Stadtteilcheck

Angstraum Duisburg-Hochheide? So läuft das Leben in "H-Town"

Mittags in Hochheide: Der Rote Weg zwischen den Weißen Riesen gilt in dem Duisburger Stadtteil als Angstraum. Für die Bezirkspolizisten ist die Einschätzung nicht gerechtfertigt.

Mittags in Hochheide: Der Rote Weg zwischen den Weißen Riesen gilt in dem Duisburger Stadtteil als Angstraum. Für die Bezirkspolizisten ist die Einschätzung nicht gerechtfertigt.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Duisburg  Duisburg-Hochheide hat beim Thema Sicherheit im Stadtteilcheck schlecht abgeschnitten. Zwei Polizisten zeigen ihr Revier um die Weißen Riesen.

Beim Stadtteilcheck unserer Redaktion war das Ergebnis in Sachen Sicherheitsgefühl eindeutig: Bissingheim ist die Insel der Glückseligen - und Hochheide krimineller Brennpunkt. Zumindest was die gefühlte Sicherheit angeht. Ein Ortsbesuch in "H-Town".

Sie kommen wie bestellt: Sechs Jungs, dunkel gekleidet mit Bomberjacke und Basecap, breitbeinige Pose, erster Schnurrbartflaum - so stehen sie auf dem Roten Weg zwischen den Weißen Riesen in Duisburg-Hochheide. Wenn es einen Angstraum im Duisburger Westen gibt, dann ist er wohl hier, sagen Harald Arns und Andreas Lorenz. Die beiden Polizeihauptkommissare sind die zuständigen Bezirkspolizisten.

Polizisten in Hochheide sind täglich zu Fuß unterwegs

Sie kennen die Gegend genau, leben und arbeiten seit Jahrzehnten hier. Viele Graffitis mit dem Schriftzug "H-Town" - Rapperdeutsch für Hochheide - begleiten sie auf ihrem Rundgang. "Hallo Polizist" ruft ein kleines Mädchen, das die beiden von der morgendlichen Schulwegsicherung kennt. Sie würden oft angesprochen. "Die Leute sind ja froh, uns zu sehen", erzählt Arns. Die beiden 58-Jährigen sind täglich zu Fuß unterwegs und bringen die nötige Zeit mit, auch als Kummerkasten zu fungieren.

Festnahmen oder Aufenthaltsermittlungen müssen die beiden auch übernehmen, viele solcher Aufträge führen sie in die Hochhäuser, wo Menschen aus aller Herren Länder leben. 40 verschiedene Nationen sind verzeichnet. Die Kommunikation läuft mit Händen und Füßen oder per Dolmetscher-App. "Manche wollen uns aber auch nicht verstehen", sagen die beiden nüchtern.

Hübsche Randbereiche, Kriminalitätsschwerpunkt Weiße Riesen

Gerade in den Hochhäusern sei die Fluktuation hoch, nachbarschaftliche Verbindungen können da nicht entstehen, wissen die Polizisten. In den Randbereichen ihres Bezirks sei das ganz anders. "Da gießen sich die Leute gegenseitig die Blumen im Urlaub."

Die über hundert Jahre alte Siedlung Johannenhof, die Gegend rund um die Friedhofsallee, das südliche Ende der Ottostraße sind hübsche Wohngegenden, wie es sie zu Dutzenden in Duisburg gibt. Denkt man aber an Hochheide, dann sind es die Hochhäuser, ist es die Kriminalität. Im Stadtteilcheck gab es die Note 4,6 - im Mittel lagen die Duisburger Stadtteile bei 2,9.

Hocheide: Kriminelle Jugendbande aktiv

Zuletzt hatte eine 40-köpfige Jugendbande hier für Aufregung gesorgt, mehrere Delikte konnte man ihnen nachweisen, vier sind inhaftiert, "das ist natürlich nicht förderlich für den Stadtteil" sagt Pressesprecher Jonas Tepe. Und Lorenz ergänzt, dass die Duisburger das in den Medien lesen würden und sich denken, "da kannste doch nicht mehr hin, das wird Hochheide aber nicht gerecht". Auch die mit Einkaufswagen eingeworfenen Schaufensterscheiben an Silvester gehören in die Kategorie. Spanplatten in einigen Läden der Einkaufsstraße zeugen noch davon.

Die Bezirkspolizisten wissen, dass auch die Ansammlungen von Männern vor Teestuben manchen Unbehagen bereiten, "aber die tun ja nichts", betonen Lorenz und Arns. Gleiches gelte für den Marktplatz, der im Sommer wirkt als sei man in südlichen Gefilden im Urlaub, wo sich das Leben auch gern auf der Straße und den Plätzen abspielt. Mediterranes Verhalten wird daheim aber oft weniger geschätzt. Lorenz ärgert sich, dass "sein" Hochheide so schlecht geredet wird. "Wir identifizieren uns mit der Gegend. Hochheide ist mehr als der Rote Weg."

Rote Weg ist der Angstraum des Bezirks

Der Rote Weg ist "der" Angstraum des Bezirks. "Täter können hier wunderbar entwischen", sagen die Polizisten, zwischen den Hochhäusern, durch die Büsche. Oder aufs Dach: Das Hochhaus, das als nächstes abgerissen werden soll und rundherum abgesichert ist, hat offenbar immer wieder ein Schlupfloch, durch das besonders Waghalsige bis nach oben steigen.

Die Jungs, die immer noch am Roten Weg abhängen, sind 15 bis 17 Jahre alt. Darauf angesprochen, dass es Menschen gibt, die vor ihnen Angst haben könnten, grinsen sie verlegen. Verstehen könnten sie es "ein bisschen, aber wir machen gar nix, sind voll hilfsbereit", erklärt einer. Dann gehen sie ihrer Wege.

Einsatzzahlen der Polizei in Hochheide

Die schlechte Note im Stadtteilcheck spiegelt das Lebensgefühl wider, von Einsatzzahlen ist sie nicht gedeckt, andere Stadtteile sind da viel stärker betroffen: Nach Angaben der Polizei liegt Hochheide bei den Straftaten insgesamt auf Platz 12 - mit insgesamt 1152 Fällen im vergangenen Jahr. Die Spitzenplätze belegen das Dellviertel (3959 Fälle), Hochfeld (2943) und die Altstadt (2688). Bei Delikten wie Wohnungseinbruch, Häusliche Gewalt ist Hochheide gar nicht unter den ersten 15, die die Polizei gesondert erhebt. Bei Taschendiebstählen liegt der Stadtteil mit 28 Fällen auf Platz 13. Führend ist mit 231 Diebstählen auch hier das Dellviertel. Bei der Straßenkriminalität, wozu Sachbeschädigungen und Diebstähle gehören, liegt Hochheide auf Platz 9 mit 357 Straftaten (Dellviertel Platz 1, 887 Fälle.) 53 Fälle von schwerer körperlicher Gewalt, Mord und Totschlag hat die Polizei 2019 verzeichnet, in Hochfeld waren es dreimal so viele Fälle (152), im Dellviertel 130.

Der Pokémon-Mord

Der schlimmste Einsatz, der im kollektiven Gedächtnis eingebrannt sind, ist der Fall Sedat, auch als Pokémon-Mord bekannt. Ein junges Paar hat 2001 den neun Jahre alten Jungen in seine Wohnung gelockt und aus purer Mordlust umgebracht.

Dramatisch war für die Bezirkspolizisten, die damals noch Streifendienst versahen, 1999 auch das eingestürzte Dach der Kirchengemeinde an der Kirchstraße - ein Unglück, bei dem vier Menschen starben, unter ihnen die ehemalige Mathelehrerin aus Grundschultagen, erinnert sich Arns.

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