Stadtgeschichte

Die Duisburger Siedlung Ratingsee: Kompromisslos gebaut

Die Siedlung Ratingsee mit ihren typischen Backsteinbauten aus den späten 20er Jahren.

Die Siedlung Ratingsee mit ihren typischen Backsteinbauten aus den späten 20er Jahren.

Foto: Gerd Wallhorn

Duisburg-Ratingsee.  Sie gilt als avantgardistisch und kompromisslos gebaut: Die Siedlung Ratingsee in Duisburg-Meiderich. Und deshalb ist die denkmalgeschützt.

Auf 52 Quadratmetern wohnen die Menschen in der denkmalgeschützten Siedlung Ratingsee in Mittelmeiderich. Es ist kein Scherz, wenn Gebag-Mieter sagen: „Platz haben wir nur im Garten.“ In der Tat: Der ist einen Quadratmeter größer als die gesamte im Haus zur Verfügung stehende Fläche.

Trotz der Enge leben die Menschen gerne dort. Die Mieten sind günstig, jeder lebt wie in einem Reiheneigenheim mit eigenem Garten. Man wohnt wie auf einem Dorf, mitten in der Großstadt. Größtenteils abgeschirmt vom Durchgangsverkehr an der Emmericher Straße – und doch nicht allzu weit von Einkaufsmöglichkeiten entfernt. Man kennt die Nachbarn, kann einen Plausch über den Zaun hinweg halten. Das Leben spielt sich hinterm Haus ab, im Grünen. Auf den Straßen ist es still. Da trifft man nur Menschen auf dem Weg zum Einkauf oder auf dem Weg zur Arbeit, beziehungsweise, wenn sie heimkommen.

Ursprünglich gab es einen Teich auf dem Gelände der Familie Rating

Entstanden ist die Siedlung auf einem vollgekippten Teich, dem Ratingsee. Sie ist das Ergebnis größter Not, entstanden in den Jahren 1927/1928. Die Stadt Duisburg hatte nach dem Ersten Weltkrieg vor allem ein Problem: Sie wusste nicht, wie und wo sie die wohnungslosen Menschen unterbringen sollte.

Alle Parteien im Rat der Stadt waren sich laut Denkmalschützern damals einig, dass dringend ein „sozialpolitisches Beispiel“ gesetzt werden müsse. Das war der Bau der Siedlung Ratingsee. Ausschließlich vorbehalten waren die kleinen Reihenhäuser „Minderbemittelten und kinderreichen Familien“.

Im indischen Chandigarh hat sich Le Corbusier ein Denkmal gesetzt

Der Bau der Siedlung sollte also das drängendste Problem lösen und zudem eine Mustersiedlung werden. Errichtet wurde sie ganz im Geiste des schweizerisch-französischen Stararchitekten Le Corbusier, der sich im nordwestindischen Chandigarh mit der nach seinen Plänen gebauten Stadt ein Denkmal setzen durfte.

An seine Ideen von „Sparsamkeit, sozialem Denken und Ästhetik“ erinnere laut den Duisburger Denkmalschützern die „Typenhaussiedlung“. In ihrer Schlichtheit gelten die Straßenzüge als avantgardistisch.

Alles ist in der Siedlung auf Funktion ausgerichtet

Sie hätten eine gewisse Ästhetik, aber mit den vorhandenen Grünzügen (die gibt es übrigens auch in Chandigarh reichlich) auch „hygienische und soziale Komponenten“.

Das gesamte Karree ist funktionalistisch aufgebaut. Jeder Bewohner erreicht seinen Garten von der Wohnküche aus. Jeder hat die Möglichkeit, den Garten nach eigenem Gutdünken zu nutzen – um Obst und Gemüse anzubauen, oder als Freizeitfläche.

Jeder Mieter ist Herr im eigenen Haus

Jeder ist quasi Herr im eigenen (Miets-)Haus. Ursprünglich konnte auch der tägliche Bedarf in den kleinen Geschäften direkt nebenan gedeckt werden, die Kinder mussten und müssen nicht weit laufen, um auf dem zentral gelegenen Spielplatz herumtollen zu können.

Die Häuser sind in Backstein gebaut, ohne Schnörkel. Die Grundfläche beträgt 4,30 mal 10,20 Meter. Es gibt drei Zimmer und eine Wohnküche. Den Keller nutzen die Bewohner heute als Bad.

Ein hervorragendes Beispiel für das Engagement der Stadt Duisburg

Die Haustüren und Fensterrahm sind dunkelgrün gestrichen – so wie es der Denkmalschutz vorschreibt. Viele Häuser haben zum Garten hin kleine Anbauten und winzige Balkone.

1998 ist die Siedlung unter Denkmalschutz gestellt worden. Sie gilt als ein „hervorragendes Dokument für das kommunalpolitische Engagement der progressiven Duisburger Stadtverwaltung“, heißt es in der Urkunde.

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