Stadtteil-Check

Warum sich viele Marxloher in ihrem Stadtteil unwohl fühlen

Beim Duisburger Stadtteil-Check hat Marxloh die schlechteste Gesamtnote erhalten. Die Teilnehmer monieren besonders die Themen Sauberkeit und Sicherheit.

Beim Duisburger Stadtteil-Check hat Marxloh die schlechteste Gesamtnote erhalten. Die Teilnehmer monieren besonders die Themen Sauberkeit und Sicherheit.

Foto: Michael Dahlke / FUNKE Foto Services

Duisburg-Marxloh.  Laut Duisburger Stadtteil-Check bietet Marxloh von allen Vierteln die schlechteste Lebensqualität. Wir waren für eine Ursachenforschung vor Ort.

Nirgends in Duisburg lebt es sich so schlecht wie in Marxloh – zumindest, wenn es nach den Lesern dieser Zeitung geht. Beim Stadtteil-Check haben 199 Teilnehmer ihrem Viertel die Gesamtnote 4,29 gegeben. Kein Stadtteil steht schlechter da. Vom Durchschnitt für Gesamt-Duisburg (2,68) ist Marxloh weit entfernt, erst recht vom Stadtteil Rahm, der die Bestnote 1,74 erhielt. Wie kommt das Ergebnis zustande? Wir haben uns vor Ort umgehört.

Auf den ersten Blick birgt Marxloh Potenzial. Es gibt eine alte, helle Bausubstanz, viel Grün in den Seitenstraßen, mit dem August-Bebel-Platz einen zentralen Treffpunkt. Aber: „Hier sind zu viele Menschen, denen alles egal ist.“ Sagt zumindest Michael Schmitz, der seit 1991 in dem Hamborner Stadtteil wohnt. Was sich im Laufe der Jahre verändert habe? „Vor allem ist es immer dreckiger geworden“, sagt Schmitz.

Marxloh hat ein Problem mit hoher Einwohnerfluktuation

Sein Eindruck deckt sich mit dem Urteil der Leser. Die schlechteste Teilnote haben sie Marxloh in der Kategorie Sauberkeit gegeben. Die Note 5,38 ist keine Überraschung, kämpft man doch seit Jahren vergeblich gegen den vielen Müll.

Dreck und Unrat betreffen Schmitz nicht nur als Anwohner. Der 53-Jährige arbeitet auch beim Quartiersservice, der mehrmals pro Woche wilde Müllkippen sichtet und den Wirtschaftsbetrieben meldet. Sieben Müllkippen auf einem halben Kilometer seien keine Seltenheit, sagt er. „Kühlschränke, Sofas, Toiletten, Lebensmittel mit Maden – es gibt nichts, was wir hier nicht schon gefunden haben.“ Auch ungeöffnete Briefe seien immer wieder dabei.

Natürlich hänge die zunehmende Vermüllung mit den vielen Südosteuropäern zusammen, meint Schmitz. Pauschalisieren möchte er nicht: „Ich kenne Bulgaren, die wohnen seit Jahren hier, die haben ein Geschäft, fegen und halten ihre Umgebung sauber.“ Problematisch seien aber die vielen Menschen, die für ein paar Monate kämen und dann wieder weg seien. „Die kümmern sich um gar nichts“, sagt er.

Bezirksbeamter hält Marxloh nicht für besonders unsicher

Ein großes Problem habe Marxloh auch in puncto Sicherheit. Schmitz wollen aus dem Stegreif gleich mehrere Menschen einfallen, die hier überfallen wurden: „Eine 93-Jährige ist in ihrem Leben vier Mal ausgeraubt worden“, sagt er. Beim Stadtteil-Check schneidet Marxloh in dieser Kategorie mit der Note 4,66 ab. Auch hier ist der Stadtteil Schlusslicht, gemeinsam mit Hochheide.

Mehr Wahrnehmung als Realität, meint der Bezirksbeamte Wolfgang Pawtowski. Seit September ist er im Viertel der „Polizist für alles“, ist nah dran an den Menschen. Dass besonders viele Marxloher in Angst leben, glaubt er nicht. „Es scheint mir eher das Gefühl der Überfremdung zu sein, das als Mangel an Sicherheit wahrgenommen wird.“

Wenn Marxloher vor die Tür gehen, hören sie viele verschiedene Sprachen. Für den täglichen Einkauf gehen sie in die türkische Bäckerei, in den arabischen Supermarkt oder in den bulgarischen Elektroladen – was das Angebot rund um die Weseler Straße eben so hergibt.

Nicht alle nehmen das als Bereicherung wahr: „Manche lassen sich durch andere kulturelle Gepflogenheiten verunsichern“, sagt Pawtowski. „Es gibt Menschen, die fühlen sich bereits unwohl, wenn junge Männer laut in einer für sie fremden Sprache sprechen.“

Marxloher Politiker will mit Anwohnern Probleme lösen

Vor dem Bezirksdienst hat Pawtowski auch in anderen Duisburger Stadtteilen gearbeitet. Dass es in Marxloh gefährlicher ist als etwa in der Innenstadt, will er nicht bestätigen: „Man muss niemanden davor warnen, bei Nacht alleine über die Hagedornstraße zu laufen.“ Die Zahlen scheinen ihn zu bestätigen: Laut der polizeilichen Kriminalitätsstatistik für 2019 steht Marxloh mit 2427 Delikten stadtweit auf Platz 4. Im Dellviertel (3959 Delikte), in Hochfeld (2943) und in der Altstadt (2688) ereigneten sich noch mehr Straftaten, in Alt-Hamborn (2360) und Mittelmeiderich (2333) unwesentlich weniger.

Dass Wahrnehmung und Realität nicht immer übereinstimmen, glaubt auch Claus Krönke. Der Stellvertretende Bezirksbürgermeister (SPD) wohnt selber in Marxloh und vergleicht die Situation mit einem Flugzeug: „Das ist auch nicht weniger sicher als andere Verkehrsmittel, bereitet vielen aber Unbehagen.“

Dennoch weiß auch Krönke, dass es im Stadtteil viele Baustellen gibt. Die will er jetzt gemeinsam mit den Anwohnern angehen und, bei regelmäßigen Treffen mit ihnen, Lösungen entwickeln. „Das ist mein Projekt für die nächsten Monate und Jahre“, sagt Krönke.

Marxloher haben kein vertrauen in die Duisburger Politik

So will er Vertrauen gewinnen, das vielen Marxlohern abgeht. Die Note 4,93 in der Kategorie Kommunalpolitik ist beim Stadtteil-Check hinter Hochfeld (5,02) und Beeck (4,96) das drittschlechteste Ergebnis in der Stadt. Dabei gibt es durchaus Menschen in einflussreichen Ämtern, die dem Stadtteil verbunden sind – sei es auf Bezirksebene Claus Krönke oder auf Ratsebene der CDU-Fraktionsvorsitzende Rainer Enzweiler.

Dem Stadtteil verbunden ist auch Michael Schmitz – und will es bleiben. Trotz des Mülls vor seiner Tür, trotz des Gefühls, nicht immer sicher zu sein. Der gebürtige Oberhausener ist hier mittlerweile verwurzelt. Schmitz kennt im Viertel viele Menschen, hat hier seinen Job und seine Stammkneipe. Wegzuziehen, ist keine Option, getreu dem inoffiziellen Motto des Ruhrgebiets: „Woanders is’ auch scheiße.“

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