Eine Spurensuche

Fast 70 Jahre hat es gedauert: Jetzt hat Inge ihre Urkunde

Inge Kühnapfel mit der Urkunde. An das Kleid, das sie damals trug, kann sie sich gut erinnern.

Inge Kühnapfel mit der Urkunde. An das Kleid, das sie damals trug, kann sie sich gut erinnern.

Foto: Erwin Pottgiesser / FUNKE Foto Services

Rheinhausen.  Nach fast 70 Jahren hat die Reise einer Urkunde aus Cochem ein Ende. Wir haben Inge Vaasen gefunden: Die 90-Jährige aus Rheinhausen lebt im Heim.

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Auf die Zeitung ist Verlass! Soziale Netzwerke lassen sich auch ganz wunderbar auf Papier spinnen. Dafür mussten wir keine digitale Freundschaftsanfrage bei Günter Bosch stellen. Unser Leser aus Rumeln kam einfach höchst persönlich und unkompliziert mit seiner Frau Anna Maria in der Redaktion vorbei, als wir vor einigen Wochen in unserer Zeitung mit einem Foto aus den 50er Jahren nach Inge Vaasen gesucht hatten.

Wie bereits berichtet, war uns eine Urkunde aus Cochem an der Mosel zugeschickt worden, die die junge Inge dort im Jahr 1951 vergessen hatte und die in einem Nachlass plötzlich aufgetaucht war. Ein Ratsherr aus Cochem hatte sie schon vor Jahren an eine andere Zeitungsredaktion geschickt, wo sie lange auf dem Schreibtisch eines Kollegen gelegen hatte, bevor sie endlich bei uns an der richtigen Adresse landete.

Das Ehepaar Bosch hatte das Foto, auf dem Inge Vaasen als 21-Jährige einen imposanten Weinpokal stemmt, morgens bei der Zeitungslektüre gesehen und sofort gewusst: „Das ist doch die Inge.“ Sie war nämlich mit Anna Maria Bosch früher in der Bergheimer Schule an der Lange Straße in einer Klasse gewesen. Bis zur Entlassung 1945 waren sie dort gemeinsam. „Und sie wohnte nur hundert Meter von meinem Elternhaus entfernt. Bergheim war ein kleines Nest, da kannten wir uns gut“, beschreibt Günter Bosch den engen Kontakt, den sie früher hatten. Die beiden konnten uns auch mitteilen, dass Inge Vaasen geheiratet hatte und später Kühnapfel hieß.

Der entscheidende Hinweis

Das war der entscheidende Hinweis, denn eine weitere Leserin, die uns nach einem zweiten Zeitungsbericht anrief, führte uns zu Inges Sohn, der in Moers wohnt und uns sagen konnte, dass seine Mutter aus Friemersheim in das Seniorenwohnheim Carpe Diem in Neukirchen-Vluyn gezogen ist. Und dort, auf der ersten Etage des Hauses an der Gartenstraße 11, endet die fast 70-jährige Reise einer Urkunde mit einer berührenden Begegnung.

Da sitzt Inge, 90 Jahre alt, und greift mit zitternder Hand nach dem Papier, das wir auf ihren Platz am großen Gemeinschaftstisch im Wohnbereich gelegt haben. „Das gibt’s doch nicht!“, sagt sie mit zarter Stimme und hält sich die Hand vor den Mund. „Das bin ja ich.“ Sie streicht über das Foto und staunt. Inge Kühnapfel hat keine Ahnung mehr, was sie damals in Cochem an der Mosel gemacht hat und warum ausgerechnet sie mit dem Ehrenpokal der Duisburger Reisegesellschaft fotografiert wurde.

Das Kleid hing noch lang im Schrank

Aber sie weiß noch eines: „Das Kleid, das habe ich noch ganz lange in meinem Schrank gehabt.“ Dass das Foto keine Farben hat, spielt keine Rolle. Denn die erscheinen vor ihrem geistigen Auge: „Das war grün, mit schwarz-weißen Blumen.“ Genäht hat es die Mutter, aus Stoff, den sie irgendwo ergattert hatte. Damals, als die Familie nach den Entbehrungen des Krieges so gut wie nichts mehr besaß.

Dieses Kleid, das scheint nicht nur für sie ein besonderes Stück gewesen zu sein. Auch Günter Bosch hat Inge daran auf dem Foto erkannt. „Wenn sie das im Sommer anhatte, damit fiel sie auf“, erinnert er sich an die Jugend in Bergheim. Adrett gekleidet ist Inge Kühnapfel auch heute noch. Fliederfarbener Pullover, rosa Weste, Ringe an der Hand und ein immer noch staunendes Lächeln auf den Lippen. So sitzt sie am Tisch und ist bereit für ein Foto.

Handball beim TV Oestrum

Nur der Kreislauf, der will nicht mehr so richtig mitspielen. Zu schnell aufstehen darf sie nicht vom Stuhl. Der Fotograf hat Geduld. Ganz langsam stellt sie sich vor das große Wandbild auf dem Flur des Seniorenheims. „Jetzt war ich gar nicht beim Friseur.“ Keine Sorge Frau Kühnapfel, die Haare liegen gut. Und der Seitenscheitel sitzt immer noch da, wo er 1951 schon war.

Sportlich war sie damals. „Ich habe Handball gespielt beim Oestrumer Turnverein.“ Vermutlich war es auch die Sportgruppe, mit der sie in Cochem war. Aber, sie schüttelt nachdenklich den Kopf, wirklich wissen tut sie das nicht mehr. So viele der schönen Erinnerungen werden verdrängt von den grausamen Erlebnissen des Krieges, die sich in ihr Gedächtnis eingebrannt haben. Die Armut, die kaputten Fensterscheiben, die die Mutter mit Pappe ersetzen musste, und die Fliegerangriffe, vor denen sie so häufig Zuflucht im Schulkeller suchten. Es sind Bilder wie diese, die der 90-Jährigen in den Sinn kommen, wenn sie an ihre Jugend denkt.

„Wein habe ich überhaupt nie gerne getrunken“

Doch dann, kurz bevor wir uns verabschieden, fällt ihr doch noch etwas ein. Sie tippt mit dem Finger auf die Urkunde und stellt nüchtern fest: „Wein habe ich überhaupt nie gerne getrunken.“ Die 90-Jährige lacht. „Ich war schon immer mehr für Bier. So ein schönes, kühles Pils, das hat mir geschmeckt.“ Vielleicht können Anna Maria und Günter Hans Bosch ihr ja eins mitbringen. Die beiden wollen ihre alte Schulfreundin in Neukirchen-Vluyn nämlich bald besuchen.

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