25 Jahre U-Bahn

U-Bahn-Fete wurde vom Rollstuhl aus dirigiert

Das Gipsbein hochgelegt, ein Walkie-Talkie um den Hals – so dirigierte Georg Stahlschmidt (l.) von der „Duisburg Agentur“ am 11. und 12. Juli 1992 die Riesenfeier zur Eröffnung der U-Bahn in Duisburg.    

Foto: Bernd Kasten

Das Gipsbein hochgelegt, ein Walkie-Talkie um den Hals – so dirigierte Georg Stahlschmidt (l.) von der „Duisburg Agentur“ am 11. und 12. Juli 1992 die Riesenfeier zur Eröffnung der U-Bahn in Duisburg.     Foto: Bernd Kasten

Duisburg.   Kurz vor der Eröffnungfeier für die U-Bahn brach sich Organisator Georg Stahlschmidt das Bein. Dennoch hat er seine „Herkulesaufgabe“ bewältigt.

Unvorstellbar ist heute das Bild, das die Duisburger Innenstadt am 11. Juli 1992 bot: In Massen strömen die Menschen auf die Königstraße; Imbiss- und Getränkestände sind mehrreihig umlagert; vor den Bühnen stehen die Leute so dicht, dass kein Blatt Papier mehr dazwischen passt; selbst auf die Telefonhäuschen sind sie gekraxelt, um noch einen Blick auf den einen oder anderen Künstler zu erhaschen; als Johnny Logan auf der Bühne vor der Sparkasse auftritt, ist in der Claubergstraße kein Durchkommen mehr, die Massen stehen bis zur Friedrich-Wilhelm-Straße. Kein Durchkommen ist auch irgendwann für die Straßenbahnen, die an diesem Tag zum letzten Mal oberirdisch durch die Stadt kurven. Die Menschenmenge blockiert die Gleise. Jede Weiterfahrt wäre zu gefährlich. „Hier geht nichts mehr“, funkt ein Straßenbahnfahrer in die DVG-Leitstelle. „Ich lass das Ding jetzt stehen und geh mitfeiern.“

200 Künstler an zwei Tagen auf fünf Bühnen

200 Künstler gaben sich Samstag von 11 bis 22 Uhr und Sonntag von 11 bis 20 Uhr auf fünf Bühnen nonstop das Mikro in die Hand, Imbiss- und Getränkestände mussten über 350 000 Besucher versorgen. „Irgendwann hätte es eigentlich knallen müssen“, sagt Georg Stahlschmidt, damals als Mitarbeiter des Veranstalters „Duisburg Agentur“ zuständig für Großveranstaltungen, nur wenige Tage später. Immer noch verwundert, aber auch heilfroh, dass an den beiden Tagen nichts passiert ist, denn die Organisation dieser Riesenfete, die gut 500 000 D-Mark verschlungen hat, lag in seinen Händen. „Für mich war es das erste Fest in dieser Größenordnung, das ich verantwortlich organisiert habe“, blickt er heute zurück. „Dass es so gut gelaufen ist, darauf bin ich schon ein bisschen stolz. Es war eine Herkules-Aufgabe.“ Es war sein Meisterstück!

Knapp sechs Monate Vorbereitungszeit

Als sich abzeichnete, wann die Bauleute fertig werden würden, begannen bei der „Duisburg Agentur“ die Vorbereitungen für die U-Bahn-Eröffnungsparty. Gut sechs Monate Zeit blieben Stahlschmidt bis zum Stichtag. „Auf einer Dienstreise nach München habe ich das Konzept geschrieben“, erinnert er sich. „Das musste ja alles in den Rahmen passen. Klar war, dass die Feier Samstag und Sonntag laufen sollte und wir alle U-Bahnhöfe einbinden wollten. Aber es gab noch tausend Fragen. Welche Flächen bespielen wir überhaupt? Wo bauen wir was hin? Dann mussten wir auch noch auf die Straßenbahnen Rücksicht nehmen. Der Amtsleiter des Stadbahnbauamtes Herbert Huwar und seine Mannschaft kümmerten sich mit den DVG-Leuten um die Bahnhöfe. Aber das musste ja alles ineinander passen.“

Büro im Krankenzimmer

Allerdings sah es fünf Wochen vor dem großen Ereignis so aus, als würde Georg Stahlschmidt vielleicht gar nicht dabei sein können. Beim Tennisspielen passierte es: Ein Sturz, ein lautes Knacken. Und noch im Fallen dachte er: „Das geht nicht gut.“ Ein komplizierter Trümmerbruch im Unterschenkel schien den Organisator kurz vor dem U-Bahnfest auszubremsen. Doch schon auf dem Operationstisch regelte er noch mit seinen herbeigeeilten Kollegen, wie er sich weiter um die Organisation kümmern kann. Flugs modelte Bernd Kasten von der „Duisburg Agentur“ das Krankenzimmer in ein funktionsfähiges Büro um, inklusive Faxgerät. Schon am Abend nach der Operation nahm Stahlschmidt die Arbeit wieder auf.

Von der Wirklichkeit überrollt

Zwei Wochen später, einen Tag nach seiner Entlassung aus dem Hospital, hockte er im Rollstuhl im Rathaus, wo über 40 Leute zur letzten großen Sicherheitsbesprechung zusammengekommen waren. „Natürlich haben wir auch damals in großen Runden mit Stadt, Ordnungsamt und Feuerwehr immer wieder die sicherheitsrelevanten Dinge besprochen. Wir sind ja nicht blauäugig gewesen, aber wir haben uns weniger Gedanken gemacht als heute. Der aktuelle Anforderungskatalog ist auch aus leider sehr traurigen Erfahrungen viel länger.“ Damals sei man eben noch unbeschwerter an ein solches Riesenereignis herangegangen. Zudem gibt Stahlschmidt zu: „Wir hatten schon damit gerechnet, dass viele Leute kommen. Das war auch unsere Absicht. Aber mit Festen dieser Dimension hatten wir keine Erfahrung. Wir sind schon von der Wirklichkeit überrollt worden. Mit so vielen Leuten haben wir schlichtweg nicht gerechnet.“

„Man musste keine dicken Bretter bohren“

Dirigiert hat Stahlschmidt die U-Bahn-Feier vom Rollstuhl aus. Immer noch nicht gehfähig und befürchtend, in der Menge unterzugehen, zog er sich mit seinem Gipsbein, Telefon, Unterlagen, Zeit- und Standplänen in einen eigens dafür aufgestellten Container an der Landgerichtsstraße zurück. „Das klappte sehr gut. Es war eine ganz tolle, kollegiale Zusammenarbeit. Alle standen dahinter. Man musste keine dicken Bretter bohren.“ Mit diversen Sprechfunk-Geräten ausgestattet managte er das Fest, von dem er selbst herzlich wenig gesehen hat. Das hat ihn zwar damals gewurmt, aber am Ende sei er superfroh gewesen, dass alles so gut zusammengepasst hat und problemlos über die Bühne gegangen ist. „Ohne Handy, ohne die ganze Technik von heute. Man fragt sich wirklich manchmal, wie man das damals hingekriegt hat“, meint Georg Stahlschmidt. Und wie erklärt er sich, dass es trotz dieser Menschenmassen keinen Ärger oder Schlimmeres gegeben hat? „Die gegenseitige Rücksichtnahme war früher wohl größer.“

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