Hochzeitskorsos

So reagieren Türken auf die „Anti-Hochzeitskorso-Offensive“

Umfrage bei türkischen Brautmodenhändlern und Juwelieren entlang der Weseler Straße in Duisburg-Marxloh zur Kampagne des NRW-Innenministeriums.

Umfrage bei türkischen Brautmodenhändlern und Juwelieren entlang der Weseler Straße in Duisburg-Marxloh zur Kampagne des NRW-Innenministeriums.

Foto: Lars Fröhlich / WAZ FotoPool

Duisburg.  Das NRW-Innenministerium hat im Kampf gegen ausufernde Hochzeitskorsos Flyer drucken lassen. Was Türken in Duisburg von der Kampagne halten.

Eigentlich, so hatte es die Duisburger Polizei jedenfalls gegenüber unserer Redaktion angekündigt, sollten ihre muslimischen Kontaktbeamten am Dienstag im Norden der Stadt unterwegs gewesen sein. Neben Glückwünschen zum Zuckerfest für die Geschäftstreibenden entlang der Weseler Straße, wollte die Polizei in den grazil dekorierten Auslagen die neuen Flyer des Innenministeriums hinterlassen. Eine Recherche vor Ort ergab: An der Brautmodenmeile in Marxloh hat weit und breit niemand einen entsprechenden Flyer bekommen, geschweige denn gesehen.

Der Grund: Entgegen der Annahme eines Polizeisprechers liegen der Duisburger Behörde die Flyer der „Anti-Hochzeitskorso-Offensive“ noch gar nicht vor. Sie müssen erst noch in Düsseldorf abgeholt werden, gibt eine Sprecherin am Mittwoch zu. Dann würden sie aber auch tatsächlich ausgeteilt. Indes bleibt abzuwarten, ob die Verkäufer ihren Kunden zusammen mit pompösen Kleidern und schneidigen Anzügen tatsächlich den Flyer des Innenministeriums mit dem Polizei-Logo in die Hand drücken. Ein Ärgernis sind ausufernde Hochzeitsfeiern auf offener Straße aber allemal - auch für die türkische Community in Duisburg.

Händler in Marxloh genervt von PS-Protzen

Eine Verkäuferin von Herrenanzügen, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will, beschwert sich etwa über den Lärm und den Gestank der quietschenden Reifen von „Angebern in Hochzeitskorsos“. „Ich muss die Ladentür schließen, weil das sonst nicht auszuhalten ist“, sagt sie. Sie findet es gut, dass die Polizei rigoroser durchgreifen will, mahnt aber auch zu Besonnenheit der Beamten, wenn es sich nur um „Lappalien“ handelt.

Eine Verkäuferin, die für die ersten Kunden noch schnell den Teppich saugt, hätte kein Problem, Flyer der Polizei in ihrem Laden auszulegen. Ein Problem hat sie aber mit den „völlig übertriebenen“ Korsos. Gegen ein bisschen fröhliches Hupen habe sie hingegen nichts. Nebenan beim Juwelier sieht man das ähnlich. Vor der Tür ist eine Ampel, und da würden Halbstarke auch alltags die Reifen durchdrehen lassen, umsonst Gas geben, hupen, „das ist absolut nichts gutes“, sagt der Juwelier. Hochzeitskorsos auf der Autobahn hält er für hochgefährlich, Unfälle könnten geschehen. Er wünscht sich mehr Maß. Ob da ein Polizeiflyer hilft? Er zuckt mit den Schultern.

„Müssen die jungen Männer ermahnen“

Auch Erkan Üstünay, Sozialdemokrat und Vorsitzender des Duisburger Integrationsrates, berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion davon, dass viele Türken die neue Kampagne des Innenministers begrüßen würden. Er hätte zwar zumindest das Ende des Zuckerfestes abgewartet, dennoch sei die Aktion wichtig und richtig, so Üstünay. „Viele Türken verurteilen Straßenblockaden, durch die andere Menschen gestört werden. Was aber gar nicht geht, ist der Gebrauch von Schusswaffen – auch wenn es sich um Freudenschüsse aus einer Schreckschusswaffe handelt.“ Üstünay selbst spreche viel mit jungen Männern, weise sie auf ihr Fehlverhalten hin und darauf, dass dadurch auch Ressentiments gegenüber Türken wachsen. „Wir alle“, sagt der Politiker, und meint damit die ältere Generation, „müssen die Jugend jetzt ermahnen, sich an die Regeln zu halten.“ Diese „sinnlose Angeberei“ bedrohe nicht nur das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, sondern auch die Feier des Brautpaares, am eigentlich schönsten Tag ihres Lebens.

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