Gastarbeiter-Geschichte

Vor 25 Jahren: Bundesverdienstkreuz erstmals an Gastarbeiter

Im März 1994 bekam Hasan Özen (6. v. r.) das Bundesverdienstkreuz am Bande im Duisburger Rathaus.

Im März 1994 bekam Hasan Özen (6. v. r.) das Bundesverdienstkreuz am Bande im Duisburger Rathaus.

Foto: Manfred Vollmer

Duisburg.  Als einer der ersten Türken in Deutschland bekam Hasan Özen das Bundesverdienstkreuz. Das war 1994. Ein Gespräch 25 Jahre später.

Wenn Hasan Özen auf das 25 Jahre alte Foto schaut, die ihn im Kreis seiner Familie bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes zeigt, hat er gemischte Gefühle. „Meine Frau war immer dagegen“, sagt Özen in Bezug auf seine gewerkschaftliche Tätigkeit, denn er ließ sie oftmals wegen Fortbildungen und Seminaren mit dem Haushalt und den gemeinsamen Kindern allein.

Worüber er dennoch bis heute froh ist: Dass seine Kinder ihn in seiner Arbeit als Gewerkschafter und Vermittler zwischen den Kulturen unterstützt haben. Dieses ehrenamtliche Engagement war es auch, das dazu führte, dass Hasan Özen von der IG Metall für die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Bande vorgeschlagen wurde. Dies erhielt er dann auch als einer der ersten Migranten in Deutschland wegen seiner „Verdienste um das Allgemeinwohl“.

Die ersten Worte Deutsch lernte er schon im Zug

Hasan Özens Geschichte in der Bundesrepublik begann am 7. November 1963, als er als Teil der ersten Generation türkischer Gastarbeiter in Deutschland ankam. Die ersten grundlegenden Deutschkenntnisse brachte sich Özen während der dreitägigen Zugfahrt von Istanbul aus mit Hilfe eines Wörterbuchs selbst bei. Dies führte dazu, dass er während seiner aktiven Arbeitszeit wegen seiner guten Deutschkenntnisse zum Vertrauensmann und Übersetzer für türkisch-stämmige Kollegen bestimmt wurde.

Sein Weg in Deutschland führte ihn zunächst nach Duisburg-Wedau zur Bundesbahn, wo er als Ausbesserer 200 Mark als ersten Monatslohn erhielt. Davon musste er 50 Mark für die Unterbringung in einer Wohnbaracke zahlen, während er die Hälfte des restlichen Geldes seiner Familie in der Türkei zur finanziellen Unterstützung zukommen ließ. Ab dem 21. Juni 1966 wurde Özen schließlich bei Mannesmann in Duisburg-Hüttenheim als Rangierer eingestellt. Dort blieb er bis zu seiner Verrentung angestellt, obwohl er ursprünglich geplant hatte, nach fünf Jahren wieder in die Türkei zurückzukehren, um sich dort als Taxifahrer selbstständig zu machen.

1975 zum Betriebsrat gewählt

Nach seinem Eintritt in die IG Metall 1964 war es Hasan Özen ein Anliegen, dass den ausländischen Gewerkschaftern eine Stimme innerhalb der Organisation gegeben wurde. Er beantragte mit weiteren Mitgliedern mehrmals die Gründung eines „Ausländerausschusses“ innerhalb der IG Metall, bis dieser endlich eingesetzt wurde. So nahm er dann auch den ersten drei Ausländerkonferenzen der Gewerkschaft teil. Für seinen Einsatz für die Interessen der Belegschaft bei Mannesmann wurde Özen bereits im Jahr 1975 zum Betriebsrat gewählt, wo er sich weiter für die Anliegen der Arbeiter einsetzte. „Ich vertrete die arbeitenden Menschen“ war sein Motto, was er auch heute noch unterstreicht.

Neben seinem gewerkschaftlichen Engagement war Hasan Özen auch sozial engagiert. So war er zum einen darum bemüht, dass ein Austausch zwischen den verschiedenen Kulturen stattfinden kann. Schon während seiner aktiven Berufstätigkeit forderte er seine türkischen Kollegen immer dazu auf, „mit den Deutschen in Kontakt zu treten“, um eine erfolgreiche Integration zu erleichtern. Zum anderen organisierte er eine großangelegte Spendenaktion, um die Opfer eines verheerenden Erdbebens in seiner türkischen Heimat finanziell zu unterstützen. Am Ende kamen insgesamt 100.000 Mark zusammen, wovon die Hälfte aus privaten Spenden bestand, die andere Hälfte stammte von Mannesmann.

Dieses Engagement führte letztlich dazu, dass die damalige Spitze der IG Metall Hasan Özen für das Verdienstkreuz am Bande vorschlug, welches ihm dann im Frühling 1994 auch verliehen wurde.

Er wohnt noch immer nicht weit entfernt vom Werk

Heute wohnt Hasan Özen immer noch in der direkten Nähe des Mannesmann-Werkes in Duisburg-Hüttenheim, das Tor 2 ist in wenigen Minuten fußläufig zu erreichen. Auch auf sprachlicher Ebene ist er fest im Ruhrgebiet verwurzelt, in seinen alltäglichen Sprachgebrauch fließen immer wieder typische Ausdrücke wie „wat“, „dat“ und „weißte“ ein.

Wenn Hasan Özen heute auf seine bisherige Zeit in Deutschland zurückblickt, fällt er für sich positives Urteil: „Ich bin froh, dass ich meinen Weg in die Bundesrepublik gefunden habe.“ Pünktlich zu seinem 80. Geburtstag zu Beginn des Jahres brachte er mit Unterstützung seiner Kinder seine Biografie auf Türkisch heraus. Ein Angebot der Hans-Böckler-Stiftung, sie gekürzt in deutscher Übersetzung zu verlegen, hat Özen jedoch abgelehnt. „Entweder ganz oder gar nicht“ soll seine Geschichte seiner Meinung nach erzählt werden. Was auch nur allzu verständlich erscheint, wenn man sich seine Lebensgeschichte vor Augen führt, die ihn vor über 50 Jahren nach Deutschland führte und mit einem Lohn von lediglich 200 Mark in Duisburg-Wedau ihren Anfang nahm.

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