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Sozialverband VdK warnt: Die versteckte Armut wird größer

| Lesedauer: 7 Minuten
Der Sozialverband VdK hat zum Auftakt seiner „Tour der Armut" mit Horst Vöge (Vorsitzender des VdK in NRW) und VdK-Präsidentin Verena Bentele im Duisburger Landschaftspark Nord Station gemacht.

Der Sozialverband VdK hat zum Auftakt seiner „Tour der Armut" mit Horst Vöge (Vorsitzender des VdK in NRW) und VdK-Präsidentin Verena Bentele im Duisburger Landschaftspark Nord Station gemacht.

Foto: Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Der VdK macht zum Auftakt seiner „Tour der Armut“ in Duisburg Halt. Die Stadt sei besonders von Armut und prekären Arbeitsverhältnisse betroffen.

Auf seiner „Tour der Armut“ entlang der A 40 hat der Sozialverband VdK heute in Duisburg Station gemacht. Den Landschaftspark Nord hat der VdK an diesem Morgen bewusst als Kulisse für den Start seiner „Tour der Armut“ durchs Revier genutzt. Denn die Bekämpfung von Armut hänge auch eng mit der Entwicklung von Arbeit zusammen. „Es geht um die nachindustrielle Entwicklung von Arbeit. Früher gab es hier die Montanarbeit, heute sind viele prekäre Arbeitsplätze entstanden, viele Menschen können sich nicht selbst aus der Armut befreien“, sagt Verena Bentele vor dem stillgelegten Hüttenwerk. Die VdK-Präsidentin setzt sich im Vorfeld der Bundestagswahl für ein gerechteres Steuersystem zur Verteilung der finanziellen Lasten ein: „Es kann nicht sein, dass Woche für Woche 4000 Menschen in Duisburg auf die Tafel angewiesen sind, während große Internetkonzerne kaum Steuern zahlen und das Vermögen der Superreichen weiter wächst.“

Armin Laschet zeigt kein Interesse am Podcast mit Verena Bentele

Neben bezahlbarem Wohnraum fordert der VdK die Einführung einer Kindergrundsicherung sowie eine Grundsicherung für Ältere und Erwerbsgeminderte sowie eine Pflegevollversicherung. Gerne hätte Verena Bentele in ihrem Podcast „Bentele hakt nach“ auch mit NRW-Ministerpräsident Armin Laschet darüber gesprochen, was die Parteien nach der Wahl sozialpolitisch planen. „Doch Herr Laschet hat abgesagt“, sagt Verena Bentele. Im Gegensatz zu den anderen Kanzlerkandidaten. „Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Dietmar Bartsch haben schon mit mir geredet. Selbst Christian Lindner hat zugesagt“, zählt sie auf.

Nur die CDU zeigte wenig Interesse mit dem Verband zu sprechen. „Das finde ich nicht schön. Ich hätte gerne unseren über 2,1 Millionen Mitgliedern vermittelt, welche Sozialpolitik die Kandidaten verfolgen“, sagt Verena Bentele. Auch der Landesvorsitzende des VdK, Horst Vöge, bestätigt aus seiner Erfahrung den Eindruck, dass der Verband bei der CDU auf wenig Gehör stößt. Neben der SPD würden vor allem die Grünen auf den VdK zu gehen – und das nicht nur im Wahlkampf.

Jeder 5. Duisburger bezieht Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts

Die Corona-Krise habe die existenzielle Notlage vieler Menschen noch einmal verschärft. Auch in Duisburg. Die Zahlen, die der VdK anführt, sind aus 2019, also noch aus der Zeit vor der Pandemie, aber schon sie zeigen deutlich die Sozialstruktur in Duisburg: Während die Armutsgefährdungsquote in NRW 2019 mit 18,5 Prozent bereits über dem Bundesdurchschnitt von 15,9 Prozent lag, betrug sie in Duisburg sogar 28,5 Prozent. Etwa jeder 5. Duisburger bezieht Leistungen zur Sicherung des Lebensunterhalts nach dem SGB II, während das landesweit „nur“ jeder 8. und im deutschlandweiten Vergleich jeder 11. Bürger muss. Deutlich werde die soziale Schieflage in Duisburg auch mit Blick auf die mehr als 4.000 Menschen, die Woche für Woche auf die Unterstützung der hiesigen Tafel angewiesen sind. Hinzu kommt eine vergleichsweise hohe Zahl an Arbeitslosen, die mit 31.986 Menschen im Juni 2021 zuletzt eine Quote von 12,3 Prozent erreichte.

Für die kleine Bootstour reicht die Rente nicht

Hinter den Zahlen stecken oft ganz konkrete Schicksale, die auch die vielen ehrenamtlichen Mitarbeiter des Sozialverbandes in den 52 Ortsvereinen am Niederrhein, darunter elf in Duisburg, nur zu gut kennen. „Wir merken die Armut dann, wenn die ältere Dame nicht die Bootstour mitfahren kann, weil sie sich die Kosten nicht leisten kann. Oder aber ein Rentner fragt, ob er den Mitgliedsbeitrag von 33 Euro pro Halbjahr nicht monatlich zahlen kann, weil ihm die Summe auf einmal schwer fällt“, sagt Raimund Bosmann, stellvertretender Vorsitzender des VdK Niederrhein, der von Duisburg über den Kreis Wesel bis zum Kreis Kleve etwa 30.000 Mitglieder zählt.

Frage wie letztere erreichen auch Svenja Weuster, hiesige VdK-Geschäftsführerin immer wieder. Sie weiß, dass viele arme, vor allem ältere Menschen sich schämen, zuzugeben, dass sie mit ihrer kleinen Rente nur schwer über die Runden kommen: „Es ist bloßstellend für die Generation.“ Was Svenja Weuster besonders berührt, ist oft die Dankbarkeit dieser Menschen, wenn der VdK sie in einem Widerspruchsverfahren erfolgreich vertreten hat. „Die Gebühr von 30 Euro, die die Mitglieder zahlen müssen und wir bei Erfolg zurückbekommen, spenden oft diejenigen, die es am meisten gebrauchen können. Und die, von denen wir wissen, dass sie das Geld nicht unbedingt nötig haben, fragen als erstes, wann sie es zurückbekommen.“

Frisches Obst und Gemüse oder doch die Medikamente

Auch Thomas Zander, VdK-Geschäftsführer in NRW weiß, wie schwer es vielen Menschen fällt, Sozialleistungen zu ihrer mageren Rente zu beantragen und wie oft sie abwägen müssen: „Kaufe ich frisches Obst und Gemüse oder leiste ich mir das Medikament, was nicht verschrieben wird, ich aber brauche?“

Die Liste mit den Forderungen des VdK an die Politik ist lang. Einiges habe man auch in den vergangenen vier Jahren erreichen können. Die Grundrente sei sicherlich gut, aber nur ein Teilerfolg, weil sie nicht weit genug gehe. „Es profitieren zu wenige Menschen von ihr“, sagt Verena Bentele. Hier müsse man nachbessern. Vor allem Frauen, die nicht auf die erforderlichen 33 Berufsjahre kommen, weil sie wegen der Kindererziehung oder Pflege eines Angehörigen pausiert haben, müssten mit Minirenten rechnen.

Vor der Wahl von den Parteien umworben

Der Sozialverband fordert von der Politik zudem, prekäre Beschäftigungsverhältnisse wirksam einzudämmen und gleiche Bildungschancen für alle zu schaffen. Verena Bentele setzt sich im Rahmen der Kampagne „sozialer Aufschwung Jetzt“ vor der Bundestagswahl für ein gerechtes Steuersystem zur Verteilung der finanzielle Lasten ein. Natürlich koste ein Sozialstaat Geld und eine Pflegevollversicherung lasse sich nicht mal eben so aus den Beiträgen bezahlen, genauso wenig wie eine Grundsicherung für Ältere und Erwerbsgeminderte. Zur Finanzierung sollten die herangezogen werden, die auch in der Krise durchaus Gewinne an der Börse und im Digitalgeschäft gemacht haben, sagt Verena Bentele. Nicht erst in diesem Wahlkampf fordert der Sozialverband die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Ob er diesmal von den Parteien gehört wird? Horst Vöge, Vorsitzender des VdK in NRW, lächelt und sagt: „Vor der Wahl werden wir von den Parteien umworben“. Die Betonung lag auf „vor“ der Wahl.

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