin. Kurz vor der Tat kam die Wahrheit heraus. „Ich habe mich dem Alkohol ergeben.“

Deshalb will er nur verschwommene Erinnerungen an den Tattag haben. Auf der Suche nach einer neuen Wohnung sei er unterwegs gewesen. „Es ging mir schlecht.“ Die Besitzerin des Cafés habe ihn auf die Toilette gehen lassen. Dort sei er ohnmächtig geworden. „Sie hat mich wach gerüttelt.“

Tatwaffe wurde nie gefunden

Die Frau habe ihn aus dem Lokal drängen wollen. „Im Gerangel muss sich ein Schuss gelöst haben.“ Der zweite fiel, weil er „ihrer Körperlichkeit entkommen“ wollte. Das sei kein Mord gewesen, so Konstantin S.

Für die Tat macht er die Behörden mit verantwortlich: Er hätte in Österreich, wo er sich lange aufhielt, gar keinen Waffenschein bekommen dürfen. Doch Verfahren gegen ihn - von Sexual- und Eigentumsdelikten ist die Rede - seien dort nicht bekannt gewesen .

Die nie gefundene Tatwaffe - laut Anklage trug sie einen Schalldämpfer -, eine Pistole mit Kaliber 9 Millimeter, habe er immer bei sich getragen. „Um mich zu schützen. Paris und Straßburg haben gezeigt, dass die Sicherheitsorgane beim Terrorismus völlig versagt haben.“

Bei der Festnahme wurden handschriftliche Notizen des Angeklagten sicher gestellt. Darin hatte er hinter den Namen mehrerer Berliner deren Besitz - Autos, Bargeld - notiert. Dahinter fand sich jeweils der Zusatz: „Tod nötig“ oder „nicht nötig“. Der Angeklagte behauptet, es habe sich dabei nur um Text-Skizzen für „an der Realität orientierte Kurzgeschichten“ gehandelt.

Bis Mitte März sind elf weitere Verhandlungstage geplant.

Leserkommentare (4) Kommentar schreiben