Abschiebung

Von Duisburg zurück nach Guinea? Das Schicksal Kanda Condés

| Lesedauer: 8 Minuten
Ein ausgezeichneter Schüler, der viele Duisburger beeindruckt hat: Im September zählte der Guineer Kanda Condé (Bildmitte) zu den zehn jungen Seiteneinsteigern, die von den Rotary Clubs und Oberbürgermeister Sören Link für ihr Engagement ausgezeichnet werden. Nun droht Kanda Condé die Abschiebung.

Ein ausgezeichneter Schüler, der viele Duisburger beeindruckt hat: Im September zählte der Guineer Kanda Condé (Bildmitte) zu den zehn jungen Seiteneinsteigern, die von den Rotary Clubs und Oberbürgermeister Sören Link für ihr Engagement ausgezeichnet werden. Nun droht Kanda Condé die Abschiebung.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Warum der viel gelobte Kanda Condé nach Guinea abgeschoben werden soll – und warum sich so viele Duisburger empört für den 18-Jährigen einsetzen.

Die Stimmung in einem Klassenzimmer der Gesamtschule Globus am Dellplatz ist getrübt. Die Lehrkräfte Astrid Schmitz und Sean Bugge sowie die Sozialpädagogen Malte Küppers und Kemal Yildirim können immer noch nicht fassen, dass Kanda Condé – wie sie sagen ist er einer ihrer fleißigsten und sozial engagiertesten Schüler – bald nicht mehr in Deutschland sein könnte. „Kanda Condé ist ein unglaublich toller Schüler, der sich seit seiner Ankunft hier bei uns voll reingehängt und damit Übermenschliches geleistet hat“, sagt Astrid Schmitz. Die Anwesenden nicken, von allen Seiten wird der junge Guineer mit Lob überhäuft. Auch Kemal Yildirim schwärmt vom 18-Jährigen: „Er ist einfach ein sozialer Mensch, bei Streit auf dem Schulhof geht er sofort dazwischen. Außerdem ist er sehr wissbegierig und befolgt stets Regeln.“ Der junge Mann ist allen hier ans Herz gewachsen. Aber nun droht seine Abschiebung zurück nach Guinea.

In seinen jungen Jahren hat der Kanda schon einiges erlebt. Armut, Perspektivlosigkeit und Gewalt trieben ihn zur Flucht aus Guinea in Westafrika. Sein Vater wurde getötet, der Kontakt zum Rest seiner Familie ist abgebrochen. Am 21. Januar 2019 kam Kanda als minderjähriger, unbegleiteter Geflüchteter nach Deutschland. Das Jugendamt der Stadt Mülheim wurde zu seinem Amtsvormund bestellt. Seine Erfahrungen belasteten ihn so sehr, dass ihm in Deutschland eine psychotherapeutische Behandlung bewilligt wurde. Dort habe er große Fortschritte gemacht, erklärt sein Therapeut.

Kanda Condé floh Anfang 2019 aus Guinea nach Deutschland

Innerhalb von zwei Jahren lernte der Jugendliche Deutsch in einer internationalen Vorbereitungsklasse an der Globus-Gesamtschule, und obwohl er bei seiner Ankunft noch Analphabet ohne Schuldbildung war, schaffte er den Hauptschulabschluss nach Klasse neun.

Dank seiner guten Noten erhielt er sogar die Chance auf den nächsthöheren Realschulabschluss in einer Regelklasse. Möglich war das nur, weil sich der 18-Jährige regelmäßig bis tief in die Nacht Lesen und Schreiben beigebracht und sein Deutsch stetig verbessert hatte.

Astrid Schmitz weiß, wie erfolgreich sich Kanda in Duisburg integriert hat: „Er hat sich eine große Lobby geschaffen und überall, wo er sich vorgestellt hat, war er sehr schnell beliebt.“ Das sei nicht nur bei seinen Mitschülern, seinen Lehrern und den Sozialpädagogen der Fall, sondern auch: bei seinen Vorgesetzten während seiner Ausbildung, bei Mitarbeitern der Jugendhilfeeinrichtung in der Zeppelinstraße sowie denen des Vereins Heimstätten Niederrhein, seinem Zuhause in Duisburg, und beim FSV Duisburg, wo er in der U19-Mannschaft Fußball spielt.

Vorbildliche Integration in die Duisburger Gesellschaft

In den Sommerferien dieses Jahres kam dann aber an seinem 18. Geburtstag der Schock: Die Ausländerbehörde teilte Kanda mit, dass, wenn er keine Ausbildung antrete, er in sein Heimatland abgeschoben werde. Das führte zu einer starken psychischen Belastung, doch innerhalb weniger Wochen kämpfte sich der derart Bedrohte hartnäckig zurück und organisierte sich im August in gerade einmal zwei Wochen einen Ausbildungsplatz bei DB Schenker.

Auch dort sei man sehr zufrieden mit seiner Arbeit, versichern die Anwesenden, schließlich werde Kanda wohl nach Beendigung seiner Ausbildung nach derzeitigem Stand eine Festanstellung angeboten werden. Im Sommer wurde er sogar als einer von zehn Schülerinnen und Schülern von den Rotariern in der Salvatorkirche für sein soziales Engagement und seine schulischen Leistungen ausgezeichnet.

„Als wir uns für diese besondere Ehrung eine Kandidatin oder einen Kandidaten überlegt haben, da ist uns direkt Kanda eingefallen“, sagt Kemal Yildirim lachend. Auch der Oberbürgermeister Sören Link war zugegen und fand lobende Worte. Im Klassenraum spricht Malte Küppers das aus, was alle Anwesenden denken: „Was wir nicht verstehen: Warum soll ein junger Mensch, der sich nicht besser hätte integrieren können, gerade seine Zukunft aufbaut und sich in einer Ausbildung befindet, ausgewiesen werden?”

Es sei geradezu absurd, so Sozialpädagoge Sean Bugge, dass Oberbürgermeister Sören Link Kanda „mit der einen Hand einen Preis überreicht und mit der gleichen Hand seine Abschiebung durch die Ausländerbehörde bewilligt.”

Auch Yildirim kann dieses Vorgehen nicht nachvollziehen: „Was soll Kanda denn noch alles machen? Wir als Europäer machen uns doch unglaubwürdig, wenn wir einen so gut integrierten jungen Menschen einfach abschieben!“

Abschiebung droht wegen Verletzung der Mitwirkungspflicht

Das Duisburger Bürger- und Ordnungsamt hatte Kanda Anfang Oktober zur Ausreise aus Deutschland aufgefordert. Der Grund: Er und ein ehemaliger Betreuer waren über die „Passpflicht (...) und ihre Mitwirkungspflicht an der Passbeschaffung und Identitätsnachweisen (…) belehrt“ worden. Allerdings sollen „in der Folgezeit (...) keine Nachweise darüber vorgelegt“ worden seien, „dass entsprechende Bemühungen in Angriff genommen worden wären“, obwohl Kanda, sein Betreuer und der Amtsvormund „wiederholt bezüglich der Mitwirkungspflichten und hinsichtlich der Erteilung einer Duldung (...) belehrt“ worden seien.

Das geht aus einer Ordnungsverfügung des Bürger- und Ordnungsamtes der Stadt vom 18. Oktober hervor, die unserer Redaktion vorliegt und deren Echtheit von der Stadt bestätigt wurde.

Die Streitfrage dreht sich also darum, ob sich Kanda und sein Amtsvormund angemessen um die Klärung seiner Identität und die entsprechenden Nachweise gekümmert haben.

Der Duisburger Rechtsanwalt Michael Gödde hat als Bevollmächtigter Kandas Klage gegen die drohende Abschiebung eingelegt und zudem einen Eilantrag auf aufschiebende Wirkung dieser Klage gestellt. Der Fehler sei nicht Kandas Schuld, argumentiert er. Die aktuelle Amtsvormundschaft erfülle ordnungsgemäß die Mitwirkungspflicht. In Guinea kümmere sich zudem gerade eine Anwältin um die Beschaffung der notwendigen Unterlagen.

Mitschüler kämpfen gegen die Abschiebung

Viele Fürsprecher fordern nun: Kanda soll bleiben! Dafür haben Mitschülerinnen und Mitschüler mit Unterstützung der Lehrkräfte, Sozialpädagogen und der Schulleitung einige Steine ins Rollen gebracht. Mit einer Online-Petition der Schülervertretung, die von Organisationen wie „Schule ohne Rassismus“ und „Rotary Duisburg“ geteilt wurde, wollen sie die Abschiebung verhindern. Außerdem haben der Schulleiter der Globus Gesamtschule, die Jugendheimstätten Niederrhein und Kandas Ausbildungsbetrieb DB Schenker OB Link geschrieben und um ein Überdenken der verordneten Abschiebung gebeten.

Aus allen Richtungen setzen sich Duisburger für den Verbleib des jungen Mannes ein. Ihr Einsatz trägt anscheinend Früchte: Von Seiten des Schulleiters hieß es, dass Kanda Condé vom Oberbürgermeister eine Fristverlängerung zur Beibringung eines Identitätsnachweises zugesagt wurde.

Die Stadt bestätigte dies auf Nachfrage „für die noch fehlenden Nachweise“. Er solle außerdem eine „Konsularkarte“ vorlegen. Schließlich habe Kanda Condé „seine Mitwirkung zugesagt und nachvollziehbar erklärt, dass ihm eine entsprechende Fristverlängerung dabei helfen würde.“

Seinem Rechtsanwalt zufolge wird „ihm wohl noch eine Chance gegeben, den Pass zu besorgen“. Man sei um eine Verständigung mit der Ausländerbehörde bemüht. Nach den nervenzehrenden letzten Wochen dürfte das nicht nur den jungen Guineer selbst, sondern auch all seine Unterstützer etwas Hoffnung schöpfen lassen.

>> GUINEA IST KEIN „SICHERES HERKUNFTSLAND“

• Guinea ist laut staatlicher KFW-Entwicklungsbank mit etwa 55 Prozent der Bevölkerung unterhalb der nationalen Armutsgrenze eines der ärmsten Länder der Welt. Auch die niedrige Lebenserwartung von nur 60 Jahren spiegelt diese Armut wider.

• Viele Guineer leiden unter anderem unter der hohen Arbeitslosigkeit und Kriminalität, unter Korruption und ethnischen Konflikten, die jederzeit zu gewaltsamen Auseinandersetzungen führen können.

• Am 5. September putschte das guineeische Militär gegen den demokratisch gewählten, aber umstrittenen Präsidenten Alpha Condé. Die Sicherheitslage ist laut übereinstimmenden Medienberichten weiterhin instabil.

• Die Online-Petition für Kanda Condés Verbleib in Duisburg kann unter https://chng.it/FK7P8hZcN9 unterzeichnet werden.

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