Senioren

Wenn der Spazierstock zur Geheimwaffe wird

Dorothea (78) übt mit Kursleiter Gerhard Kandora wie der Spazierstock bei der Selbstverteidigung helfen kann.

Dorothea (78) übt mit Kursleiter Gerhard Kandora wie der Spazierstock bei der Selbstverteidigung helfen kann.

Foto: Erwin Pottgiesser

Rheinhausen.   Selbstverteidigung mit der Gehhilfe: Im Katholischen Bildungsforum Rheinhausen hat sich ein mutiger Kursleiter von Seniorinnen vertrimmen lassen.

Gerhard Kandora kann so schnell nichts umhauen. Der durchtrainierte Kampfsportler mit den breiten Schultern macht auch mit 65 Jahren einen mehr als standfesten Eindruck. Um einen solchen Kerl ins Wanken zu bringen, müssen die Damen mit ihren Spezialwaffen ran. Leonore hat an diesem Morgen im Seminarraum des Katholischen Bildungsforums gelernt, wie sowas geht. Die 71-Jährige holt kräftig aus und verpasst ihrem Gegenüber mit dem Gehstock einen gezielten Schlag gegen den Oberschenkel. „Oh je!“ Überrascht von der eigenen Courage und Kraft hält sie sich die Hand vor den Mund. „Entschuldigung!“

Der Trainer reibt sich lächelnd übers Bein und lobt die rüstige Kursteilnehmerin: „Das war genau richtig!“ Der Mann kann das ab. Er muss nur flott sein empfindliches Smartphone aus der Hosentasche retten. Der Rest ist Arbeitsalltag für ihn. Als ehemaliger Justizvollzugsbeamter, Ju-Jutsu-Experte und Trainer für Einsatzkräfte im Strafvollzug hat der Rumelner schon ganz andere körperliche Herausforderungen gemeistert. „Von meinem Wissen möchte ich gerne etwas weitergeben“, beschreibt der 65-Jährige seine Motivation, nach der eigenen Pensionierung nun Senioren in einem Präventionskurs zu zeigen, wie sie einen Spazierstock als Waffe einsetzen können.

Dieses Angebot war auch für Männer gedacht, aber es kamen nur mutige Frauen. „Ich habe gar keinen Gehstock, aber ich nehme gerne einen Stockschirm mit“, sagt Dorothea, die mit ihren 78 Jahren in Sachen Selbstverteidigung noch dazulernen möchte. Die Jacke mit den hübschen Schmucksteinchen hat sie ausgezogen, um die Übungen besser mitmachen zu können. „Ein Regenschirm funktioniert auch“, sagt Gerhard Kandora und studiert vier Basis-Techniken ein, mit denen sich die Seniorinnen im Ernstfall zur Wehr setzen könnten.

Variante eins ist für harmlose Annäherungsversuche von Fremden gedacht. „Wie viel Nähe ist Ihnen angenehm?“, fragt der Trainer und rückt Schritt für Schritt an die 78-Jährige heran. „Also das ist mir jetzt zu nah, wir kennen uns ja gar nicht“, sagt sie. Was tun, wenn das auf der Straße passiert? Gerhard Kandora macht eine einfache Bewegung vor. Bloß nicht nach hinten zurückweichen, da gerät man schnell ins Straucheln, wie eine Teilnehmerin beim Selbstversuch erfährt. Besser seitlich aus der bedrängten Situation hinausgehen, Blickkontakt halten und sich den Freiraum verschaffen, um an dem Fremden vorbeizugehen.

Mit Schwung in den Magen

Zum Aufwärmen klappt das bei allen gut. Anspruchsvoller wird es, wenn man tatsächlich körperlich bedrängt wird. Doch selbst wenn der Angreifer viel kräftiger ist als eine zierliche 80-Jährige: So ein unscheinbarer Stock kann Wunder bewirken. „Die Überraschung ist auf Ihrer Seite“, motiviert der Trainer die Damen. Denn kaum einer wird damit rechnen, dass ein potenzielles Opfer für leichte Beute ihm plötzlich die Gehhilfe vor den Brustkorb knallt. Leonore packt den schwarzen Helfer fest mit beiden Händen, lässt ihn quer durch die Luft sausen und macht einen mutigen Schritt auf den von Kandora gespielten Angreifer zu.

Nach den ersten Erfolgen haben die Damen Blut geleckt. Spazierstock quer, klappt! Nächste Lektion: Mit der Spitze und genügend Schwung dem Angreifer in den Magen oder andere Weichteile stechen. Diesmal schützt sich Gerhard Kandora dann doch lieber mit einem dicken Polster, auf das die Seniorinnen mutig einstechen. „Das klappt ja gut“, freut sich Dorothea, Wenn man einmal weiß, wie das geht, wundert man sich, wie leicht es ist.“

Für sie und die anderen wird es an diesem Vormittag nicht das letzte Erfolgserlebnis bleiben. Am Ende des Kurses haben sie jede Menge Tipps und Techniken verinnerlicht. Dazu gehört der einfache Hinweis, die Rufnummer der Polizei auf dem Handy so zu speichern, dass nur noch die Taste 1 gedrückt werden muss. Oder der Ratschlag, auf dem Bürgersteig nicht zu nah an der Häuserwand zu gehen, damit man dort nicht in die Enge gedrängt werden kann. Sogar den Extremfall, wenn ein Täter einem den Hals zudrückt, hat Kandora mit den Kursteilnehmern geübt. Dorothea und die anderen wissen jetzt, wie sie sich auch aus einer solchen Lage befreien können. Mit und ohne Spazierstock.

Sehr viel selbstbewusster werden die Seniorinnen künftig auftreten, wenn sie alleine unterwegs sind. Das ist nicht nur ein viel besseres Gefühl, als ängstlich durch die Welt zu gehen. Es verhindert im besten Fall auch, dass sie überhaupt zum Opfer werden.

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