Wahlkampf

Wahlplakate-Poesie an Duisburgs Straßen und Laternenpfählen

Was will uns dieser Wahlkampf-Poet mit seiner Werbebotschaft sagen? Auch dem wortgewandten Duisburger Kabarettisten Kai Magnus Sting

Foto: Fabian Strauch

Was will uns dieser Wahlkampf-Poet mit seiner Werbebotschaft sagen? Auch dem wortgewandten Duisburger Kabarettisten Kai Magnus Sting Foto: Fabian Strauch

Duisburg.   Was will uns diese Werbung sagen? Die Redaktion unternahm einen Rundgang durch die Innenstadt mit dem Kabarettisten Kai Magnus Sting.

Kernige Worte, gut fotografierte, oft auch retuschierte Politikergesichter – die Schlacht um die Stimmen der Wähler wird auch mit viel Papier im Großformat geschlagen. Aber Papier ist bekanntermaßen geduldig. Was die Sprüche, die sich professionelle Texter für die Bundestags- und Oberbürgermeisterwahl in diesem Jahr wieder zusammengereimt haben, auch in Duisburg beweisen. Doch angesichts so mancher Wahlplakat-Poesie fragt sich der geneigte Wähler: Was will mir der Dichter dieser Werbebotschaft eigentlich sagen? Diese Frage hat die Redaktion zum Anlass genommen, mal einen wortgewandten Duisburger, den Kabarettisten Kai Magnus Sting, um seine Einschätzung und vielleicht Erklärung zu bitten.

Doch schon die FDP-Forderung – „Niemand sollte eine sechs in Mathe erben“ – bringt selbst Sting beim Gang durch die Innenstadt ins Grübeln. „Was soll das denn heißen?“, fragt er sich laut. „Da kann kein Mensch was mit anfangen. Ich jedenfalls versteh das nicht.“ Da fällt ihm sofort mehr zu dem OB-Plakat ein, von dem Gerhard Meyer (parteiloser Kandidat, unterstützt von CDU, Grünen, Junges Duisburg und Bürgerlich-Liberalen) lächelt zu dem Slogan „Ein Mensch bewegt Duisburg.“ „Als ob einer da reichen würde“, meint Sting. „Obwohl, letzte Woche ist mein Auto stehengeblieben, da hätte ich ihn gebrauchen können.“

„Das Unterwäsche-Model der FDP“

„Ach, und wenn ich schon dieses Unterwäsche-Model von der FDP sehe:“ Angesichts der Wand mit dem riesigen Konterfei von Christian Lindner kommt Sting in Fahrt: „Der sieht doch aus, als mache der Werbung für Männerslips. Das ist der klassische Schiesser-Feinripp-Typ. Ohne Eingriff!“ Da ernte ja selbst das MLPD-Plakat mit Lenin und Marx mehr Aufmerksamkeit: „Die kennt zwar keiner mehr heute, aber da fragen die Leute sofort – hey, in welcher Band spielen die denn?“ Und der Slogan der FDP „Warten wir nicht länger“? Sting: „Worauf denn? Auf Christian Lindner will ich gar nicht warten.“

„Es gibt einfach Slogans, die sind wirklich blöd. Hier etwa“, meint Sting und deutet auf ein Plakat der Linken. „Da fehlt ein Punkt. Wenn man das ohne Pause durchliest, steht da: Waffenexporte stoppen die Linke. Soll das heißen: Wenn Sie die Linken nicht haben wollen, verkaufen Sie ihre Schreckschusspistole ins Ausland?“

„Austauschbar und nichtssagend“

„Zukunft wird aus Mut gemacht“, propagieren die Grünen. „Klingt wie ein Song von Nena“, kommentiert Sting. „Echt. Stark. Für Duisburg“, wirbt die SPD für ihren OB-Kandidaten Sören Link. „Könnte auch Reklame für Fisherman’s Friend sein“, meint Sing lapidar. Und anhand des Plakats mit Erkan Kocalar (OB-Kandidat der Linken) klagt Sting, wie austauschbar und nichtssagend diese Art der Wahlwerbung für ihn ist: „Im Hintergrund ist immer ein Stück blauer Himmel, irgendein markantes Gebäude aus Duisburg, in diesem Fall das Theater, und dazu ein bisschen Natur. Davor dann ein Porträt, mal der eine, mal der andere Kandidat. Hier eben Kocalar. Obwohl, ‘ne schöne Krawatte hat er da an.“

Begeisterung für Erwin Wurm und Merkel

Da lobt er sich eher das jüngste Merkel-Porträt vor dunklem Hintergrund mit dem kleinen Aufdruck „Erfolgreich für Deutschland“. „Die Worte hätten sie sich sparen können. Das ist ein richtig gutes Foto von ihr. Da guckt jeder drauf und sagt: Ja, das ist unsere Kanzlerin. Und am Ende des Tages kommt man sogar zu dem Schluss: Man ist ja doch ‘ne ganz schöne Frau.“ Spricht’s und kriegt sich fast nicht mehr ein vor Lachen. Bis ein anderes Plakat seine volle Aufmerksamkeit gewinnt: Werbung für die Erwin-Wurm-Ausstellung im Lehmbruck-Museum. Da bricht der Kabarettist voll durch: „Das ist ein tolles Wahlplakat, vor allem hat der Mann so ‘ne schön kurze Amtszeit, nur bis Oktober.“

„Das ist Fast-Food-Wahlkampf“

Plötzlich wird Sting ernst: „Plakate sind Fast-Food-Wahlkampf. Die Parteien halten uns für dümmer als wir sind. Und wir fanzieren das durch unsere Steuern. Wir zahlen also für etwas, was wir nicht brauchen und uns eigentlich nicht interessiert. Plakate sind doch nur gut für den hinterletzen Klappspaten, damit der zur Wahl geht. Wobei auf den meisten Plakaten noch nicht mal der Termin draufsteht.“

Allerdings, schiebt Sting schmunzelnd hinterher, könne man es auch so sehen wie Loriot: „Der hat gesagt, er mag Politiker nur auf Wahlplakaten. Da sind sie tragbar und leicht zu entfernen.“

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