Kultur und Sozialarbeit

Bahtalo feiert das fünfjährige Jubiläum in Rheinhausen

Mitspieler der Kinderbühne Bahtalo in der Aula der Sekundarschule Rheinhausen. Hier wird jeden Donnerstag geprobt.

Mitspieler der Kinderbühne Bahtalo in der Aula der Sekundarschule Rheinhausen. Hier wird jeden Donnerstag geprobt.

Foto: Oleksandr Voskresenskyi

Duisburg-Rheinhausen.   2013 entstand die Kinderbühne. Ein Gespräch mit Initiatorin Annegret Keller-Steegmann über die Macht der Kunst und alltägliche Diskriminierung.

Wenn es nach Annegret Keller-Steegmann ginge, käme sie selbst in dieser Geschichte nicht vor. „Ich stehe ungern in Mittelpunkt“, winkt die vielfach Ausgezeichnete ab: Rheinlandtaler hin, Mercator-Ehrennadel her - „Es geht nicht um mich, sondern um die jungen Leute.“ Deshalb nimmt sie zu Preisvergaben auch immer ein paar der jungen Akteure mit. Dazu wird es in diesem Jahr sicher noch Gelegenheit geben, aber diesmal kommt Keller-Steegmann allein. Die Kinderbühne Bahtolo feiert das fünfjährige Bestehen, das erste richtige Jubiläum. Und wer könnte darüber mehr erzählen, als ihre Gründerin?

Und so geht es hier natürlich auch um ihre Person, daran kommt die 65-Jährige nicht vorbei: Annegret Keller-Steegmann, Musikerin, langjährige Lehrerin der Lise-Meitner-Gesamtschule - Wahl-Rheinhauserin mit Kampfgeist und sozialem Gewissen. 1990 heiratete die Kölnerin den Betriebsrat Theo Steegmann und zog der Liebe wegen nach Duisburg.

Nächtlicher Wachdienst

Seither hat sie sich auch in der neuen Heimat immer wieder für die Rechte der Schwächeren eingesetzt. An der Seite ihres späteren Mannes demonstrierte die engagierte Frau für den Erhalt des Krupp-Werkes. Später stand sie mit Gleichgesinnten nachts Wache vor Häusern, in denen Roma-Familien lebten; Nazis hatten sie bedroht. Zurzeit setzt sie sich mit den Initiativen im Stadtteil für das Bleiberecht von acht Familien aus Afghanistan ein, die in Rheinhausen leben. Ein Thema, bei dem sie sehr entschieden wird. „Denken Sie mal an die Kinder und die Situation dort, die sind doch hier zuhause. Die kennen doch nichts anderes.“

Erinnerungen. 2013 blickte halb Deutschland auf die Duisburger Häuser In den Peschen und ihre Bewohner, Roma-Familien, überwiegend aus Bulgarien und Rumänien. Ständig gab es Ärger mit Ordnungsamt und Polizei. Keller-Steegmann kam auf dem Weg zur Arbeit täglich an den „Problemhäusern“ vorbei. Ihr taten vor allem die Kinder leid. Bereits in Köln hatte sie interkulturell gearbeitet. Jetzt rief sie mit Künstlern des Komma-Theaters, Schülern der Meitner-Schule und Vertretern der Evangelischen Kirche ein Rheinhauser Ferienprojekt ins Leben. Bahtalo entstand, zunächst als zeitlich begrenztes Angebot für Roma-Kinder aus Bergheim und der Häuser In den Peschen. Ein offener Workshop für junge Künstler zwischen fünf und 15, bei dem die Herkunft keine Rolle spielte.

Brücken zwischen den Menschen

Keller-Steegmann, selbst zweifache Mutter, hatte als Komponistin und Dirigentin lang freiberuflich gearbeitet, erst 1998 war sie ganz in den Schuldienst gewechselt. Jetzt sah sie eine Aufgabe, die Kunst, Bildung und Sozialarbeit vereint. Immer noch ist sie Kopf und Herz von Bahtalo. „Kinder und Kultur sind die Brücken zwischen den Menschen“, sagt sie. „Eltern haben doch überall auf der Welt ähnliche Sorgen.“ Bereits im Gründungsjahr lud ein Projektchor zum Konzert – und erhielt die erste Auszeichnung, den Preis des Sparda-Musiknetzwerkes.

Bahtalo, was in der Sprache der Roma Freude und Hoffnung bedeutet, etablierte sich. Seit 2016 gibt’s eine feste Heimat in der Sekundarschule Rheinhausen.

Jedes Jahr entsteht ein eigenes Musical

Inzwischen entsteht jedes Jahr ein eigenes Musical, das im Komma-Theater aufgeführt wird. Neben einem losen Verbund von Künstlern und Pädagogen, bringen sich junge Leute und Eltern ein. Alles geschieht ehrenamtlich – projektbezogen sind die Liz Mohn-Stiftung und „Kultur macht stark“ wesentliche finanzielle Stützen. Aber: „Bahtalo ist keine Kunstschule“, betont Keller-Steegmann. Mitmachen ist gratis, aber an Bedingungen geknüpft: So müssen die Kinder in die Schule gehen und deutsch sprechen bzw. lernen.

55 Kinder bilden das aktuelle Ensemble, zehn junge Syrer kamen gerade erst dazu. Jetzt besteht Bahtalo zu gleichen Teilen aus Kindern, die aus Rheinhausen stammen, Roma- und Flüchtlingskindern. „Wir versuchen, den Menschen im Stadtteil ein Willkommen zu bieten, ihnen Begegnungen, Freude und Wertschätzung zu vermitteln“, fasst Keller-Steegmann die Bahtalo-Idee zusammen. Aktuell wird am Jubiläums-Musical „Die Reise nach Rüya“ geprobt, das sich um das Verwirklichen von Träumen dreht.

Appell an die Stadt Duisburg

Annegret Keller-Steegmann macht die Arbeit mit den Kindern immer noch große Freude. Bei Bahtalo entstehen Freundschaften, gemeinsam entwickeln die Mitspieler Verantwortung für die Musik- und Kunstprojekte. Und daraus resultiert Selbstbewusstsein, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Wer einmal auf der Bühne gestanden hat, den kann man nicht mehr behandeln wie den letzten Niemand.“

Annegret Keller-Steegmann hat selbst miterlebt, welchen Vorurteilen Fremde ausgesetzt sind. „Wenn ich mit den Kindern über die Straße gehe, gibt es Leute, die ihre Handtaschen festhalten.“ Zu einigen ehemaligen Bahtalo-Kindern hat sie immer noch Kontakt. „Und alle sprechen super deutsch, machen einen Abschluss und gehen ihren Weg.“ Für Annegret Keller-Steegmann ist das der größte Lohn. Trotzdem würde sie sich im fünften Jahr über eine gesicherte finanzielle Förderung freuen. „Dann könnten wir besser planen und zumindest die Künstler bezahlen.“

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Jeden Donnerstag von 16 bis 18 Uhr trifft sich die Kinderbühne Bahtalo in der Rheinhauser Sekundarschule am Körnerplatz. Im Angebot sind Musik-, Tanz-, Theater- und Kunstwerkstätten. Mitmachen ist kostenlos.

Aufführungsort für Bahtalo ist das Komma-Theater, Schwarzenberger Straße 147. Am 12. und 13. Juni feiert hier auch das neue Musical „Die Reise nach Rüya“ Premiere.

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