Gewalt

Was tun in Gewaltsituationen: Polizei-Experte gibt Tipps

Gerader Rücken, wacher Blick. Selbstbewusst lässt dieser Polizist der Einsatzhundertschaft seinen Blick schweifen während der Razzia in Duisburg Hochfeld.

Gerader Rücken, wacher Blick. Selbstbewusst lässt dieser Polizist der Einsatzhundertschaft seinen Blick schweifen während der Razzia in Duisburg Hochfeld.

Foto: Jörg Schimmel / FUNKE Foto Services

Duisburg.  Wer gewalttätige Auseinandersetzungen beobachtet, der sollte helfen. Wie, das erklärt der Leiter der Einsatzhundertschaft der Polizei Duisburg.

Nach den Gewaltausbrüchen der letzten Wochen in Freibädern und auf Fußballplätzen stellt sich die Frage, was jeder einzelne tun kann, um solche Eskalationen zu verhindern. Friedhelm Hellmann leitet die Einsatzhundertschaft der Polizei Duisburg und ist zugleich Trainer für Kommunikation und Konfliktmanagement. Er bringt etwa Kontrolleuren der DVG oder Stromablesern der Stadtwerke bei, wie man sich in kritischen Situationen verhalten kann.

Klare Worte und eine selbstbewusste Körpersprache

„Wir machen aus normalen Menschen keine Kampfsportler“, stellt der 55-Jährige sofort klar.

In seinen Schulungen legt er mehr Wert auf selbstbewusstes und empathisches Auftreten, auf klare Worte und eine dazu passende Körpersprache. Wer abwehrend die Hände hebt, der wirkt nicht überzeugend.

Auch für Polizisten sei das Wort die stärkste Waffe.

Rückzug aus einer gefährlichen Situation ist auch eine Option

Hellmann empfiehlt jedem, der sich in einen Konflikt einmischt, einen Ausweg im Kopf zu haben: Der Situation entziehen und die Polizei rufen. Das sei auch eine Einsatzstrategie der Profis, sich zurückzuziehen und auf Verstärkung zu warten.

Dieser Rat gilt erst recht, wenn sich in so einer hochgeschaukelten Situation wie in dem Düsseldorfer Freibad, wo hunderte Menschen wütend eine Familie einkreisten, neben der Eskalationsspirale auch noch ein Solidarisierungseffekt einstellt.

Umstehende direkt um Hilfe bitten

Hilfreich sei es auch, sich selbst Verbündete zu suchen. „Aber nicht allgemein fragen: ‘Wer hilft mir?’, sondern konkret Leute ansprechen: ‘Sie und sie helfen mir jetzt!’“ betont Hellmann.

Die Gefahr bestehe, dass man selbst zum Ziel der Aggression werde, davor müsse man sich durch solche Maßnahmen schützen.

„Nichts tun ist immer die schlechteste Alternative“

Bei allen Einschränkungen und Vorsichtsmaßnahmen: „Eine Gefahr sehen und nichts tun, ist immer die schlechteste Alternative. Man sollte wenigstens die 110 anrufen“, appelliert Hellmann an die Zivilcourage. Auch wenn sich viele Zuschauer um eine Randale tummeln, sei es besser, sich nicht darauf zu verlassen, dass schon irgendjemand die Polizei gerufen hat.

Alles in allem sei Duisburg aber sicherer, als die meisten denken. „In den Trainings werden die Fallzahlen etwa für Vergewaltigungen oder Angriffe in der Öffentlichkeit viel höher geschätzt, als sie tatsächlich sind.“

In seinen Trainings und im beruflichen Alltag beobachtet er eine zunehmende Respektlosigkeit, „selbst im Standesamt werden Menschen beschimpft“. Der Deeskalationsexperte weiß: „Wenn mich jemand anschreit, der groß und stark wirkt, dann macht das was mit meinem Körper, das ist Stress und das beeinflusst mein Verhalten.“ In so einer Situation die Nerven zu bewahren, sei daher auch eine Übungssache.

Regelmäßiges Training für die Polizei

Auch Einsatzkräfte der Polizei werden immer wieder geschult, sagt Hellmann. Ohne Training habe man kein Vertrauen in seine Handlungskompetenz.

Ihm ist wichtig, dass jemand, der erwischt wurde, wie er bei Rot über eine Ampel gefahren ist, vernünftig angesprochen wird. Natürlich sei so ein Verkehrssünder verärgert, erwischt worden zu sein, Strafe zahlen zu müssen. Aber „Selbst schuld“ sei die denkbar schlechteste Reaktion.

Sensibles und verständnisvolles Agieren trainiert er über Rollenspielen. „So ein Perspektivwechsel macht vieles klarer.“

Seine eigene Motivation für das Engagement bei Konflikttrainings hat zwei Gründe: Menschen fühlten sich oft in ihrer eigenen Freiheit eingeschränkt durch die Angst vor Gewalt, ihnen will er Strategien vermitteln. Und ganz pragmatisch: „Wenn mehr Menschen in der Lage sind, Situationen herunterzufahren, ist die Polizei auch entlastet.“

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