Porträt-Serie

Rheinhauser Unternehmer gibt Flüchtlingen eine Chance

Abdullah Altun vor einem Wandbild, das die Welt mit all ihren Menschen, dem lebensspendenden Wasser und den Religionen darstellt. Das grüne Symbol in der Mitte steht für die Religionen..

Abdullah Altun vor einem Wandbild, das die Welt mit all ihren Menschen, dem lebensspendenden Wasser und den Religionen darstellt. Das grüne Symbol in der Mitte steht für die Religionen..

Foto: Volker Herold

Duisburg-Rheinhausen.   Abdullah Altun, 51, ist Geschäftsmann und Idealist. Vor seinem Gleisbau-Betrieb geben die UN-Menschenrechte die Marschrichtung vor. Ein Besuch.

Die Welt des Abdullah Altun beginnt bereits vor der Tür. Ein unauffälliges Bürohaus. Wenn da nicht diese Betonstelen wären. „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ prangt auf der ersten. Und: „Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geist der Brüderlichkeit begegnen.“ Brüderlichkeit? Das klingt in Zeiten des Turbokapitalismus fast schräg. Abdullah Altun beobachtet die Besucherin. Er weiß natürlich genau, was da steht. Mehr noch. Seit vielen Jahren geben die Artikel der UN-Menschenrechtscharta in seinem Betrieb offiziell die Marschrichtung vor.

Investitionen für die Gesellschaft

Während draußen ein nachgebauter Grubeneingang an die Bergbau-Geschichte der Region und Altuns eigene Vergangenheit erinnert; sein Vater stand für Krupp am Hochofen - geht es in den Räumen der Altun Gleis- und Tiefbau GmbH lebendig zu. Junge Leute überall, grade sind zwei Männer um die 20 gekommen, um sich vorzustellen. Altuns Jobs sind beliebt. Und dass der Unternehmer eher auf Fleiß, als auf gute Noten setzt, hat sich auch herumgesprochen. 2014 erhielt er die Integrationsmedaille der Bundesregierung, weil er in seinem Betrieb auch schlechte Hauptschüler ausbildet, unter ihnen viele Migrantenkinder.

Auch in diesem Jahr, erzählt er, sind unter den zehn Azubis sechs Flüchtlinge. Altun, 51, breite Schultern, mittelgroß, schlank, sportlich gekleidet, lehnt sich zurück. „Was bewegt Menschen dazu, ihre Heimat zu verlassen?“, fragt er mehr rhetorisch. „Dann war etwas, was Heimat ausmacht, an diesem Ort nicht mehr vorhanden.“

Vertrauen gegen Vertrauen

Klingt philosophisch, aber Altun ist kein Philosoph. Und er ist kein Sozialarbeiter. Er selbst bezeichnet sich „als Unternehmer. Das hier ist kein Sozialamt“, stellt er klar. „Eine Firma muss Gewinn machen.“ Aber auch ein soziales Gewissen kann sich rechnen. Die meisten Bewerber blühten auf, wenn man ihnen eine Chance gibt. Vertrauen gegen Vertrauen. „Es ist eine Investition, jemanden für sich zu gewinnen. Dann gewinnen wir ihn auch für die Gesellschaft.“ Ob er nie enttäuscht wird? Aber ja! Kürzlich musste er sich wieder von einem Mitarbeiter trennen, weil er Drogen konsumierte. Und trotzdem. In 15 Jahren erhielten mehr als 200 Jugendliche eine Chance. Viele stehen jetzt mitten im Leben.

Zitate von Jesus und Mohammed

Altun wird nicht müde, das Lied einer gelungenen Integration zu singen. Parallelgesellschaften sind ihm ein Greul. „Man muss die Kultur einer Gesellschaft anerkennen, um den anderen besser zu verstehen.“ Wir sitzen in Altuns Besprechungsraum. Um uns herum - Zitate an den Wänden. Spätestens hier merkt man: Es könnte schwer werden, Abdullah Altun in eine Schublade zu stecken. Man liest Worte Jesu, Mohammeds und Alis, des Schwiegersohns des Propheten, auf den sich die Aleviten berufen. Daneben ein Porträt des türkischen Staatsgründers Atatürk. Altun: „Ich versuche, von allen Seiten das Gute zu nehmen. Das ist mein Leitbild.“

1978 kam er als Zwölfjähriger aus dem türkischen Kayseri nach Deutschland. Es lebten noch nicht viele Türken hier, damals. Im Sportverein erfuhr der junge Abdullah, dass ein grenzenloses Miteinander durchaus möglich ist. Das hat er nie vergessen. Heute unterstützt er Duisburger Vereine. Auch Heinz Funke, sein Klassenlehrer, blieb ihm im Gedächtnis. Er gab ausländischen Kindern nachmittags privat Deutschunterricht.

Mitglied bei Greenpeace und Amnesty

Mit Erfolg! Abdullah Altun machte einen Super-Abschluss, ging zur Bahn, wurde Polier. 1999 dann der Sprung in die Selbstständigkeit. Heute beschäftigt er selber 100 Leute. Und denen will er vermitteln: Man kann es schaffen, auch wenn es zwischendurch mal schwierig ist. Denn störungsfrei war seine Ankunft beileibe nicht verlaufen: Nach den Solinger Brandanschlägen wäre Altun gern Mitglied der Feuerwehr geworden. Aber das ging nicht, da er damals noch keine deutsche Staatsbürgerschaft besaß.

Mittlerweile hat Altun einen deutschen Pass. Mitglied bei Greenpeace und Amnesty International ist er auch, aber auch DITIP-Moscheevereinen und Alevitischen Vereinen gehört er an - obwohl er ein Gegner der Politik Erdogans ist, und ganz ohne Alevit zu sein. Und als er mitbekam, dass ein Imam in einer Duisburger Moschee behauptete, Moslems würden hierzulande an der Ausübung ihrer Religion gehindert, schrieb er den Verantwortlichen wütende Briefe.

Also letztlich ein Idealist. „Ich gehe meinen Weg“, sagt Altun anstatt einer Antwort. Gerade hat er mit dem Krupp-Gymnasium einen mit 1000 Euro dotierten Preis für Zivilcourage ausgelobt. „Wir alle“, sagt Altun, „profitieren von Menschen mit Zivilcourage.“ Recht hat er! Und inzwischen klingt das mit der Brüderlichkeit auch nur noch halb so schräg.

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