Soziales

Pflege-Chefin: Es mangelt an Bewerbern, nicht an Stellen

Wilma Katzinski ist Geschäftsführerin für fünf Seniorenheime, zwei ambulante Pflegedienste und drei Tagespflegen der Awocura in Duisburg.

Wilma Katzinski ist Geschäftsführerin für fünf Seniorenheime, zwei ambulante Pflegedienste und drei Tagespflegen der Awocura in Duisburg.

Foto: Lars Fröhlich

Duisburg.   Die Awocura-Geschäftsführerin ärgert sich über das Stellen-Versprechen der großen Koalition. Sie wünscht sich mehr Freiheit in der Organisation.

Mit 8000 neuen Stellen, so sieht es eine Vereinbarung im Koaltionsvertrag von CDU/CSU in Berlin vor, will die Politik dem Notstand in der Pflege begegnen. Das ist keine Antwort auf die tatsächlichen Probleme, glaubt Wilma Katzinski, Geschäftsführerin der Awocura in Duisburg. „Die Politik schenkt uns Stellen, scheint aber so abgehoben, dass sie nicht zur Kenntnis nimmt, dass wir schon die vorhandenen Stellen nicht besetzen können.“ Sie fordert deshalb eine Abkehr von der vorgeschriebenen Fachkräfte-Quote in Höhe von 50 Prozent in den Senioren-Einrichtungen.

Wer nicht ausbildet, zahlt

Erstens seien bundesweit 8000 Stellen nicht mehr als der berühmte Tropfen auf den heißen Stein: „Das sind gerade 0,6 Stellen pro Einrichtung.“ Zweitens sei die eigentliche Herausforderung der Betreiber von Pflege-Unternehmen der Mangel an Arbeitskräften. Katzinski: „Und das gilt längst auch für andere Branchen. Es mangelt einfach an Bewerbern, nicht an freien Stellen.“

Seit zwei Jahrzehnten ist die Awocura-Geschäftsführerin in der Pflege tätig. „Seither ist die Rede davon, dass wir mehr Personal benötigen.“ Bezogen auf die fünf stationären Duisburger Häuser „jammern wir vergleichen mit anderen noch auf hohem Niveau“, sagt sie. „Wir schaffen es gerade so, den Personalschlüssel zu erfüllen.“ Das Verhältnis zwischen Mitarbeitern und Bewohnern müssen die Betreiber mit den Kostenträgern verhandeln, kann der Betreiber keine ausreichende Zahl von Mitarbeitern stellen, ist ein Belegungsstopp die Folge.

Personaldecke ist „auf Kante genäht“

Die Personaldecke sei aber „auf Kante genäht“, berichtet die Geschäftsführerin. „Vakanzen müssen wir durch Mehrarbeit ausgleichen.“ Für Tätigkeit in einem Springerpool seien Fachkräfte kaum zu gewinnen, „den kriegen wir nur mit Hilfskräften aufgebaut“. Der Einsatz von Kräften aus Zeitarbeitfirmen sei für die Awocura keine Alternative. „Das ist teuer, die Mitarbeiter müssen zunächst in die Abläufe eingearbeitet werden. Deshalb versuchen wir es lieber über Zeitarbeitskonten.“

Müssen die Träger mehr für die Ausbildung des eigenen Nachwuches tun? „Wir stellen 45 Plätze und schöpfen damit unsere Kapazitäten aus“, betont Wilma Katzinski. Bewährt haben sich das vor Jahren eingeführte Umlagesystem für die Träger. Grundsatz: Wer nicht ausbildet, zahlt. „Das ist bürokratisch, aber wirkt. Die Zahlen sind seither erheblich gestiegen.“

Wachsende demografische Lücke

Mit Sorge blickt die Geschäftsführerin auf die wachsende demografische Lücke: Mehr alte Menschen, die Pflege benötigen, weniger Junge, die dort tätig werden können. Statt zusätzliche Stellen zu versprechen, müsse Politik ihren Beitrag leisten, die Berufe attraktiver zu machen. Bürokratieabbau ist für Katzinski der entscheidende Punkt: „Was die Mitarbeiter auszehrt, ist das schrecklich hohe Maß an Bürokratie. Damit verbringen sie zu viel Zeit, obwohl sie Pflege gelernt haben. Diese Stunden fehlen in der Pflege, für die Menschen.“

Die bereits umgesetzte Vereinfachung der Dokumentation sei nur ein erster Schritt in die richtige Richtung, ein zweiter sei die Lösung von der Fachkräftequote von 50 Prozent. „Statt dessen sollten wir mehr Pflege- und Betreuungsassistenten einstellen dürfen. Sie können die Zuwendung geben, die der Bewohner braucht.“ Eine Dokumentation und deren Kontrolle als Grundlage für die Qualität in der Pflege seien zwar wichtig, „aber ich wünsche mir mehr Freiheit in der Arbeitsorganisation.“

Nächste Karriereschritte ermöglichen

Die Awocura verfolge diese Strategie bereits mit Erfolg, berichtet Katzinski: „Wir ermöglichen berufliche Einstiege als Pflegeassistenten oder Alltagsbegleiter, durch Qualifizierung unseres Personals ermöglichen wir die nächsten Karriereschritte.“ Muss auch eine bessere Bezahlung sein, um mehr Interessenten zu gewinnen? „Es könnte sein, aber das ist nicht entscheidend“, glaubt Wilma Katzinski. „Examimierte Fachkräfte verdienen in der Pflege besser, als in der Öffentlichkeit behauptet wird – zum Beispiel mehr als ein Bürokaufmann.“

Botschaft für die Bundestagsabgeordnete

Die Bundestagsabgeordnete Bärbel Bas (SPD) hat beim Neujahrsempfang der Awocura-Seniorenzentren eine Einladung von Pflegeassistentin Yvonne Lobigs angenommen. Die Gesundheitspolitikerin wird einen Tag lang in einem der Häuser „auf Schicht“ gehen, um dort mehr über den Alltag der Mitarbeiter zu erfahren.

„Wir leisten gute Arbeit, wenn man uns lässt“, sagt Awocura-Geschäftsführerin Wilma Katzinski. „Das ist hoffentlich die Botschaft, die sie mit nach Berlin nehmen wird.“

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